19. Dezember 2007
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Henry Hübchen über Produktionsbedingungen beim Fernsehen, TV-Konsum, die Sache mit dem Erfolg und seine Rolle als „Commissario Laurenti“

© ARD Degeto / Martin Menke
Henry Hübchen war einer der profiliertesten Schauspieler der DDR, der insbesondere durch seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Frank Castorf an der Berliner Volksbühne bekannt wurde. Einen großen Erfolg feierte er 2005 mit dem Kinofilm "Alles auf Zucker" von Regisseur Dani Levy, für den der als bester Hauptdarsteller mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. In der erfolgreichen ARD-Krimireihe "Commissario Laurenti" spielt er die Titelrolle. Tobias Goltz traf Hübchen im November 2007 in Hamburg.

"Man müsste mich öfter zu Entscheidungen zwingen."
Voriges Zitat
"Wenn mir eine Rolle relativ nahe ist, muss ich mich vorher nicht hypnotisieren und dann in irgendwas eintauchen und irgendwann wieder raustauchen."
Voriges Zitat"Ich habe den Wunsch nach gutem Leben."
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Herr Hübchen, Ihr Schauspielkollege Udo Samel sagte einmal: „Der ausführliche, lange Weg des Eintauchens in eine Rolle ist beim Fernsehen so gut wie gar nicht mehr möglich“. Sind Sie der gleichen Meinung?
Hübchen: Es kommt auf die Rolle an. Wenn mir eine Rolle relativ nahe ist, muss ich mich vorher nicht hypnotisieren und dann in irgendwas eintauchen und irgendwann wieder raustauchen. Film ist ja nicht nur Schauspiel. Film sind vor allem auch Bilder, Dramaturgie, Licht und Schnitt. Eine Suppenschüssel gegen einen leeren Blick geschnitten – so bekommt der Blick einen Ausdruck. Anderes leidet viel mehr unter der immer knapperen Zeit. Am allermeisten die Entwicklung einer richtigen Dramaturgie, eines guten Buches. Gute Drehbücher werden über Jahre entwickelt. Erst anschließend schaut man, wer dafür geeignet ist, um es umzusetzen. Wie die optimale Besetzung aussehen könnte, welche die besten Drehorte sind usw.
Im Idealfall also ein Nacheinander.
Hübchen: Ja, aber genau das findet beim Fernsehen ganz oft nicht mehr statt. Alles wird gleichzeitig gemacht. Die Kartoffeln werden gekocht, aber es ist noch kein Wasser im Topf.
Sie sagen, Sie müssen nicht in jede Rolle „eintauchen“. Wie ist das bei „Commissario Laurenti“? Ist das eine Rolle, die Ihnen leicht fällt?
Hübchen: Ja, schon. Dieses Widersprüchliche, das ihn charakterisiert, ist mir sehr nahe. Unsere Meinung von vorgestern interessiert uns manchmal gar nicht mehr. Das heißt aber nicht, dass wir keine Prinzipien hätten. Wir sind rauchende Nichtraucher. In einem Film fand es Laurenti z.B. unmöglich, dass sich seine Tochter für einen Schönheitswettbewerb bewirbt und als sie es gegen seinen Willen trotzdem macht, ist er der Erste, der sich darüber aufregt, dass sie nicht die Nummer Eins wurde. Er ist nicht faul, aber auch nicht fleißig. Eine Arbeit kann ihm schon mal den Sommer versauen. Er kann aber auch unangenehm hartnäckig werden. Er ist bösartig, aber auch wieder das Gegenteil. Das ist etwas, was wir alle von uns kennen. Wir haben alle unsere Widersprüche. Die müssen wir bloß zugeben. Selbstironie ist etwas ganz Wichtiges dabei.
Solche Figuren haben ja auch immer ein gewisses Eigenleben, wenn man sie über mehrere Filme darstellt. Hat Laurenti im Laufe der Zeit Züge entwickelt, die Sie anfangs gar nicht so gesehen haben?
Hübchen: Er kann ja nur insofern Züge entwickeln, wie es das Drehbuch erlaubt. Sie können ihn nicht als unglaublichen Bergsteiger kennen lernen, wenn solche Szenen gar nicht vorgesehen sind. Solche Charaktere sind immer bestimmt durch Spielsituationen. Wenn man kräftige Spielsituationen hat, hat man auch die Möglichkeit, mit einer Figur entsprechend zu reagieren. Wenn im Drehbuch die Geliebte nicht auftaucht, ist es halt ein guter, netter Ehemann, der immer treu ist.
Hätten Sie es gerne anders?
Hübchen: Natürlich hätte ich das gerne, aber es findet eben nicht statt. In den Romanen gibt es die Geliebte, nur im „zensierten“ Fernsehen nicht. Ich kann mir die Szenen nicht rein schreiben, das ist ein anderer Beruf. Dafür bin ich auch nicht geeignet.
Hatten Sie denn den Wunsch, nach den ersten beiden Folgen, etwas zu verändern?
Hübchen: Ich bin grundsätzlich ein Freund der Laurenti-Romane und ich mag den Autor Veit Heinichen, mit dem ich inzwischen befreundet bin. Ich finde seinen Humor sehr schön und ich sehe die Romane als Gesellschaftsromane, weniger als klassischen Krimi, bei dem es nur um die Tätersuche geht. Dementsprechend versuche ich auch Einfluss auf die Drehbuchfassung zu nehmen. Das sind natürlich immer nur kleine Vorschläge. Ich kann schon etwas sagen, aber dadurch, dass ich nicht selber schreibe, kann ich es meist nicht umsetzen und dafür fehlt auch die Zeit. Es ist immer alles sehr, sehr hektisch und durcheinander.
Spezielle Wünsche hatten Sie vielleicht trotzdem?
Hübchen: Na, klar. Aber die münden eigentlich immer darin, dass ich sage: Werdet den Romanen von Veit Heinichen möglichst gerecht. Überlegt, was die Wirkung der Romane ist, wieso man da immer weiter liest und das Buch nicht aus der Hand legt. Wenn man das herausgekriegt hat, muss man sehen, ob man das auch auf einen Film entsprechend übertragen kann.
Sie haben für „Commissario Laurenti“ Ihre sehr erfolgreiche Rolle im Polizeiruf 110 aufgegeben. War das die richtige Entscheidung?
Hübchen: Keine Ahnung, ich habe mit dem Polizeiruf 110 ja nicht weitergemacht. Wer weiß, wo ich da jetzt wäre, wenn ich da noch mal fünf Filme gedreht hätte? Das ist wie mit den Aktienkursen. Die kann auch keiner voraussagen. Vielleicht war es die richtige Entscheidung, vielleicht auch nicht.
Im Endeffekt mussten Sie sich für eine der beiden Rollen entscheiden, weil man nicht wollte, dass Sie zwei Ermittler in der ARD spielen. Hätten Sie von sich aus beides parallel gemacht?
Hübchen: Ich hätte es zumindest probiert, weil ich immer so schlecht nein sagen kann. Aber das muss nicht gut sein. Dass man mich gezwungen hat, mich zu entscheiden, ist nicht verkehrt. Man müsste mich öfter zu Entscheidungen zwingen.
War es nicht dennoch etwas kleinkariert, Sie vor die Wahl zu stellen?
Hübchen: Die Frage ist, was die Programmmacher von ihrem eigenen Publikum denken. Und da haben Sie die Antwort. Sie denken eben, dass der Zuschauer zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden kann. Oder sie wollen es ihm nicht zumuten.
Entscheiden Sie wie beim „Polizeiruf 110“ auch bei „Commissario Laurenti“ von Drehbuch zu Drehbuch, ob Sie weitermachen?
Hübchen: Ja, aber das ist nur die juristische Seite. Moralisch habe ich schon eine Verpflichtung.
Worauf achten Sie mehr, wenn Sie ein Drehbuch lesen: auf Ihre Rolle oder auf die Geschichte?
Hübchen: Ich achte erst einmal auf die Figur und gucke, ob sie gute Szenen hat. Und dann schau ich auf das Ganze, wo die Stärken des Drehbuchs liegen.

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Mit „Alles auf Zucker“ hatten Sie 2004/2005 einen Riesenerfolg, bekamen u.a. den Deutschen Filmpreis. Haben Sie das Gefühl, dass sich die Wahrnehmung Ihrer Person seitdem verändert hat?
Hübchen: Ja, klar.
Inwiefern?
Hübchen: Wenn Sie mit irgendeiner Sache Erfolg haben, dann glauben alle, dass Sie an anderer Stelle auch wieder Erfolg haben können. Aber das ist nur ein Glaube. Weil der Erfolg nicht nur mit den Schauspielern zu tun hat, sondern mit vielen, vielen anderen Sachen, die sich zusammenschieben. Und genau das war bei „Alles auf Zucker“ der Fall. Wenn Sie anschließend Misserfolge haben, geht es wieder in die andere Richtung.
Sie haben mal gesagt: „Wer gute Filme sehen will, muss ins Kino gehen“.
Hübchen: Hab ich gesagt? Nö, es gibt auch gute Fernsehfilme. Sie sind halt selten, weil die Produktionsbedingungen so hart geworden sind. Shows wie „Genial daneben“ sind fürs Fernsehen halt besser geeignet.
Gefallen Ihnen solche Sendungen?
Hübchen: Sie sind eben ideal fürs Fernsehen. Da muss man sich nicht lange vorbereiten, es gibt ein klares Profil. Wir haben lustige Leute, die Entertainer-Qualitäten haben, die lustige Sprüche erzählen können.
Und Sie gucken das gerne?
Hübchen: Ich gucke. Für mich ist das Entspannung. Entspannung heißt für mich Hin-und-her-Schalten, da bleib ich dann auch mal bei einer Witzsendung oder einer Chartshow hängen. Ich guck’ keine Filme mehr im Fernsehen.
Wieso nicht?
Hübchen: Weil ich mich nicht so lange auf eine Geschichte konzentrieren kann.
Das können Sie nur im Kinosaal?
Hübchen: Ich brauche das feste Vorhaben, mir einen Film anzugucken. Wenn ich dieses Gefühl habe, kann ich mir auch eine DVD ansehen.
Sie waren jahrelang festes Ensemblemitglied an der Volksbühne in Berlin. Jetzt wollen Sie dort nur noch „Gast“ sein.
Hübchen: Weil das bedeutet, dass man auch mal sagen kann: Nein, ich hab da keine Zeit. Oder ich hab da keine Lust. Ich will einen anderen Rhythmus leben, mich auf eine Arbeit konzentrieren. Nicht dieses ewige Hin und Her, immer wieder durch Vorstellungsansetzungen bestimmt zu sein. Ich spiele nur noch ab und zu an der Volksbühne. Ich bin also nicht wirklich weg, aber eben auch nicht wirklich da. Für neue Sachen stehe ich im Moment nicht zur Verfügung.
Der Theaterkritiker Nikolaus Merck schrieb einmal über Ihr Rollenprofil: „Die Hübchen-Figur ist prinzipiell charakterlos. Wo bei anderen der Charakter sitzt, trägt sie eine Sehnsucht unterm Herzen. Den unstillbaren Wunsch nach gutem Leben“. Können Sie damit etwas anfangen?
Hübchen: Ja.
Haben Sie auch den unstillbaren Wunsch nach gutem Leben?
Hübchen: Warum unstillbar? Ich habe den Wunsch nach gutem Leben. Wobei das eine Definitionssache ist: Was ist gutes Leben? Ein Leben im Schlaraffenland? Dort darf man nicht arbeiten. Das wäre nichts für mich.
Gibt es bestimmte Sehnsüchte?
Hübchen: Ja, aber die sage ich Ihnen jetzt nicht. Denn Sie werden es ja nicht für sich behalten…
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=139 | © planet-interview.de | Foto: ARD Degeto / Martin Menke
» Am spannendsten sind vehemente Bravos und Buhs.«
Welt Online 01.04.
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