29. März 2007
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Sängerin Bebel Gilberto über das hektische New York, entspannte Brasilianer, das Album „Momento“ und ihren früheren Produzenten Suba

© Philippe Kliot
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Mrs. Gilberto, Sie sind 1991 von Ihrer brasilianischen Heimat nach New York gezogen. Wie war diese Umstellung für Sie?
Gilberto: Am Anfang war es sehr schwer. Ich musste wirklich hart arbeiten, auch an Dingen, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Aber letzten Endes denke ich, dass es das wert war. Immerhin habe ich jetzt schon mein drittes Album aufgenommen.
Ich hasse es, in New York zu leben - und ich liebe es. Weil ich kann in New York gehen, wohin ich will. Niemand wird mich schräg angucken, mich verurteilen oder mir Schuldgefühle einreden wollen, weil die Leute etwas anderes von mir erwarten. Ich bin in New York ein absolut freier Vogel. Ich denke, dass ich in Brasilien so nicht leben könnte.
Sehnen Sie sich nicht nach Ihrer Heimat?
Gilberto: Auch wenn ich in New York lebe, habe ich bisher nie mehr als sechs Monate außerhalb Brasiliens verbracht. Ich gehe immer wieder zurück. Gerade war ich wieder drei Wochen dort. Drei Musiker aus meiner Band kommen auch aus Brasilien, und ich kommuniziere mit meinen brasilianischen Freunden über Telefon, Internet...
Hat man es als Brasilianerin schwer in New York?
Gilberto: Ich bin ja sehr brasilianisch veranlagt, dramatisch, temperamentvoll – als ich nach New York gegangen bin, musste ich viel mehr praktisch denken. Ich musste ganz bestimmte Dinge tun, kein Drama veranstalten, einfach nur machen. Ich glaube, wenn ich nicht nach New York gegangen wäre, hätte ich das nie gelernt.
Das Problem mit New York ist nur, dass du schnell in eine Hektik verfällst. Wenn du einen Kaffee trinken willst, bezahltst du ihn bevor du ihn trinkst, du trinkst ihn auch nicht im Sitzen, sondern im Gehen... Ich habe neulich einen Artikel in einem New Yorker Journal gelesen, da haben sie verschiedene Leute gefragt, wie sie ihre innere Ruhe finden. Einer hat gesagt „In dem ich meinen Kleiderschrank aufräume.“ Und ein anderer meinte, er geht immer joggen – Naja, bei der verdrecken Luft... Also, das ist schwierig. Ich fühle mich auch einsam in New York.
Aber zum Glück kam ja vor sieben Jahren der Erfolg mit meinem Album „Tanto Tempo“. Ich bin jetzt seit 15 Jahren in New York, die ersten sieben Jahre waren ein Kampf, und die Jahre danach habe ich einfach viel gearbeitet. Heute reise ich sehr viel, und ich fühle mich sehr geehrt, wie die Leute überall auf der Welt meine Musik annehmen. Aber das wäre alles nicht passiert, wäre ich nicht nach New York gegangen. Insofern will mich gar nicht beklagen. Klar, politisch gesehen ist Amerika am Arsch, Bush ist beschissen etc. Aber damit beschäftige ich mich nicht so sehr.
In New York regiert mehr das Geld ...
Gilberto: Ja, sicher, ich muss auch jeden Monat gucken, dass ich meine Miete bezahlen kann. Alles wird teurer. Als ich nach New York gezogen bin, kostete ein U-Bahn-Ticket 75Cent, heute sind es 2 Dollar. Ein Kaffee kostete 50 Cent, heute 1 Dollar.
Und in Brasilien geht es stattdessen mehr um die Musik?
Gilberto: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich denke, in Brasilien geht es erst mal darum, zu überleben. Natürlich gibt es dort viel Inspiration für die Musik. Aber es gibt auch viel Gewalt und viele politische Probleme.
Was ich erstaunlich finde, wie nett die Brasilianer sind. Neulich wollte ich einen Kaffee trinken gehen, ich gab zuerst das Geld, aber die Frau meinte: „Hey, entspann dich, setz dich, trink erst mal deinen Kaffee, danach kannst du bezahlen und wenn nicht, dann bezahlst du ihn eben morgen...“ Das sind die entspanntesten Menschen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Sie wollen einfach, dass es dir gut geht, sie sind nicht so selbstsüchtig, sie teilen die guten Dinge des Lebens mit dir.
Wie sehr ist Ihre Musik von Ihrer Heimat beeinflusst?
Gilberto: Also, allein weil ich Brasilianerin bin, muss ich von meiner Heimat beeinflusst sein. Das ist ganz klar. Die Gitarre, die Percussions, all diese Instrumente sind heute Teil meiner Musik. Definitiv hat Brasilien mich viel beeinflusst.
Es gibt in der brasilianischen Musik diesen Begriff „Saudade“. Rob Garza and Eric Hilton von Thievery Corporation haben mir das einmal versucht zu erklären, es ging darum, einerseits traurig, melancholisch zu sein, aber gleichzeitig auch glücklich.
Gilberto: Tja, wenn Amerikaner versuchen “Saudade” zu erklären… Darf ich es Ihnen erklären? Es geht um Sehnsucht. „Ich sehne mich nach dir“ zum Beispiel. Du kannst Sehnsucht nach Brasilien haben, nach Essen, oder einfach nach deinem eigenen Bett. Aber das hat nichts mit Melancholie oder Freude zu tun. Dieses Wort beschreibt einfach die Sehnsucht.
Aber lässt sich mit Saudade auch die Stimmung in der brasilianischen Musik beschreiben?
Gilberto: Saudade ist einfach ein Gefühl. Das gibt es in der brasilianischen Musik, aber auch in Musik aus Afrika, egal woher du kommst.
Wie würden Sie denn die Atmosphäre der klassischen Bossa-Nova-Songs beschreiben?
Gilberto: Da geht es viel um Liebe, die Natur, von Liebe inspiriert sein, oder auch Sehnsucht nach etwas haben. Aber es geht beim Bossa Nova eigentlich mehr um diese Einfachheit der Worte und weniger darum, politisch korrekte oder inkorrekte Botschaften zu vermitteln. Das sind einfache Songs, aus einer Zeit, wo die Leute noch mehr von Liebe inspiriert waren, zumindest mehr als wir heute im 21. Jahrhundert.
Bezeichnen Sie Ihre Musik heute auch als Bossa Nova?
Gilberto: Ich versuche immer, diese Bezeichnung für meine Musik zu vermeiden. Bossa Nova hat man vor fast 60 Jahren gemacht. Und es wäre anmaßend, wenn ich heute sagen würde: Ich mache Bossa Nova.
Sie arbeiten im Gegensatz zum klassischen Bossa Nova viel mit elektronischen Sounds. Haben Sie manchmal die Befürchtung, dass dadurch Gefühle in der Musik verloren gehen?
Gilberto: Nein, so denke ich nicht. Ich mache es einfach, ich füge Dinge hinzu, mixe sie, singe dazu. Ich mache mir nie Gedanken darüber, ob ein Gefühl verloren geht oder nicht. Natürlich gibt es da ein Risiko. Ich versuche aber sehr selbstbewusst an die Sache ranzugehen. Und ich mag es, mit Dingen zu experimentieren...
Ihr Album „Momento“ scheint mir Ihr bisher ruhigstes und entspanntestes zu sein.
Gilberto: „Ruhig“ würde ich nicht sagen, aber „entspannt“, da stimme ich Ihnen zu. Für mich ist es auch das verrückteste Album. Ich wollte dieses Mal nicht so sehr auf Perfektion fixiert sein. Ich habe viel Gesang bei mir zu Hause aufgenommen, ich habe Geräusche auf der Strasse aufgenommen, es musste nicht alles so klar und sauber klingen.
Sind Sie heute mehr entspannt als früher, weil Sie die Zeit hinter sich haben, in der man Sie nur nach Ihren prominenten Eltern gefragt hat?
Gilberto: Ich denke schon. Ich hoffe, dass ich diesen Teil meines Lebens abgeschlossen habe und nun endlich ich selbst sein kann.
In vielen Artikeln über Sie liest man, dass Sie sich nicht besonders gern zu Ihren Eltern geäußert haben...
Gilberto: Sie müssen sich das ja auch einmal vorstellen: Seit ich zehn Jahre alt bin habe ich nonstop über meine Eltern geredet. Und ich habe mich immer gefragt: Wann hört das auf? Ich habe als brasilianische Künstlerin inzwischen selbst sehr viele CDs verkauft.
Für mich macht es auch keinen Sinn, nur über meine Eltern zu sprechen. Das ist so, als wenn Sie dauernd von Ihrem Vater erzählen würden. Das macht man vielleicht die ersten fünf Jahre, nachdem man sein Zuhause verlassen hat, aber danach nicht mehr. Dann triffst du deine Eltern vielleicht zu Weihnachten, oder auch nicht. Meine Familie ist genauso wie jede andere Familie auch. Da gibt es nichts besonders.
Könnten Sie sich heute vorstellen, eine Drum’n’Bass-Version von „The Girl from Ipanema“ zu singen?
Gilberto: Nein. Das überlasse ich mal lieber anderen Leuten. Ich schreibe lieber meine eigenen Songs. „The Girl from Ipanema” wurde außerdem schon von so vielen gesungen.
Aber es könnte Ihre persönliche, moderne Interpretation sein...
Gilberto: Ich denke, das wäre einfach nur geschmacklos. Klar, wenn ich nur Geld machen wollte, dann hätte ich das schon lange getan. Aber ich will ja vor allem Musik machen.
Ihr erstes Album wurde von Mitar Subotic alias Suba produziert, der 1999 bei einem Brand in seinem Studio ums Leben kam. Können Sie ein bisschen von ihm erzählen?
Gilberto: Ja, Suba kam 1991 nach Brasilien. Das war genau das Jahr, in dem ich nach New York gegangen bin. Wir haben uns also verpasst und ich habe ihn erst sieben Jahre später, 1998 getroffen. Er sprach perfekt Portugiesisch, er kannte die ganze brasilianische Kultur, das Essen... Er war ein anspruchsvoller, aber auch ein bisschen düsterer Mensch. Er hatte so eine kroatische Art, er war verführerisch und rebellisch zugleich. Das hat mich fasziniert, ich dachte „Wow, das ist das, was ich machen will.“ Wir haben sofort angefangen, zusammenzuarbeiten und „Tanto Tempo“ aufgenommen. Und ich wünschte, er würde immer noch meine Musik produzieren, weil er war eine der lustigsten Personen, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Neben all seinem Talent war er superkomisch. Er war auch ein guter Koch, ein guter Liebhaber – eine meiner besten Freundinnen ging mit ihm, sie wollten auch heiraten, aber kurz davor ist er gestorben. Das war hart.
Er hat vor allem auch geholfen, die brasilianische Musik in der Welt zu verbreiten. Aber dann gab es auch die Frage nach den Genen: Muss man wirklich in Brasilien geboren sein, um Brasilianer zu sein? Wenn ein Ausländer so tief in die Kultur eines Landes eindringt und so viel mit Brasilianern zu tun hat... – Im Fall von Suba dachte ich nie, dass er Jugoslawe wäre. Für mich war er ein wahrer Paulista (Bezeichnung für die Einwohner Sao Paulos; Anm. d. Red.).
Unsere Schlussfrage lautet: Das Leben ist ein Comic – welche Figur sind Sie?
Gilberto: Betty Boo. Die bewundere ich. Ich identifiziere mich auch ein bisschen mit ihr. Sie ist klein und charmant.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=221 | © planet-interview.de | Foto: Philippe Kliot
» Ich muss nicht ständig auf Partys gehen, habe keine Lust auf permanente Unterhaltung und nehme auch keine Drogen. Man könnte auch sagen: Ich bin langweilig.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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