01. November 2003
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Regisseur Alexander Sokurov und Kameramann Tilman Büttner über ihren Film "Russian Ark", eine 90-minütige, ungeschnittene Kamerafahrt durch die Eremitage in St.Petersburg

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Herr Sokurov, Ihr Film "Russian Ark" ist in einem der größten Museen der Welt entstanden - wann haben Sie in Ihrem Leben das Museum für sich entdeckt?
Sokurov: Zu Schulzeiten bin ich noch sehr selten ins Museum gegangen, weil ich in einer sehr kleinen Stadt in der Region Irkutsk aufgewachsen bin, wo es kein einziges Museum gab. Große Museen entdeckte ich erst, als ich zum Studium nach erstmals in eine Großstadt kam, Gorkij an der Wolga (heute Nischnij Nowgorod). Ich besuchte die Geschichts-Fakultät, insofern spielten die Museen, Gemäldegalerien der Stadt für mich eine große Rolle. Außerdem fühlte ich mich immer mehr zu Orten wie Museen, Bibliotheken und Archiven hingezogen - Orte wo historische, künstlerische Werke aufbewahrt werden.
Später kam ich dann nach Leningrad und ich kann mich noch gut an meinen ersten Besuch der Eremitage erinnern. Es war Winter, 25 Grad unter Null und sehr windig. Als ich die Eremitage betrat, war es dort wunderbar warm und sehr gemütlich. Ich fühlte mich auf einmal wie in einem neuen Zuhause angekommen und ich sagte mir: wenn ich in Petersburg leben und arbeiten werde, werde ich die Eremitage für immer in mein Herz schließen.
Wie lange haben Sie denn gebraucht, alle Räume einmal zu sehen?
Sokurov: Etwa zwei Jahre, in denen ich die Eremitage jeden Monat mehrmals besucht habe. Das ist ja eine ganze Stadt, eine eigene Welt, in der ich für mich so viel neues in der Kunst und auch in der Architektur entdecken konnte. Es ist auch eine einzigartige Atmosphäre, schließlich haben in der Eremitage ja früher auch Menschen gelebt, die Zaren-Familie und ihre vielen Bediensteten. Es ist also einerseits ein sehr lebendiges Gebäude, andererseits aber auch ein Lebensraum, also nicht ein reines Museumsgebäude.
Wann kamen Sie auf die Idee, in der Eremitage einen Film zu drehen?
Sokurov: Bei einem Besuch der Eremitage vor etwa 15 Jahren spürte ich auf einmal das Bedürfnis, diesen Gesamteindruck, dieses Gefühl der Ganzheit, welches sich einstellt, wenn man sich im ständiger Nähe zu den Kunstwerken befindet, in einem Film festzuhalten. Ich dachte auch bereits an eine einzige Kamerafahrt ohne Schnitt. Aber damals war der technische Standard noch nicht weit genug und einer vernünftigen Realisierung der Idee nicht angemessenen gewesen. Als dann aber die "High Definition"-Technik entwickelt wurde, wusste ich, dass die Zeit gekommen war. Bis dahin hatte ich zu dem Projekt schon sehr viel in Arbeits-Notizen festgehalten und am Ende musste ich nur noch mit der Eremitage alles vereinbaren, einen Produzenten finden ...
... und natürlich einen Kameramann. Herr Büttner, wann waren Sie das erste Mal in der Eremitage?
Büttner: Etwa ein Jahr vor Drehbeginn, das war für mich die erste Motivbesichtigung. In dem Jahr der Vorbereitung bin ich dann immer wieder nach St.Petersburg gefahren, bin wochenlang durch die Säle gelaufen, habe alles mit einer Handkamera abgefilmt. Ich musste mir den Kamera-Weg einprägen und natürlich auch das Timing üben.
Und wie gefiel Ihnen die Idee, einen Film in einem Museum zu drehen?
Büttner: Ich hatte ein wenig Angst, einen Film im Museum zu machen, weil ich weiß: wenn ich als Besucher durch ein Museum gehe, bin ich nach zehn Räumen schon total müde und fertig. Da dachte ich mir natürlich, wenn wir einen Film in einem Museum drehen, ermüden die Kinozuschauer ganz bestimmt. Aber ich habe die Herausforderung angenommen, weil ich total begeistert und erschlagen war von diesem schönen Gebäude, von der Größe, dem Prunk, den Kunstwerken - und auch von den Leuten, die darin rumgewandelt sind. Für die Petersburger ist das ja eine Art Heiligtum, viele kommen sehr oft, um sich zu entspannen, um auf andere Gedanken zu kommen.
Der Film ist vor allem aufgrund seiner Drehweise ohne Schnitt auf großes Internationales Interesse gestoßen. Doch beim Betrachten des Films vergisst man recht schnell, dass es sich um eine einzige Kamerafahrt handelt.
Büttner: Ja, ich glaube sogar, wenn der Zuschauer es vorher weiß, würde er diese Besonderheit gar nicht bemerken. Das Bild ändert sich natürlich ständig, wir betreten einen neuen Raum, haben eine neue Licht- und Farbsituation, andere Darsteller, andere Musik oder Geräusche - das alles wirkt ja eigentlich auch schon wie eine Art Schnitt. Wenn man dann aber in der Geschichte drinhängt und dem Erzähler und dem führenden Hauptdarsteller durch das Gebäude folgt, bemerkt man den One-Shot wohl kaum mehr.
Sokurov: Man muss aber dazu sagen, dass der One-Shot nur eines von vielen Instrumenten ist, mit denen der Film gemacht ist. Ebenso spielen der Ton, die Geräusche im Film eine wichtige Rolle, das Spiel der Schauspieler, genauso auch die Gemälde und die Architektur der Eremitage. Das sind alles wichtige Elemente der künstlerischen Entscheidung gewesen. Sicher war die Arbeit ohne Schnitt dabei das schwierigste Element. Das haben wir für diesen Film ja sozusagen erfunden und man musste erst einmal lernen, damit umzugehen.
War diese Drehweise denn unabdingbar für die Geschichte, die Sie mit "Russian Ark" erzählen wollten?
Sokurov: Ja, das war sehr verbunden mit der Geschichte. Die kennt ja keine Pausen sondern fließt immer weiter wie ein Fluss. Es gibt kein Stehenbleiben, sondern man bewegt sich in diesen historischen Strom hinein, verweilt in ihm und tritt vorsichtig wieder aus ihm hinaus. Es ist einfach der lebendige, organische, historische Prozess, der keinen Stillstand kennt.
Und wie sind Sie mit dem Resultat zufrieden?
Sokurov: Bei mir ist es immer so, dass ein Film am Ende anders wird, als ich ihn mir zu Beginn der Arbeit vorgestellt habe, auch weil ich den Film als lebendiges Wesen betrachte, das sich in ständiger Entwicklung befindet, solange man an dem Film arbeitet. Oft eröffnen sich einem Regisseur ja erst durch den Dreh ganz neue Perspektiven. Das jetzige Resultat empfinde ich nun als viel interessanter, als das, was ich mir zu Beginn vorgestellt habe.
Büttner: Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich den Film gerne noch einmal gedreht. Aber es stand ja von vornherein fest, dass wir nur einen Drehtag haben würden. Etwa 35 Tage waren wir dann in der Post-Production - das ist im Vergleich zu großen Hollywood-Filmen noch sehr wenig, die arbeiten selbst bei 100 Drehtagen noch viel länger an der Post-Production. Da bin ich mit unserem Ergebnis doch sehr zufrieden, zumal es ja eigentlich nur eine gedrehte Probe war.
Die 90-Minuten-Sequenz klappte erst im vierten Anlauf, was gleichzeitig auch der letzte mögliche Versuch war, da das Tageslicht zu Ende ging und der mitwirkende Dirigent Valery Gergiev zum Flughafen musste. Wie groß war die Gefahr, dass auch dieser Versuch scheitern würde?
Büttner: Sehr groß. Erst mal gab es keine Versicherung, wenn also etwas schiefgelaufen wäre, hätten wir den Film nicht noch mal drehen können. Zweitens hat es nicht geschneit. Wenn es geschneit hätte, wären in der Mitte des Films bei der Szene im Garten der Eremitage Schneeflocken auf die Linse gekommen wären, die hätte man ja nicht einfach wegwischen können. Drittens ist niemand über das dünne Videokabel gestolpert, wodurch die Kamera mit dem speziellen Festplatten-Rekorder verbunden war. Ich hätte ja auch stolpern oder irgendwo anstoßen können. Und dann ist in der Mitte des Films etwas ganz schlimmes passiert: als ich von der Kamerafahrt im Garten in die Eremitage zurückkam, hielt der Hauptdarsteller einen Schneeball in der Hand. Und was macht er, was nie geprobt war? Er schmeißt den Schneeball Richtung Kamera. Eine winzigste Schneeflocke auf der Linse hätte den ganzen Film zunichte gemacht. Mir blieb das Herz stehen - und der Schneeball zerplatzte in der Luft.
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