Regisseur François Ozon über starke Frauen, schwache Männer, seinen Beziehungs-Film "5x2" und sein Einfühlungsvermögen für Frauenrollen

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François Ozon wurde 1967 in Paris geboren. Seinen ersten Langfilm legte er mit 1998 mit der schwarzen Komödie "SIT COM" vor. 2000 erschienen gleich zwei Filme des französischen Regisseurs: "UNTER DEM SAND" mit der Schauspielerin Charlotte Rampling und "TROPFEN AUF HEIßE STEINE" nach einem Rainer Werner Fassbinder-Stück. International bekannt geworden ist Ozon mit dem Musical "8 FRAUEN" (2002) nach dem Theaterstück von Robert Thomas.

"Es entspricht der Realität, dass es immer mehr starke Frauen gibt. "
Voriges Zitat
"Es ist wahr, dass Frauen es viel besser hinbekommen, ihr berufliches, familiäres und emotionales Leben auf einen Nenner zu bringen. Männer sind damit oft überfordert."
Voriges Zitat"Wenn Leute über Sex reden, dann neigen sie meist dazu, zu idealisieren."
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Herr Ozon, wie kommen Sie als junger Regisseur dazu, einen Film über das Scheitern einer Beziehung zu machen? Interessiert es Sie nicht mehr, von einer großen Liebe zu erzählen?
Ozon: Was man in einem Film schildert, muss man nicht unbedingt erlebt haben. Ich habe zwar noch keine Scheidung hinter mir, aber Trennungen kenne ich auch. Die Geschichte von "5x2" ist nicht meine Geschichte, aber die Gefühle, die der Film beschreibt, sind schon autobiographisch.
Die weibliche Figur des Films ist eine überaus starke Frau, die Sie wirklich sehr authentisch darstellen: Woher kommt Ihr gutes Einfühlungsvermögen für Frauen?
Ozon: Es ist zwar ein Paradox, aber ich kann mich mit Frauenrollen besser identifizieren. Ich kann ihre Charaktere besser schildern, weil sie viel weiter weg von mir sind. Es interessiert mich auch mehr, starke Frauen zu zeigen, als Frauen in einer Opferrolle. Das entspricht ja der Realität, dass es immer mehr starke Frauen gibt. Das soll nicht heißen, dass Frauen heute stärker sind als Männer. Sie sind aber gleichwertig und im direkten Vergleich wirkt es dann so, als wären sie stärker.
Machen Ihnen starke Frauen denn Angst?
Ozon: Nein, Frauen machen mir keine Angst. Aber es ist schon wahr, dass Frauen es viel besser hinbekommen, ihr berufliches, familiäres und emotionales Leben auf einen Nenner zu bringen. Männer sind damit oft überfordert.
Tatsächlich?
Ozon: Ich glaube schon, dass die Männer durch die gleichwertige Position mit den Frauen destabilisiert sind. Nach Jahrhunderten des Patriarchats können sie damit nicht umgehen. Die Männer sind jetzt in einer Phase, in der sie zu ihren Gefühlen und ihrer Weiblichkeit stehen müssen - und das verunsichert sie.
Sind Sie selbst auch verunsichert?
Ozon: Ich bin Künstler und deswegen automatisch verunsichert. (lacht)
Der Mann in "5x2" lässt keinen Fettnapf aus: er schläft in der Hochzeitsnacht einfach so ein, verpasst die Geburt seines Kindes... - typische "Männerfehler", könnte man sagen. Haben Sie das bewusst so hervorgehoben?
Ozon: Ich wollte keinen Film machen, der einen Krieg zwischen Mann und Frau zeigt. Was mich wirklich interessiert, sind Figuren mit Fehlern und Macken. Nur einen starken Mann zu zeigen, ist nicht spannend. Aber ebenso wenig interessiert es mich, nur eine starke und perfekte Frau zu zeigen. Auch sie hat ihre Fehler.
Um auf die Szene der Geburt des Sohnes von Gilles zu kommen: was hindert diesen Mann daran, bei der Geburt dabei zu sein?
Ozon: Man kann nicht sagen, dass er es nicht gut findet, dass sein Kind zur Welt kommt. Aber er hat wirklich große seelische Probleme damit. Psychologisch gesehen ist er noch nicht bereit für diese Geburt. In Frankreich sagt man zwar, dass viele Frauen nicht bereit dazu sind, Kinder zu bekommen, aber die Männer sind es noch viel weniger, denn sie können sie gar nicht austragen. Für den Schauspieler, Stéphane Freiss, war diese Szene ziemlich schwierig, zuerst wollte er sie überhaupt nicht spielen. Er hat selbst Kinder und kam mit der Motivation für diese Szene einfach nicht zurecht. Aber dann haben wir uns eine Biographie für seine Rolle ausgedacht, zum Beispiel, dass er adoptiert worden ist und bei seiner eigenen Geburt von den leiblichen Eltern weggegeben wurde und dass dies sein Trauma ist, das dann wieder hochkommt.
Eine schockierende Szene ist die Anfangsszene im Hotel, in der Gilles Marion regelrecht vergewaltigt. Wie kann er das tun? Und wieso ist sie danach noch offen für eine Unterhaltung mit ihm?
Ozon: Was mich an dieser Szene interessiert hat, war zu zeigen, wie unterschiedlich zwei Personen eine Trennung erleben. Die Frau, die zwar trauert, aber bereit ist, die nächste Seite auszuschlagen und der Mann, der nicht loslassen kann. Er ist unfähig ist, seine Gefühle durch Worte auszudrücken, seine einzige Möglichkeit, Emotionen zu zeigen, ist physische Gewalt.
Innerlich revoltiert Marion natürlich gegen diese Vergewaltigung, aber danach macht es ihr die Trennung leichter. Damit ist dann endgültig Schluss für sie.
Könnte es auch sein, dass sie diese Vergewaltigung aus Schuldgefühlen akzeptiert?
Ozon: Jeder kann es sehen, wie er will. Eine Zuschauerin in Frankreich hat mir die Szene tatsächlich so interpretiert. Ihrer Meinung nach akzeptiert Marion die Vergewaltigung deswegen, weil sie aus der Hochzeitsnacht, in der sie mit dem Amerikaner geschlafen hat, noch immer Schuldgefühle mit sich herumträgt. Und da sieht sie diesen Missbrauch quasi als späte Strafe an.
Sie sagen, jeder kann es sehen, wie er will. Sie lassen dem Zuschauer auch keine andere Wahl: vieles bleibt im Unklaren, es wird wenig gesprochen und wenig erklärt.
Ozon: Ja, denn Dinge zerreden tut man ja ständig im wahren Leben. Das brauche ich nicht im Film zu zeigen. Da ist es mir wichtiger, Verhalten zu zeigen als irgendwelche Erklärungen zu bringen. Der einzige Punkt, an dem ich vielleicht mal eine Erklärung gebe, ist das Abendessen mit dem Bruder, bei dem sie über Gruppensex reden: Wenn Leute über Sex reden, dann neigen sie meist dazu, zu idealisieren. Ich wollte zeigen, dass man in diesem Zusammenhang gar nicht über die Wahrheit redet.
Man hat am Ende des Films den Eindruck, dass die Ehe zwischen Gilles und Marion von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Oder hätten die beiden ihre Ehe irgendwie retten können?
Ozon: Ich glaube, dass die Ehe schon im Vorhinein zum Scheitern verurteilt war. Man sieht ja die Trennung von seiner vorherigen Freundin: Er hat es nicht wirklich geschafft, sich von ihr loszulösen, so dass er praktisch die Fehler aus seiner letzten Beziehung in der Beziehung zu Marion wiederholt. Er ist nicht fähig, so schnell von der einen Frau zur anderen zu wechseln und reproduziert praktisch die vorherige Beziehung.
Eigentlich nimmt man sich ja vor, nicht wieder dieselben Fehler in der nächsten Beziehung zu machen. Aber ist vielleicht vorprogrammiert, dass man dieselben Fehler immer wieder macht?
Ozon: Da verlangen Sie von mir einen psychologischen Rat (lacht). Ich weiß nicht, darauf habe ich keine Antwort. Wenn man eine sehr ehrliche Beziehung führt, kann man über die Fehler des jeweils anderen reden. Aber ob man die Fehler dadurch wirklich beheben oder das Verhalten ändern kann, weiß ich nicht.
Warum eigentlich diese beiden Schauspieler? Haben Sie schon vorher mit Valeria Bruni-Tedeschi und Stéphane Freiss gedreht?
Ozon: Nein, ich hatte noch nicht mit ihnen zusammengearbeitet. Die Idee lag eigentlich darin, ein ideales Paar zu finden. Ich habe nicht eine gute Schauspielerin und einen guten Schauspieler gesucht, sondern gute Schauspieler, denen man ein Paar abnimmt. Dafür habe ich sehr viele Probeaufnahmen gemacht, mit bekannten aber auch weniger bekannten Leuten. Ganz am Anfang hatte ich mich auf Sophie Marceau und Vincent Cassel versteift, aber die wollten den Film dann ohnehin nicht machen. Für das Casting habe ich die Paare eine Szene aus Ingmar Bermans "Szenen einer Ehe" spielen lassen. Und als die beiden vor mir standen, war es klar: Die sind das Paar. Zwar sind sie nicht so berühmt, aber dadurch ist die Identifikation vielleicht sogar noch größer.
Sie haben gerade Bergman erwähnt - sehen Sie sich mit diesem Film in der Tradition von Ingmar Bergman?
Ozon: Nein, eigentlich nicht. Ob man mich jetzt in einem Atemzug mit Bergman nennen darf und soll, möchte ich so nicht sagen. Maximal die erste Szene hat etwas, was Bergman nahe kommt. Sie ist einem Kammerspiel ähnlich, sehr eng und klaustrophobisch. Sonst habe ich aber versucht, jeder Szene einen eigenen Stil zu geben. Abgesehen von der ersten Szene ist die Atmosphäre lockerer und leichter als bei Bergman. Und besonders die letzte Szene mit dem Sonnenuntergang erinnert doch eher an den klassischen französischen Film.
Sie haben den Dreh für fünf Monate unterbrochen. Warum?
Ozon: Unter anderem habe ich Valeria gebeten, in der Zeit abzunehmen. Bis zur Drehpause haben wir nur die ersten drei Szenen bis zur Geburt gedreht. In der Pause habe ich die anderen beiden Szenen geschrieben. Es war schon komisch, denn wir wussten am Anfang des Drehs ja gar nicht, wie sich Gilles und Marion überhaupt kennen gelernt haben.
Haben Sie auch noch an weitere, zusätzliche Szenen gedacht?
Ozon: Nur am Anfang. Ich hatte mir überlegt, noch eine sinnliche fast schon pornographische Liebesszene zu drehen. Aber diese Idee habe ich dann ganz schnell verworfen.
Und eine andere Szene, an die ich zuerst noch gedacht habe, war ein Moment des Glücks. Ich wollte sie zwischen der Hochzeit und der Geburt einschieben. Aber ich konnte diese Glücksszene nicht schreiben und außerdem habe ich festgestellt, dass die Tanzsequenz bei der Hochzeit genügend Glücksgefühle ausgedrückt.

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Haben Sie eine Erklärung für diese Blockade, dass Sie die glückliche Szene nicht schreiben konnten?
Ozon: Vielleicht weil mich das Glück nicht interessiert. Das soll aber nicht heißen, dass ich nicht daran glaube. (lacht)
Was gibt es als nächstes von Ihnen zu sehen?
Ozon: Ich habe schon wieder einen neuen Film gedreht, der heißt "Le temps qui reste", also "Die Zeit, die noch bleibt" mit Melville Poupeau, Jeanne Moreau und auch wieder Valeria Bruni-Tedeschi.
Auch wieder eine starke Frauengeschichte?
Ozon: Nein, diesmal hat ein Mann die Hauptrolle. Aber ob der stark ist oder nicht, kann ich noch nicht sagen. (lacht)
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=540 | © planet-interview.de | Foto: Prokino

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