Cate Blanchett über ihre Darstellung der Filmdiva Katharine Hepburn in Martin Scorseses "Aviator"

© Buena Vista
Die Australierin Cate Blanchett absolvierte ihr Studium am National Institute of Dramatic Art in Sydney und arbeitete zunächst am Theater. Die Titelrolle in Shekur Kapurs ELIZABETH ("Elizabeth") brachte ihr 1998 eine Oscar-Nominierung sowie den Golden Globe ein. Für ihre Darstellung von Bob Dylan in Todd Haynes Filmbiografie "I’m Not There" wurde Blanchett 2008 mit dem Golden Globe Award in der Kategorie Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Für ihre Rolle als Katherine Hepburn in "Aviator" bekam sie einen Oscar als Beste Nebendarstellerin.

"Man kann der Hepburn nie gerecht werden. Das ist etwas, was man von Anfang an akzeptieren muss."
Voriges Zitat
"Ich habe jeden gefragt, den ich kannte und getroffen habe, was sie über Katharine Hepburn denken; was ihnen als erstes einfällt, wenn sie an sie denken."
Voriges Zitat"Scorsese ist vollkommen einzigartig. Niemand ist wie er; unvergleichlich. Er hat lesen gelernt, indem er die Untertitel der italienischen Filme gelesen hat, mit denen er aufgewachsen ist. "
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Mrs. Blanchett, mit vier Oscars ist Katharine Hepburn bis heute der erfolgreichste weibliche Filmstar. Wie sehr mussten Sie sich vorbereiten, um dieser Legende Hollywoods gerecht zu werden?
Blanchett: Man kann der Hepburn nie gerecht werden. Das ist etwas, was man von Anfang an akzeptieren muss: Sie war sehr speziell und einzigartig, und ihre Stimme ist so bekannt. Aber Martin Scorsese und ich waren uns einig, dass wir keine Imitation der Hepburn wollten. Vielmehr war es uns wichtig, ihre Ausstrahlung und ihr Temperament rüberzubringen. Und wir wollten diese bemerkenswerte Beziehung zwischen ihr und Howard Hughes erforschen. Beide sind aus demselben Holz geschnitzt und haben sich ihren Weg nie durch den öffentlichen Druck versperren lassen.
Was ist das Besondere daran, eine reale Person - noch dazu eine solche Filmdiva - zu spielen?
Blanchett: Ich habe schon Charaktere gespielt, die im realen Leben existiert haben. Aber ich habe noch nie eine so berühmte Schauspielerin dargestellt. Die Verantwortung ist eine andere. Ich habe jeden gefragt, den ich kannte und getroffen habe, was sie über Katharine Hepburn denken; was ihnen als erstes einfällt, wenn sie an sie denken. Ich habe versucht, ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Meinung die Leute von ihr hatten. Und trotzdem weiß ich, dass es Leute geben wird, die denken: "Das ist aber nicht meine Hepburn." Es ist aber auch der weniger bekannte Teil ihrer Karriere. Ich hätte mir sonst bestimmt auch nicht ihren Film "A Bill of Divorcement" (deutscher Titel: "Eine Scheidung") oder "Alice Adams" angeschaut - Filme, die sie gemacht hat, kurz bevor sie Hughes kennen lernte.
Katharine Hepburn ist nicht nur für ihre Filme berühmt, sondern auch für Ihre Fitness. Sie ist zum Beispiel jeden Tag eiskalt duschen oder baden gegangen. Haben Sie sich etwa auch diesem morgendlichem Ritual ausgesetzt?
Blanchett: Ich bin ein Weichei: Ich habe es versucht, aber ich habe es nur eine Woche lang durchgehalten. Es ist wirklich unglaublich. Sie muss so abgehärtet gewesen sein und sie war sehr, sehr athletisch. Haben Sie "Spitfire" gesehen? Das ist ein nicht ganz so erfolgreicher Film von ihr und in dem scheint sie sich regelrecht selbst umherzuwerfen.
Wie viel haben Sie für die Rolle trainiert?
Blanchett: Ich bin geschwommen und habe wieder angefangen, Tennis zu spielen. Im Film musste ich auch Golf spielen. Die körperliche Verfassung dieser Frau war wirklich sehr beachtlich.
War Katharine Hepburn denn nur eine starke Frau, oder haben Sie auch andere Seiten von Ihr kennen gelernt?
Blanchett: Sie war sehr laut und sehr eigenwillig. Ich habe mir oft das Interview angesehen, dass sie in den frühen 70er Jahren mit Dick Cavett geführt hat. Damals war sie bestimmt schon 70 Jahre alt und ich habe sie ja gespielt als sie Ende zwanzig war. Es war interessant zu sehen, wie unterschiedlich man in verschiedenen Lebensabschnitten ist.
Welche Besonderheiten haben Sie denn im Vergleich zu früheren Aufnahmen bemerkt?
Blanchett: Sie hatte vorher nie ein Fernseh-Interview gegeben und zunächst nur zugestimmt zum Interview kommen, um zu sehen, ob sie mit Cavett reden wollte oder nicht. Dann hat sie die Möbel verrückt und wollte nur von einer bestimmten Seite aufgenommen werden. Ich habe bemerkt, dass sie währenddessen mit den Nerven völlig fertig war. Das war interessant, sie so nervös zu sehen, und zu beobachten, wie sie beispielsweise ihren Hals versteckt hat. Sie hat sich in ihrem Körper scheinbar sehr unwohl gefühlt. Es war faszinierend, dieses Interview zu sehen und dann zurückzugehen, um zu untersuchen, welche Gesten mit denen ihrer Charaktere übereinstimmen. Ich habe versucht herauszufinden, welche Gesten ihre waren und welche sie für ihre Rollen ausgesucht hatte. Es war ein bisschen, als ob man einen Spieler beobachtet hätte: Man versucht zu beobachten, was seine Strategie ist; was er weggibt und was er in der Hand behält.
Katharine Hepburn verlässt Howard Hughes im Film ziemlich spontan, ist aber sehr strikt dabei. Kennen Sie diese Eigenschaft, Entscheidungen so rigoros zu treffen, auch von sich selbst?
Blanchett: In der Szene benutzt sie diese Rigorosität als eine Art Maske, um sich dahinter zu verstecken. Es ist ihre Art, mit diesem Konflikt umzugehen. Und es zeigt, welche psychologischen Probleme sie hatte. Als ihr Bruder tödlich verunglückte, oder sich selbst umbrachte - das weiß man nicht so genau - wurde das in ihrer Familie nie thematisiert. Sein Name wurde nie wieder erwähnt. Und das ist eine interessante Art mit Schock und Kummer umzugehen. Ich bin sicher, dass es sie sehr belastet und geprägt hat.
Katharine Hepburn wurde 96 Jahre und ist 2003 gestorben - haben Sie sie je getroffen?
Blanchett: Nein, leider nicht. Oder vielleicht auch zum Glück. (lacht) Ich denke, ich hätte vor Aufregung kein Wort herausgebracht.
Sie hat sich selbst als Außenseiter der Hollywood-Society betrachtet. Geht es Ihnen ähnlich?
Blanchett: Katharine Hepburn hat sich definitiv etwas darauf eingebildet, dass sie sich von anderen unterschied. Aber ich denke, dass sie sich diesem Unterschied erst in dem Moment bewusst wurde, als sie nach Los Angeles gegangen ist. Sie kam aus einer politisch ausgesprochen aktiven Familie. Dann ging sie nach Hollywood und stellte fest, dass der Rest der Welt nicht so dachte wie sie. Ob es mir so ähnlich geht? Nun, ich lebe ja nicht in Hollywood.
Aber es ist ja auch eine Entscheidung, dort nicht zu leben...
Blanchett: Es bestand nie die Notwendigkeit, nach Los Angeles zu gehen. Ich komme aus Australien, lebe in Europa und habe bei Produktionen mitgearbeitet, die mit amerikanischem Geld finanziert wurden, aber nicht unbedingt dort gedreht wurden. Filme machen kann man in der ganzen Welt, dazu muss man nicht in Hollywood sein.
Leonardo DiCaprio hat selbst jahrelang über Howard Hughes recherchiert und das Filmprojekt lange geplant. Wie war es für Sie, zu der Filmcrew rund um DiCaprio und Scorsese dazuzustoßen?
Blanchett: Wenn du spät zu einer feststehenden Produktion dazukommst, ist es sehr wichtig, dass du die Welt kennst, in die du da eintrittst. Wenn ich gekommen wäre, und gesagt hätte: "So mache ich das, so spiele ich die Hepburn" - das wäre Selbstmord gewesen. Du musst herausfinden, besonders wenn du mit jemandem wie Scorsese zusammenarbeitest, in welche Welt du kommst und welche Stimmung herrscht. Er interessierte sich sehr für ihre Ausstrahlung und ihre Energie. Und er wollte den ersten Auftritt der Hepburn im Film mit einem Knall. Der erste Film, den er mir gezeigt hat, war "His Girl Friday" (deutscher Titel: "Sein Mädchen für besondere Fälle") mit Cary Grant und Rosalind Russel. Er wollte dieses freche, optimistische und geistreiche Herumscherzen.
Wie viele Filme hat Martin Scorsese Ihnen gezeigt?
Blanchett: Oh Gott, unzählige Filme. Jeder Film mit Katharine Hepburn, den ich sehen wollte, war für mich da. Er hat sich oft dafür entschuldigt, wenn er einen Film nicht bis zum nächsten Tag besorgen konnte. Er sagte: "Kannst du bitte bis morgen warten?" Er will immer alles sofort machen. Und er weiß grundsätzlich, wo jeder einzelne Film aufbewahrt wird - quer über den Globus verteilt. Er kennt sich so gut aus mit der Aufbewahrung von Filmen.
Und wie ist er als Regisseur?
Blanchett: Als Regisseur ist er vollkommen einzigartig. Niemand ist wie er; unvergleichlich. Er lebt und atmet es. Er hat lesen gelernt, indem er die Untertitel der italienischen Filme gelesen hat, mit denen er aufgewachsen ist. Aber er ist nicht nur theoretisch beim Filmemachen, er kann neue Einflüsse verarbeiten und das Medium fortlaufend weiterentwickeln - ich schätze ihn sehr.
Noch eine Frage zu Ihren wundervollen Kostümen im Film...
Blanchett: Ja, sind die nicht fantastisch?!

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Können Sie ein paar davon behalten?
Blanchett: Die Kostüme, die Sandy Powell entwirft, werden Ausstellungsstücke. Sie sind so exklusiv. Ich habe früher darüber nachgedacht, ein Paar Schuhe oder Schmuck von einem Film zu behalten. Aber wann sollte ich die im Alltag tragen? Es fühlt sich wirklich sehr seltsam an, sie zu tragen. Sie gehören zu meiner Rolle und sind nicht Teil meiner Welt.
In "Elizabeth" von Shekhar Kapur hatten Sie auch so tolle Kostüme. Wird es von diesem Film eine Fortsetzung mit Ihnen geben?
Blanchett: Das werde ich in letzter Zeit immer wieder gefragt. Ich bin mit Shekar befreundet, und wir würden sehr gern wieder zusammenarbeiten. Ich glaube, das Drehbuch zum Film gibt es auch schon, aber ich habe es noch nicht mal gelesen. Also, es ist noch nichts spruchreif.
Spiegel Online, 13.02.2002
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=529 | © planet-interview.de | Foto: Buena Vista
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