Ben Becker über seine Jugend, 'Eugenspiegeleien', große und kleine Projekte und den Film "Max und Moritz Reloaded"

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Herr Becker, Max und Moritz, zwei schwer erziehbare Jugendliche aus Hamburg, treiben es in Ihrem neuen Film ziemlich wild. Wie würden Sie Ihre eigene Jugend beschreiben?
Becker: Na ja, mit vierzehn, fünfzehn hatte ich selbst eine wilde Zeit. Ich bin allerdings nicht mit einer Kalaschnikow durch die Straßen gerannt wie die beiden im Film - auch wenn ich manchmal kurz davor war.
Wie muss man sich das genau vorstellen?
Becker: Na ja, wie man sich so eine Jugend à la Huckleberry-Finn-Tom-Sawyer eben vorstellt. Meine Eltern waren manchmal schon geschockt und haben doof aus der Wäsche geguckt, wenn nachts um drei Uhr fünf Kriminalbeamte in Zivil vor der Tür standen. Da gab`s dann auch mal Ärger. Ich bin schon immer sehr weit gegangen und habe getestet, wie weit man das Spiel treiben kann, bis einem jemand auf die Finger haut. Um sich im Leben zurechtzufinden, muss man Dinge ausloten und ausprobieren, was passiert, wenn man jemanden verletzt. Man muss lernen, wie man sich Menschen gegenüber verhält, wenn man kein Arschloch werden will.
Im Film spielen Sie Mörder-Hanne, einen Hamburger Luden, der schnell ausflippt. Gibt es da Parallelen zu Ihrer Persönlichkeit?
Becker: Kaum. Ich habe ein paar Mal kleine Eulenspiegeleien betrieben und ein bisschen Blödsinn gemacht. Ich bin eben nicht Kai Pflaume. Ich setze mich mit meiner Arbeit und meiner Kunst auseinander - teilweise eben auch über die Medien. Ich bin nicht daran interessiert, möglichst viel Geld zu verdienen, brav rüberzukommen und mit Herrn Westerwelle zu kuscheln. Ich suche eine andere Art der Auseinandersetzung mit Geschichten, mit der Gesellschaft und mit Menschen. Dazu gehört auch, an Grenzen zu gehen.
Wie weit gehen Sie dabei?
Becker: Ich war einmal zusammen mit Guido Westerwelle in der Sendung bei Reinhold Beckmann. Nachdem Westerwelle zehn Minuten lang erzählt hat, dass er in seinem Leben noch kein Hasch angefasst hat und das auch nicht will, habe ich ihm einfach ein Piece angeboten. Am nächsten Tag stand dann groß in der Bild Zeitung: "Kripo ermittelt gegen Ben Becker". Das sind so kleine Eulenspiegeleien, über die viele Leute lachen können, die mir aber auch den Ruf des Enfant terrible eingebracht haben. Als das überhand genommen hat, habe ich mich zurückgezogen. Seit einem Jahr hören Sie sehr wenig von mir. Ich renne nicht mehr in irgendwelche Talkshows, sondern lasse mich lieber danach beurteilen, was ich auf der Bühne mache.
Stimmt es, dass die Rolle der Mörder-Hanne an Ebby Thust angelehnt ist, Box-Promoter und der Mann, der den Vater von Steffi Graf erpresst hat?
Becker: Ja, auch. Ich habe Ebby Thust einmal kennen gelernt und mir bestimmte Sachen von ihm abgeguckt. Ich war selbst einmal Ringsprecher beim Boxen und kenne das Milieu ganz gut. Es hat großen Spaß gemacht, all die Geschichten, die ich nachts in den Hotels beim Glücksspiel erlebt habe, in die Rolle einfließen zu lassen. Ich habe selten so gelacht wie bei diesen Dreharbeiten. Allerdings gab es auch Leute am Set, die geschockt waren und dachten, ich bin wirklich so drauf wie der Typ, den ich spiele. Da gab es einmal ziemlichen Terz, weil eine der Schauspielerinnen in Frage gestellt hat, was ich da tue. Für meine Arbeit ist so etwas völlig kontraproduktiv.
Sie lassen sich in solchen Momenten auf keinen Diskurs ein?
Becker: Nein. Ich bin Schauspieler, ich muss vor die Kamera. Ich zweifle allerdings oft an mir und meiner der Arbeit. Ich bin ein sehr reflektierender Mensch und mache viel mit mir selbst aus. Von außen lasse ich Zweifel ungern zu oder nur dann, wenn es sich um einen positiven Austausch von Kritik handelt. Ich definiere mich über meine Kunst, will aber am liebsten gar nicht erklären, was ich da mache. Ich male ein Bild, hänge das hin und die Leute sollen dann selbst entscheiden, ob sie das schön finden oder nicht. Ich will ihnen nicht erklären müssen, warum ich da ein Gelb verwendet habe. Den Laden aufzumachen und zu sagen, kommen Sie doch zu mir in die Küche und gucken Sie mir beim Selbstzweifeln zu, dazu habe ich keine Lust.
Im Film versuchen zwei ehemalige NVA-Offiziere, Max und Moritz Zucht und Ordnung beizubringen. Was sollte man Ihrer Meinung nach heute jungen Menschen mit auf den Weg geben?
Becker: Wichtig ist, Dinge in Frage zu stellen. Damit meine ich nicht "Nehmt euch einen Backstein und haut dem anderem das Fenster ein". Das kann man zwar auch machen, aber dann muss man auch die Konsequenzen daraus ziehen und etwas lernen. Der Schriftsteller Ezra Pound wurde einmal gefragt, was er jungen Schriftstellern empfehlen würde. Er hat gesagt: "Hier graben." Das heißt, die Dinge zu hinterfragen. Wer das nicht tut, verdummt. Leider verdummen heute Jugendliche zunehmend durch all das, mit dem sie zugeballert werden. Das sehe ich schon bei meiner Tochter. Dagegen kann man gar nichts machen. Die kommt aus dem Kindergarten und findet Sachen toll, da denke ich immer nur: "Das ist doch nicht meine Tochter."
Sie sind ein Mann mit vielen Leidenschaften: Musik, Film, Theater, Lesungen. Was ist Ihnen das Wichtigste?
Becker: Alles zusammen. Am besten, man würfelt alles zusammen und bastelt etwas Schönes daraus. Ich bin kein Multitalent, sondern ein Geschichtenerzähler. Wenn ich Lust habe, mich künstlerisch zu äußern und ein Bild zu malen, dann male ich eben ein Bild. Wenn ich Lust habe zu schreiben, dann tue ich das. Das Handwerk aber, das ich gelernt habe und wofür man mir hoffentlich mal eine Rente zahlt, ist die Schauspielerei.
Sie scheinen eine ausgeprägte Vorliebe für kleinere Projekte zu haben wie "Max und Moritz Reloaded" oder Lesungen. Haben Sie daran mehr Spaß als an großen Produktionen?
Becker: Natürlich mag ich auch aufwändige Kinoproduktionen. Mit dem Regisseur Oliver Hirschbiegel zusammen habe ich zum Beispiel gerade einen größeren Film gemacht. Momentan gibt es aber nicht allzu viele Projekte, bei denen mein Typ gefragt ist. Im Moment verkaufen sich gutaussehende junge Männer einfach besser. Anspruchsvollere Rollen sind derzeit rar. Außerdem geht es der Branche ja allgemein schlechter. Insofern habe ich viel Zeit für meine Geschichten. Ich trete zum Beispiel im Münchner Prinzregentheater auf, in der Musikhalle in Wien und im Gewandhaus in Leipzig. Mit meinen Lesungen fülle ich Säle mit 1.000 bis 1.200 Zuschauern - Kleinkunst oder Independent ist das nicht gerade. Aber natürlich stehen auch nicht die Amerikaner vor der Tür und sagen: "Herr Becker, würden Sie mit Russell Crowe ‚Master and Commander', Teil 2 drehen?"
Sie haben mal gesagt "Ich will an der Spitze meines Lebens leben". Was meinen Sie damit?
Becker: Das ist ein völlig bescheuerter Satz, den ich irgendwann mal von mir gegeben habe. Der macht überhaupt keinen Sinn, hört sich aber gut an. Ich werde immer wieder darauf angesprochen. Das ist genauso wie "Und lautlos fliegt der Kopf weg" - der Titel meiner ersten Platte. Das ist mir damals beim Pinkeln eingefallen. Ab und zu fallen mir einfach solche Sätze ein. Aber solange die Leute Spaß dran haben und ich darüber lachen kann, ist das doch in Ordnung.

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