Emma Thompson über Liebe und Schönheit, verdammte Esel, Kindererziehung, die Qual des Drehbuchschreibens und den Film "Eine zauberhafte Nanny"

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Die britische Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Emma Thompson wurde 1959 geboren. Schon während ihres Studiums stand Thompson auf der Bühne. 1987 erlangte sie Bekanntheit durch ihre eigene TV-Sitcom "Thompson". Für ihre Rolle in "Wiedersehen in Howards End" (1992) wurde Thompson mit dem Golden Globe und dem Oscar ausgezeichnet. Thompson arbeitet auch als Drehbuch-Autorin, so für "Sinn und Sinnlichkeit" (1995), für den sie ihren zweiten Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt.

"Ich bin ein Gernegroß mit einem verdammt großen Ego - sonst würde ich doch nicht diesen Job machen, oder? "
Voriges Zitat
"Kinder wollen nicht immer nur Ratschläge bekommen und gesagt kriegen, was sie tun sollen, sondern sie wollen, dass man einfach nur für sie da ist. "
Voriges Zitat"Ich habe Western geliebt, als ich klein war. "
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Mrs. Thompson, Sie spielen in "Eine zauberhafte Nanny" (engl. Titel „Nanny McPhee“) ein ziemlich grimmiges Kindermädchen mit Knollnase, dicken Warzen im Gesicht, einer durchgängigen buschigen Augenbraue und einem überstehenden Zahn. Ihre Maske ist wirklich sehr gelungen.
Thompson: Ja, das war wirklich ein gutes Make-up. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel Spaß es gemacht hat, so auszusehen. Wenn ich als Nanny McPhee am Set erschien, hatte das richtig Wirkung, die Kinder haben sich besser benommen, die Filmcrew hat aufgehört zu fluchen – das war interessant zu beobachten.
Wie lange haben sie jeden Tag gebraucht, um sich so zu verwandeln?
Thompson: Nicht lang, eine Stunde nur - und das ist gar nichts! Die Maskenbildner kleben einfach Prothesen an, bemalen sie und dann tun sie einem noch etwas in den Mund. (Emma Thompson steckt demonstrativ zwei Finger in den Mund und redet nuschelnd weiter.) Und das, was man da in den Mund bekommt, verändert die ganze Gesichtsform. Also, es ging wirklich unglaublich schnell.
Im Laufe des Films verwandelt sich die hässliche Nanny McPhee in eine hübsche Frau. Warum?
Thompson: Das sollten Sie am besten die Kinder fragen. Vielleicht weil sie angefangen haben, Nanny McPhee zu lieben? Oder vielleicht repräsentiert ihr Aussehen den Chaosstatus im Haus des Beerdigungsunternehmers Mr. Brown, der seine sieben Kinder einfach nicht in den Griff bekommt? Das Publikum soll das entscheiden. Ich werde keine Interpretation vorgeben. Das ist so, als ob Sie einen Maler fragen würden, was sein Bild zu bedeuten hat. Da gibt es keine richtige Antwort und das genau liebe ich an Nanny McPhee: Sie wirft so viele Fragen der Wahrnehmung auf: Warum sehen Leute so aus, wie sie aussehen? Warum werden Leute schöner, wenn man sie liebt? Hat Liebe wirklich die Kraft, Menschen in ihrem Aussehen zu verändern?
Was lernen die Kinder von Nanny McPhee?
Thompson: Sie bekommen von ihr fünf Lektionen, bei denen es darum geht, dass die Kinder etwas übers Benehmen lernen und erkennen, wann es drauf ankommt und wo der Spaß aufhört. Dabei sagt sie auch, dass Protest in Form von extrem schlechtem Benehmen manchmal richtig sein kann. Sie ist aber insgesamt keine autoritäre Person, sondern eher subversiv, sie sagt den Kindern: „Ihr müsst die Folgen von eurem schlechtem Benehmen selbst abschätzen können, das ist eure Sache.“
Haben Sie eigentlich zum ersten Mal mit so vielen Kindern gearbeitet?
Thompson: Ja, und ich habe mir deswegen tatsächlich ein bisschen Sorgen gemacht. Sieben Kinder, ein Schwein, ein Esel, eine Tarantel, Würmer, eine Kröte – was hatte ich mir nur dabei gedacht? Aber die Kinder am Set waren einfach fantastisch. Sie sind so natürlich und so viel besser als wir, die erwachsenen Schauspieler, sie spielen einfach und folgen ihrem Instinkt.
Nur der Esel war die absolute Hölle. Er hat nichts von dem gemacht, was er eigentlich sollte, war total lahm, als ob er eine riesige Dosis Heroin genommen hätte, das verdammte Tier! Ich habe diesen Esel gehasst.
Sie haben auch das Drehbuch zu "Eine zauberhafte Nanny" geschrieben und fünf Jahre daran gearbeitet. Was war dabei die größte Herausforderung für Sie?
Thompson: Zuerst musste ich eine Story schreiben. In den verschiedenen „Nurse Mathilda“-Büchern von Christianna Brand, auf denen der Film basiert, gibt es keine richtige Story - nur Hunderte von Kindern, die ohne Grund böse sind.
Zuerst musste ich die Anzahl der Kinder reduzieren, ihnen einen bestimmten Charakter geben und dann den richtigen Ton finden. Das war extrem schwer. Versuchen Sie mal etwas zu schreiben, dass einfach und klar ist, aber dabei immer noch bedeutungsvoll, menschlich und lustig. Und die Geschichte wechselt ja zwischen Komödie und Tragödie von der einen auf die andere Sekunde, auf eine große Slapstick-Szene folgt die Szene, in welcher der Vater seine Kinder aus dem Haus werfen will, es geht ständig hin und her, wie im wirklichen Leben.
Wie ähnlich ist Ihnen Nanny McPhee?
Thompson: Nicht sehr ähnlich. Ich wünschte, ich wäre mehr wie sie. Sie hat so viel Geduld und Mitgefühl, und kein zu großes Ego. Davon bin ich aber so weit entfernt. Ich bin ein Gernegroß mit einem verdammt großen Ego - sonst würde ich doch nicht diesen Job machen, oder?
Also sind Sie auch als Mutter nicht wie Nanny McPhee?
Thompson: Nein, ich bin viel ungestümer. Aber ich habe etwas von Ihr gelernt: Der beste Weg, einen Konflikt zu lösen, ist einfach aufzuhören - mit allem. Zieh den Telefonstecker raus, schalte den Herd aus und setz dich hin. Warte einfach und lass alles an dir abprallen, leiste keinen Widerstand, schrei nicht rum. Hör einfach auf mit allem und sei für deine Kinder da. Kinder wollen nicht immer nur Ratschläge bekommen und gesagt kriegen, was sie tun sollen, sondern sie wollen, dass man einfach nur für sie da ist.
Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Nanny McPhee und dem zaubernden Kindermädchen „Marry Poppins“?
Thompson: Ja, natürlich. Die Geschichten sind in ihrer Form gleich. Aber als ich angefangen habe, Nanny McPhee zu analysieren, habe ich herausgefunden, dass das mehr eine Art Western ist. Weil im Western, da gibt es eine Stadt im Ausnahmezustand, wo keine Autorität es schafft, diese Situation wieder ins Gleichgewicht bringen. Dann kommt aber ein Fremder in die Stadt geritten – oder er kommt mit einem Regenschirm geflogen oder tritt einfach durch die Tür – und löst den Konflikt, indem er ganz undogmatische Methoden benutzt. Danach muss er allerdings wieder verschwinden, weil sonst die Harmonie nicht gewahrt werden kann, er muss also gehen – oder sogar sterben. Und dieses alte Western-Schema sehe ich auch bei „Nanny McPhee“. Und Sie müssen wissen, ich habe Western geliebt, als ich klein war.

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Wer war denn Ihr Lieblings-Western-Held?
Thompson: Hmm, „Shane“ war eine fantastische Figur und ich liebe „The Outlaw Josey Wales” (dt. Titel “Der Texaner”), auch wenn man den vielleicht besser spielen könnte als Clint Eastwood.
Wenn Sie ein Drehbuch schreiben, wie sieht dann ihr Arbeitsalltag aus?
Thompson: Ich habe ein kleines Büro gegenüber von meinem Haus. Dort schreibe ich erst mal alles per Hand auf. Der erste Entwurf ist immer chaotisch und hat sehr viele Seiten, der nächste Entwurf ist schon etwas ordentlicher, und mit jeder weiteren Skizze wird es sauberer. Und erst beim, sagen wir 87. Entwurf, wenn alles ordentlich ist, kann ich es mit dem Computer schreiben. Denn wenn es erstmal auf dem Bildschirm steht, kann ich es nicht mehr lesen. Mir ist die Beziehung zum Stift sehr wichtig.
Wie sehr muss man sich beim Schreiben disziplinieren? Ist Disziplin der Schlüssel zum Erfolg?
Thompson: Ja, beim Schreiben gibt es keinen anderen Weg. Ich schreibe vier Stunden am Tag, von 10 bis 14 Uhr, das mache ich immer wieder, über einen Zeitraum von vielen Jahren. Da gibt es dann immer Momente, wo du denkst, du stehst vor einer Wand und hast Angst, es nie richtig hinzukriegen. Oder manchmal muss man einen Teil verwerfen, weil man einsieht, dass er schlecht ist. Man muss also wieder von vorne anfangen, was einem das Herz bricht und da kann man manchmal nur noch heulen.
Wird denn Ihr nächstes Drehbuch-Projekt wieder fast zehn Jahre dauern?
Thompson: Nein, ich denke, das nächste kriege ich in zwei oder drei Jahren hin. Sonst wäre das zu lang und ich wäre schon fast 60. Naja, nicht ganz…
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