Wenn es um ein Interview mit dem US-Präsidenten geht, dürfen die ganz großen ran. TV-Talkerin Sabine Christiansen und BILD-Chef Kai Diekmann treffen in den USA auf George W. Bush.
Gibt man bei einer großen Suchmaschine die Phrase "Interview mit George W. Bush" ein, so findet man nicht gerade viel. Es könnte sogar sein, dass es im Internet in deutscher Sprache mehr Fake-Interviews mit dem US-Präsidenten gibt, als solche, die tatsächlich stattgefunden haben.
Den deutschen Medien gegenüber hat sich George W. Bush bislang nicht besonders gesprächig gezeigt, wohl auch um jeder Menge kritischer Fragen aus dem Weg zu gehen. Im Rahmen von Angela Merkels jüngsten US-Besuch wird sich dies nun ändern, gleich zwei deutsche Journalisten hat die Kanzlerin im Gepäck, die mit Bush ein Interview führen werden. Zuerst kommt am 04. Mai Sabine Christiansen dran und darf mit dem Präsidenten im Weißen Haus plaudern. Einen Tag später trifft Bush dann auf den Chef der streitbarsten deutschen Tageszeitung, BILD-Chef Kai Diekmann.
Christiansen sendet ihr Interview am Sonntag, den 07. Mai ab 21.45 Uhr zur Sendezeit ihrer Talk-Sendung im Ersten, Diekmann hingegen wird sein Interview zu diesem Zeitpunkt wohl bereits in der Bild am Sonntag abgedruckt haben.
Ob es die beiden Journalisten schaffen werden, auch kritische und unbequeme Fragen zu stellen - Anlässe gäbe es genug, siehe Abu Ghuraib, Guantanamo, CIA-Flüge... - bleibt abzuwarten. Wir hätten natürlich lieber die taz ins Weiße Haus geschickt, und als nächstes gleich Moritz von Uslar hinterher mit seinen 100 Fragen. Da wäre Bush sicherlich um einiges mehr ins Schwitzen gekommen.
05.05.2006: Kleiner Nachtrag: die taz hat es tatsächlich ins Weiße Haus geschafft und das Dreigespann Bush-Diekmann-Christiansen beim Kaffeekränzchen belauscht, das Protokoll gibt es hier.
08.05.2006: Nachtrag: Nun sind die beiden (realen) Bush-Interviews in Deutschland angekommen, Kai Diekmann hat sein Gespräch am Sonntag und am Montag in der BILD veröffentlicht, Sabine Christiansens Interview lief auf der ARD - ist auf ihrer Homepage allerdings nicht abrufbar. Schade, denn die besseren Fragen stellte eindeutig die ARD-Talkerin.
Zwar wirkte ihre Nettigkeit zu Beginn des gut halbstündigen Gesprächs arg aufgesetzt, doch im Verlauf des Interviews wurde der Ton ernster und die Fragen damit immer besser. Alle von uns weiter oben angeführten Themen kamen tatsächlich zur Sprache, auch wenn der US-Präsident dabei klare Antworten zum Teil schuldig blieb, zur Affäre um die CIA-Flüge blockte er gleich komplett ab. Und dass im Fall von Abu Ghuraib, wie der Präsident sagte, alle Schuldigen bereits zur Verantwortung gezogen worden wären, das ist eines dieser vielen Bush-Märchen, Donald Rumsfeld lässt grüßen.
Hervorzuheben wäre noch Christiansens Frage, wie Bush den Krieg gegen den Terror gewinnen könne, wenn sein Land doch vom Öl aus den arabischen Ländern abhängig sei, Antwort Bush: "So habe ich das noch nie gesehen...". Hier hatte es in der Tat den Anschein, als habe Bush den Fragenkatalog von Christiansen nicht gekannt, ob dem so war, das wäre noch interessant herauszufinden. Michael Ortmann von der TV21 GmbH, welche Christiansens Sendung produziert, sagte zumindest gegenüber dem Hamburger Abendblatt, Bush hätte sich "sehr intensiv auf das Gespräch vorbereitet".
Insgesamt, das musste auch Christiansen erfahren, sind die Regulierungen bei einem Interview mit dem US-Präsidenten sehr strikt, insbesondere was den Zeitrahmen anbelangt, weshalb das Gespräch am Ende leicht hektisch wurde und Christiansen offenbar ihren Fragekatalog etwas verkürzte. Warum ein US-Präsident für die wichtigste Politik-Sendung im deutschen TV allerdings nur 30 Minuten übrig hat?
Etwas mehr Zeit hatte da vermutlich Kai Diekmann, der sich in seinem Gespräch allerdings die kritischen Töne sparte. Weder die Terror-Gefängnisse der USA, noch die CIA-Flüge brachte der BILD-Chef zur Sprache. Vielmehr lieferte er dem US-Präsidenten Vorlagen für die beschönende Darstellung seiner Irak- und Iranpolitik und sowie für die Anti-Terror-Maßnahmen der US-Regierung. Und wenn Diekmann dann als Überschrift das Zitat „Der 11. September war ein Ruf zu den Waffen“ wählt, dann ist das BILD-Style pur, wie man es nicht anders erwartet hat.
Ein kleines Lob haben wir allerdings auch für Diekmann übrig: der BILD-Chef hat offenbar "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore gesehen. Darauf lässt zumindest seine Bemerkung "Wir erinnern uns an die Bilder des Moments, in dem Sie über den Anschlag auf das World Trade Center informiert wurden ..." schließen, auf die Bush dann auch ausführlich antwortet - auch wenn sich Michael Moore-Fans und Verschwörungstheoretiker mit der Antwort wahrscheinlich kaum zufrieden geben dürften.
Nun noch ein paar Links, denn gesehen hat das Christiansen-Interview außerdem Henryk M. Broder für den Tagesspiegel, Claus Christian Malzahn für Spiegel Online, und Harry Luck für Focus Online.
Autor: Jakob Buhre
» Ich würde nicht jede Etappe meines Lebens via Kamera beobachten lassen«
Besondere Begebenheiten (57) Gute Fragen, Schlechte Fragen (7) Autorisierung & Co (10) Interview-Bücher (9) In eigener Sache (39)
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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