...nur leider ohne kritische Fragen
Manchmal liegen kritische Fragen einfach in der Luft und auch jeder Nicht-Journalist würde sie stellen. So hätten in diesen Tagen sicher einige Hundert Journalisten großes Interesse an einem Interview mit Helene Hegemann gehabt, die in ihr Buch „Axolotl Roadkill“ bekanntlich allerlei Textstellen von anderen Autoren übernommen und als ihre eigenen ausgegeben hat.
Einer, der die Gelegenheit hatte, kritische Fragen zu stellen, war Harald Schmidt, der die junge Autorin am 11. Februar in seiner Show tatsächlich ein wenig auflaufen ließ (Stichwort Giorgio Agamben). Doch insgesamt sei selbst „Dirty Harry in dieser Nacht in der ARD bedingungslos zum Kuscheln aufgelegt“ gewesen, befand Ruth Schneeberger in ihrer TV-Kritik für die Süddeutsche-Zeitung (ebenfalls interessant ist der Blogeintrag hierzu von Christine Dössel auf http://blogs.sueddeutsche.de).
Nun veröffentlichte am gestrigen Sonntag 21.02. der Tagesspiegel ein Interview mit Helene Hegemann. Eigentlich ein Clou, da Hegemann seit vielen Tagen die Schlagzeilen beherrscht und in der Bestellerliste auf Platz zwei rangiert. Doch auch hier das gleiche Schauspiel: Kritische Fragen zum Kopieren anderer Texte und zum zweifelhaften Verweis Hegemanns auf das Konzept von Intertextualität bleiben aus (hierzu nur kurz ein Hinweis auf die Badische Zeitung, bei der sich kürzlich die 38-jährige Bloggerin Makita gemeldet hat, von der ein nicht gekennzeichnetes Zitat ebenfalls Eingang in Hegemanns Buch fand und die nun anmerkt, dass ihre Sätze „jetzt vielerorten als ,grandiose Sätze einer Siebzehnjährigen’ präsentiert werden. Ich bin 38, was soll ich dazu sagen?“)
Die Leerstelle im Tagesspiegel hat allerdings einen Grund, wie man in der Einleitung zum Interview nachlesen kann: „Helene Hegemann selbst möchte sich zu diesem Themenkomplex mit keinem Wort mehr äußern.“(Geäußert hat sie sich bisher hier und hier ).
Nun ist das Interview insgesamt nicht uninteressant und kommt an das hohe Niveau der Interviews, die der Tagesspiegel jeden Sonntag veröffentlicht, auch heran. Doch es stellt sich die Frage: Warum soll man als Redaktion klein beigeben und nur die vom Interview-Partner erwünschten Fragen stellen? Wäre es da nicht besser gewesen, dem Interview-Partner diese Plattform zu versagen und auf den Abdruck so eines Interviews zu verzichten? Es gibt zwar eine Stelle, die einem die Fragwürdigkeit des Buch-Erfolgs von Hegemann noch mal vor Augen führt:
Tagesspiegel: In Ihrem Buch findet man alle möglichen Zitate von vielen Künstlern. Da taucht einmal der Regisseur John Cassavetes auf …
Hegemann:… ach, echt?
Doch mehr kommt dann leider nicht. OK, dass der Tagesspiegel zum Interview die offizielle Auflistung jener Textstellen in "Axolotl Roadkill" mitliefert (PDF), die nicht von Hegemann stammen, ist für den Leser ein begrüßenswerter Service. Trotzdem entsteht letztendlich der Eindruck, dass man für die Quote/Auflage eben auch mal auf ein, zwei kritische Fragen verzichtet. (Die Frage, ob Harald Schmidt für seine Sendung ein ähnliches Zugeständnis an die Autorin bzw. deren Verlag machen musste, steht im Raum, wird aber vermutlich niemand offiziell beantworten können.)
Als wir vor gut einem Jahr eine Überschrift für unser Interview mit Helene Hegemann suchten, wählten wir ihr Zitat: „Der Jungendbonus ist unglaublich praktisch.“ Irgendwie hat sich diese Aussage in den letzten Wochen sehr bewahrheitet.
Allerdings dürfte mit dem Jugendbonus bald Schluss sein. Schließlich ist die Autorin gerade 18 Jahre alt geworden.
Update 28.02. Auf der Website des Tagesspiegel ist das Interview leider nicht mehr abrufbar. Es findet sich allerdings noch auf der Website der Potsdamer Neueste Nachrichten .
Autor: Jakob Buhre
21:51 Uhr, am 17. März 2010 | Paul Madsern
hat mir seh gefallenb...echt bewegend!
» Glaubt an euch selber, das ist viel wichtiger als Löffel zu verbiegen.«
Besondere Begebenheiten (57) Gute Fragen, Schlechte Fragen (7) Autorisierung & Co (10) Interview-Bücher (9) In eigener Sache (39)
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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