24. Dezember 2011
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Papst-Berichterstatter Andreas Englisch über 25 Jahre im Vatikan, seine Sympathie für Johannes Paul II., Versäumnisse Benedikts XVI., Papst-Interviews, die Attraktivität katholischer Standpunkte und Weihnachtsstimmung in Rom

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Andreas Englisch (*1963) studierte nach dem Abitur Literaturwissenschaft und Journalistik in Hamburg. 1987 kam er nach Rom, wo er ursprünglich nur Italienisch lernen wollte. Doch er blieb und wurde Leiter des Korrespondentenbüros des Axel-Springer-Verlags, bis zum März 2010 war er Papst-Berichterstatter für "Bild" und "Bild am Sonntag". Englisch hat Johannes Paul II. und Benedikt XVI. auf vielen Reisen begleitet und mehrere Bücher verfasst, zuletzt erschien "Der Wunderpapst: Johannes Paul II." sowie "Benedikt XVI. Der deutsche Papst".

"Am Anfang war das ein lästiger Job, es war nicht sonderlich sexy über die Kirche zu schreiben, ich hätte viel lieber über Fußball, Formel1 oder Politik geschrieben. "
Voriges Zitat
"Die Geschichte, sowohl Karol Wojtyła kennen gelernt zu haben als auch Benedikt XVI., hat mich verändert, ohne jeden Zweifel."
Voriges Zitat"Ratzingers beste Freunde waren sein Leben lang die Bücher. Wahrscheinlich ist der Mensch, den er am besten kennt, der Heilige Augustinus – und der ist seit 1500 Jahren tot. "
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Herr Englisch, bald sind es 25 Jahre, die Sie als Journalist aus dem Vatikan berichten. Wie wurde die Papst-Berichterstattung zu Ihrem Lebensmittelpunkt?
Englisch: Gute Frage, ich war am Anfang ja nicht sonderlich katholisch und auch nicht sonderlich an dem Thema interessiert. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind, eigentlich wollte ich in Rom ja nur ein paar Monate bleiben um Italienisch zu lernen.
Über was haben Sie damals als Journalist geschrieben?
Englisch: Ich war Lokalreporter beim Hamburger Abendblatt und bei der Bergedorfer Zeitung und habe ganz banal über Schützenfeste geschrieben, den dicksten Karnickel am Deich, das Altenheim, das einen Anbau braucht – den alltäglichen Brei. Das einzige Highlight in den Jahren war ein Mord in Tostedt, wo ein Vater seine Familie getötet hatte.
Wie hat Ihnen dann die neue Aufgabe in Rom gefallen?
Englisch: Am Anfang war das ein lästiger Job, es war nicht sonderlich sexy über die Kirche zu schreiben, ich hätte viel lieber über Fußball, Formel1 oder Politik geschrieben. Wer schert sich schon um die katholische Kirche? – Das machen alte Herren! Und all meine Kollegen waren alte Herren.
Aber dann wurde es spannender und ich war immer mehr beeindruckt von diesem Mann Karol Wojtyła und der Art und Weise, wie der agierte. Die Reisen waren sehr interessant, mit dem Heiligen Vater durch die Weltgeschichte zu gondeln, ihn die letzten Jahre vor dem Mauerfall zu erleben, bei der letzten Reise nach Polen. Irgendwann dachte ich: Wow hier passiert etwas, hier verändert einer die Welt direkt vor deinen Augen.
Es brauchte allerdings acht Jahre, bis Sie in der Papst-Maschine mitfliegen durften, wie Sie in einem Ihrer Bücher schreiben.
Englisch: Ja, es gab so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Bei den ersten Reisen bin ich nicht in der Papst-Maschine mitgeflogen, sondern war wie 90 Prozent aller Journalisten in einem Tross, der parallel dazu reiste. Das war anstrengend und ein wenig interessanter Job.
Aber Sie hatten den Ehrgeiz, in die päpstliche Maschine zu gelangen...
Englisch: Ja, das war extrem schwierig am Anfang, zumal ich nicht von einem Medium kam, das für den Vatikan so wahnsinnig affin war. Die dachten natürlich: Was will der hier?
Aber 1995 war ich dann mit in der Maschine und es gab auch so etwas wie eine persönliche Beziehung zu Johannes Paul II. Wir hatten ein ganz eigenartiges Verhältnis, weil ich damals noch sehr jung und er ein alter Mann war. Er fand das eigentlich lustig, dass jemand wie ich, der kaum Ahnung hatte, jetzt den Job bekam, über ihn zu schreiben.
Worauf kommt es an, wenn man in den engeren Kreis der Vatikan-Journalisten kommen will?
Englisch: Es geht natürlich um Vertrauen. Die haben dort eben schon Erfahrung mit Leuten gemacht, die das Vertrauen, das man ihnen entgegenbrachte, schamlos ausgenutzt haben. Das eklatanteste Beispiel war David Yallop, der im Vatikan lange Zeit ein und ausging und dann sein Buch „Im Namen Gottes“ schrieb, in dem er die Theorie aufstellte, dass Johannes Paul I. umgebracht worden sei.
In Bezug auf die Journalisten gibt es also schon so einen Filter, das ist einfach eine Frage der Zeit. Man muss ein paar Jahre vergehen lassen, in denen man die Leute kennen lernt und ihr Vertrauen gewinnt.
Sie beschreiben unter anderem den Moment, wo im Vatikan für eine anstehende Reise eine Pool-Liste ausgehängt wird und man als Journalist erst dann erfährt, ob man mitreisen darf. Das klingt ein wenig so, als würde der Vatikan versuchen, die Pressevertreter auf Linie zu halten.
Englisch: Ja, das ist für einen Journalisten, der Demokratie und Bundespressekonferenzen gewohnt ist, schon eine unglaubliche Umstellung. Das ist im Vatikan ja keine demokratische Veranstaltung, denen ist das völlig egal, dass Sie unabhängig sind und berichten wollen. Das ist ein Fürstenhof, absolute Monarchie, da gibt es keine demokratischen Spielregeln. Auf der anderen Seite muss ich sagen: So etwas wie Zensur habe ich in 25 Jahren nie erlebt.
Sie konnten also durchaus auch Kritik üben?
Englisch: Es gibt viele Dinge, wo ich über viele Jahre anderer Meinung war als der Vatikan oder Johannes Paul II. Das habe ich auch immer geschrieben und gesagt. Zum Beispiel beim Thema Schwangeren-Konfliktberatung war ich ganz klar der Meinung, dass die Haltung von Johannes Paul II unverantwortlich war. Das Gleiche gilt für den Fall Groër, da habe ich einen der bitterste Artikel geschrieben und gesagt, dass ein Kardinal, der nachweislich Jugendliche und junge Männer missbraucht hat, nicht ungeschoren davon kommen darf. Ich weiß noch, dass Wojtyła darüber sauer war, der las ja viel deutsche Presse. Er sagte dann: „Du hast schlecht über mich geschrieben“, fügte aber hinzu „ich hätte es verdient, dass du noch schlechter über mich schreibst.“
Wenn man den Papst so lange begleitet, nutzt sich die Faszination dann eigentlich gar nicht ab?
Englisch: Nein, im Gegenteil, das wurde komischerweise immer spannender. Der Wille dieses alten Mannes war faszinierend, man fragte sich die ganze Zeit: Warum macht der das eigentlich? Zum Beispiel wenn er auf einem Flugplatz in einen alten russischen Hubschrauber stieg, wo man nicht genau wusste, ob der die nächsten 100 Kilometer überstehen würde.
Es war etwas Eigenartiges, was diesen Mann antrieb, eine unglaubliche Kraft. Das war nicht nur Pflichterfüllung.
Sie werden manchmal als „Papst-Verehrer“ bezeichnet, stört Sie das?
Englisch: Mir hat es nicht gefallen, dass ich dieses Etikett bekommen habe. Aber womit die Leute, die mich da kritisieren, Recht haben: Es wäre Augenwischerei, wenn ich behaupten würde, ich hätte in den Jahren ab 1990 objektiv berichtet. Das habe ich nicht, auch meine Bücher sind nicht objektiv. Die Geschichte, sowohl Karol Wojtyła kennen gelernt zu haben als auch Benedikt XVI., hat mich verändert, ohne jeden Zweifel. Das hat mein Leben verändert, meine Sichtweise, meine Urteile. Ich habe für Wojtyła eine große Sympathie entwickelt, ich kann mich an viele Momente erinnern, wo ich dachte: Warum schützt den nicht endlich mal einer? In den letzten Jahren war er ein gebrechlicher, alter Mann, der wie ein Verrückter kämpfte. Man konnte zu dem, woran er glaubte, stehen wie man wollte, es für kompletten Unsinn halten – aber es war unübersehbar, dass der Mann sich Sachen zumutete, die einfach nicht mehr gingen.
Wie viel Sympathie haben Sie nun für Benedikt XVI.?
Englisch: Das ist eine andere Geschichte, ein völlig anderer Mensch und völlig andere Verhältnisse. Wojtyła war... angenommen ich erkläre das jetzt meinem Sohn, würde ich sagen, es war ein ‚lieber Opa’. Ratzinger dagegen ist ein Kopfmensch. Er hat zu einer Sache entweder einen intellektuellen Zugang oder er hat gar keinen.
Trauen Sie Benedikt zu, Dinge zu bewegen, wie Sie es bei Johannes Paul II. beobachtet haben?
Englisch: Nein. Meine Einschätzung, dass Wojtyła ein Jahrtausendpapst war, zu der stehe ich auch heute noch. Einen solchen Mann in dem Amt zu haben, das passiert in den nächsten 500-600 Jahren ganz bestimmt nicht nochmal. Der war für dieses Job geboren, es war der richtige Mann und der richtige Ort, eine Ausnahmegestalt. Wojtyła hat jeden einzelnen Menschen gemocht, das klingt vielleicht absurd, aber das war so.
Ratzingers beste Freunde waren sein Leben lang die Bücher. Wahrscheinlich ist der Mensch, den er am besten kennt, der Heilige Augustinus – und der ist seit 1500 Jahren tot. Ratzinger hatte nie gerne Menschen um sich, er war immer verschlossen, immer eigen, immer jemand, der Feste und große Veranstaltungen hasste. Er hatte ja schon vorher einen sehr kleinen Mitarbeiterstab und kannte im Vatikan nur sehr wenig Leute.
Keine so gute Ausgangslage...
Englisch: Ja, ich schreibe auch in meinem Buch, dass das eins der größten Probleme ist. Ratzinger hat schon als Bischof in München gesagt: „Ich kann nicht gut Verwaltungsentscheidungen treffen, ich kann nicht mit Menschen umgehen.“ Wenn Sie dann Papst sind und in der Welt 400.000 Priester haben, um die Sie sich kümmern müssen, dann wird das zu einem echten Problem.
Wie kritisch kann man als Journalist einem Papst eigentlich gegenübertreten?
Englisch: Mein Freund und Kollege Marco Politi von der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ war viele Jahre berühmt dafür, dass er Karol Wojtyła gemeine Fragen stellte. Er hat das dann auch mit Benedikt XVI. gemacht und ihm auf einem Flug nach Südamerika die Frage gestellt, ob er die Forderung der mexikanischen Bischöfe unterstützt, alle Politiker zu exkommunizieren, die sich nicht aktiv gegen die Abtreibung einsetzten. Und weil der Papst damals die falsche Antwort gab ist das abgeschafft worden.
Was konkret ist abgeschafft worden?
Englisch: Man durfte bis zu diesem Zeitpunkt in der päpstlichen Maschine den Papst fragen, was man wollte, da gab es keinen Filter. Der Pressesprecher hat die Journalisten aufgerufen, dann konnte man seine Fragen stellen, der Papst hat geantwortet, Punkt. Das ist nach der Reise nach Brasilien abgeschafft worden, das gibt es nicht mehr. Heute muss man Fragen einreichen, die werden gefiltert und stellen darf man sie auch nicht mehr selbst, sondern das macht nur noch der Papst-Sprecher.
Eine ziemlich große Einschränkung, oder?
Englisch: Ja, es ist meiner Ansicht nach der katastrophalste Medienfehler den der Vatikan begangen hat. Das zeigt einfach, dass sie Angst vor kritischen Fragen haben.
Wenn Wojtyła mal keine Antwort wusste, zum Beispiel, wenn man ihn fragte, „Wann fällt das Zölibat“, dann drehte er das um und sagte: „Sie haben mir so eine intelligente Frage gestellt, dann geben Sie doch mal eine Antwort, was würden Sie an meiner Stelle tun?“ Damit war er aus der Geschichte raus. Da war er souverän genug anstatt zu sagen, ich lasse das alles filtern.
Wo ist Ihnen Benedikt heute zu konservativ, wo bewegt er zu wenig?
Englisch: Mich persönlich hat bisher am meisten enttäuscht, dass er nicht genug getan hat, um das Verhältnis von Deutschen und Juden zu verbessern. Ein deutscher Papst, der die Nazis noch gesehen hat, der in Hitlers Armee war...
... und der bei seinem Besuch 2009 in Yad Vashem auf die Mitschuld der Kirche nicht einging.
Englisch: Ja, da hatte er die historische Aufgabe, zu sagen: „Jetzt muss sich die katholische Kirche auch mal an die eigene Nase fassen. Wir haben so viel Unrecht getan, ohne uns hätte es einen solchen starken Antisemitismus in Europa überhaupt nicht gegeben.“ Diese Chance hat Benedikt wirklich vergeben, das war ein riesiger Fehler. Ich glaube auch, dass er damit in die Geschichte eingehen wird, weil die Leute sich fragen werden: Warum hat er das vergeigt?
Wo noch sehen Sie Handlungsbedarf im Vatikan?
Englisch: Ich denke, der größte Fehler, den man den Kirchen eines Tages um die Ohren hauen wird und wovon sie sich nicht wieder erholen werden, ist der Umgang mit Frauen. Wenn Sie sich die Struktur der katholischen Kirche ansehen, kommen Sie zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent der konkreten Arbeit – in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern, Pflegeheimen – von Frauen geleistet wird. Diese Frauen hat man Jahrhunderte lang bevormundet und die haben sich das gefallen lassen. Junge Mädchen allerdings, die jetzt eine Aufgab e in der katholischen Kirche übernehmen, werden das irgendwann nicht mehr einsehen. Das muss die katholische Kirche unbedingt reformieren.
Wo steht Benedikt in dieser Frage?
Englisch: Er hat das Problem durchaus erkannt, er hat als erster Papst Frauen in leitende Posten im Vatikan gehoben. Das ist eine völlig neue Erfahrung. Es gibt jetzt innerhalb der Kurie Frauen, die auf Chefsesseln sitzen. Früher haben die dort höchstens mal den Kaffee gekocht.
Wie stehen Sie dazu, wenn Benedikt menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik vorgeworfen wird, wie zuletzt bei Demonstrationen anlässlich seines Deutschlandbesuches?
Englisch: Was die Position zur Homosexualität angeht, da kann er nichts dafür, da müssen Sie sich an den Heiligen Paulus wenden. Jesus von Nazareth hat nichts über Homosexuelle gesagt, es gibt kein Wort dazu. Nur Paulus schreibt im Paulus-Brief, das Männer nicht mit Männern und Frauen nicht mit Frauen – das kann man auslegen wie man will. Und wenn dieser Papst glaubt, dass das Gottes Wille ist, dann ist da wenig zu machen. Aber ich denke, dass das nicht mehr lange halten wird, im nächsten Jahrhundert wird man einsehen, dass diese Paulus-Stelle nicht dazu benutzt werden kann, Menschen wegen ihrer geschlechtlichen Vorliebe zu diskriminieren.
Muss die katholische Kirche in gesellschaftlichen Fragen nicht generell zeitgemäßer auftreten, um einen Mitgliederschwund zu verhindern?
Englisch: Ich glaube, dass es anders herum funktioniert, nämlich dass die Tatsache, gar nichts zu verändern und die Marke beizubehalten wie sie ist, dafür sorgen wird, dass wieder mehr Leute in die Kirche eintreten. Wenn Sie sich die Zahlen angucken, werden Sie merken, dass dort, wo die katholische Kirche überhaupt nicht nachgibt, und mega-konservativ ist, sie die stärksten Zuläufe hat. Es ist nicht so, dass die katholische Kirche Gläubige gewinnt in dem sie auf eine zeitgemäße Tendenz eingeht.
Man sieht das zum Beispiel bei den Schulen, in Berlin aber auch in vielen anderen großen Städten können sich die katholischen Schulen vor Anmeldungen kaum retten, weil die Menschen der Meinung sind, dass eine Erziehung mit konservativen Werten für ihre Kinder gut ist.
Die konservativen Standpunkte machen die katholische Kirche für viele Menschen erst interessant?
Englisch: Ja, ich glaube, dass das attraktiv ist. Es gibt sicher Ungerechtigkeiten innerhalb der katholischen Kirche, die beseitigt werden müssen – aber auf den Zeitgeist zu schauen und die Kirche nach dem Zeitgeist zu verändern, das hat noch nie funktioniert.
Viele Anhänger hat die katholische Kirche in Afrika, reformbedachte und kritische Stimmen aus Europa, beispielsweise in Bezug auf die AIDS-Problematik, werden dort nicht gerne gehört...
Englisch: Die Afrikaner haben die Schnauze voll davon, dass die Europäer ihnen ständig reinreden und ihnen erklären wollen, was sie tun oder lassen sollen. Die AIDS-Problematik ist denen absolut klar. Im Kongo, einem der am meisten betroffenen Länder, und in Uganda hat es schon einen Versuch mit einer Kondom-Kampagne gegeben. Präservative wurden in Schulen, Krankenhäusern, Büros etc. verteilt – doch das hat letzten Endes dazu beigetragen, dass die AIDS-Rate angestiegen ist, weil die Leute sich gesagt haben: Ist ja prima, dann kann ja nichts passieren.
Also, wenn unsere Politiker behaupten, mit Kondomen sei das Problem gelöst, ist das totaler Blödsinn. Das Ganze mit reiner Keuschheit lösen zu wollen, so wie es die katholische Kirche versucht, mit christlich geschlossenen Ehen, das hat durchaus Vorteile und funktioniert manchmal. Manchmal funktioniert es aber auch nicht und ich denke, dass sich allein damit die Epidemie auch nicht eindämmen lassen wird.
Kommen wir noch zum Zölibat, in einer TV-Sendung sagten Sie kürzlich, dass Sie es für Quatsch halten...
Englisch: Ja, theologisch gesehen ist das Zölibat totaler Blödsinn. Im Ersten Korinther-Brief wird Paulus ja gefragt: Was ist denn jetzt, dürfen wir heiraten oder nicht? Und da antwortet Paulus ganz klar: „Was die Ehelosigkeit angeht habe ich kein Gebot vom Herrn.“ Das Zölibat ist schlicht und einfach aus ökonomischen und machpolitischen Gründen entstanden, es gibt keinen theologischen Hintergrund dafür.
Um es banal zu sagen: Ein Papst könnte heute das Zölibat abschaffen ohne mit irgendjemandem darüber reden zu müssen.
Warum passiert es dann nicht?
Englisch: Bei diesem Papst wird nichts passieren, aber dass das Zölibat noch lange aufrecht erhalten wird, kann ich mir nicht vorstellen. Das Argument der katholischen Seite ist immer das gleiche, die sagen sich: Bei den Evangelen gibt es kein Zölibat und denen geht es schlechter als uns. Und das stimmt. Es ist nicht so, dass die Einführung der Möglichkeit für Priester zu heiraten strukturelle Probleme lösen wird. In der Orthodoxie gibt es verheiratete Priester noch und nöcher und die haben viel mehr Probleme als die Katholiken.
Viele Kritiker sehen im Zölibat einen Grund für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche...
Englisch: Was das Sexualitätsproblem angeht, da wird eine Abschaffung noch weniger ändern, das ist totaler Humbug, da verwechseln die Leute immer Äpfel mit Birnen. Jeder Mediziner wird Ihnen erklären, dass man Menschen, die sich zu Kindern hingezogen fühlen, sie im schlimmsten Fall auch missbrauchen, nicht hilft, in dem man ihnen die Möglichkeit gibt, sich mit einer erwachsenen Frau zu verehelichen. Dass die Priester dann aufhören sich an Kindern zu vergehen ist wissenschaftlich gesehen Schwachsinn.
Wenn Sie sagen, dass das Zölibat abgeschafft wird, an was für einen Zeithorizont denken Sie dann?
Englisch: In 100 Jahren ist das weg. Es lässt sich theologisch einfach nicht halten. Jesus war die ganze Zeit in der Nähe von Frauen und die Kernbotschaft des Neuen Testaments, dass er von den Toten auferstanden sein soll, diese Botschaft übermittelt er nicht einem Mann, sondern das leere Grab findet eine Frau. Wenn er etwas gegen Frauen gehabt hätte, denke ich, dass er dafür gesorgt hätte, dass dieses Ereignis nicht zuerst eine Frau mitkriegt.

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Wie bilanzieren Sie den Papst-Besuch 2011 in Deutschland?
Englisch: Es war schon schön, die Deutschen hatten ja nicht geglaubt, dass sie das Berliner Olympia-Stadion beim Papstbesuch vollkriegen. Dass dann 70.000 Leute dort hingeströmt sind, fand ich toll. Ich fand es auch gut, dass er die Menschen im Eichsfeld besucht hat, die während der DDR-Zeit extremen Schikanen ausgesetzt waren, nur weil sie Katholiken waren.
Wurde man Benedikt von politischer Seite her gerecht?
Englisch: Ich fand es toll vom Bundespräsidenten, dass er auch gefragt hat: Wie geht die Kirche mit ihren Brüchen um? Oder warum werden Wiederverheiratete und Geschiedene von den Sakramenten ausgeschlossen? – Was ja auch totaler Schwachsinn ist. Da hat Deutschland eine gute Figur abgegeben und gute Fragen gestellt. Der Papst hat darauf dann ein bisschen zu wenig Antworten gegeben, er hat dieses Land auch nicht mitreißen können. Ich glaube, letztendlich hat dieser Papst Deutschland nie wirklich erreicht.
Was dachten Sie, als einige Abgeordnete seiner Rede im Bundestag fern geblieben sind?
Englisch: Das war kleinkarierter deutscher Blödsinn. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, als Abgeordneter mitzukriegen, dass ein deutscher Papst im Parlament spricht, sehr gering, dass passiert vielleicht alle 700 Jahre. Da würde ich mir doch genau überlegen, ob ich da nicht doch hingehe.
Noch seltener dürfte es vorkommen, dass sich ein deutscher Papst bei einem homosexuellen Bürgermeister ins Goldene Buch von Berlin einträgt.
Englisch: Genau. Das fand ich toll, dass der Papst in so einem Moment auch mit den Konsequenzen dieses Diktats umgehen muss. Aber wie gesagt, ich glaube, dass diese Paulus-Stelle überbewertet wird. Und wenn Kritiker sagen, die Kirche sei schwulenfeindlich, darf man nicht vergessen: Jesus Christus war es nicht.
Sie schreiben heute ja nicht nur über den Papst, sondern zum Beispiel auch über die Sex-Partys von Silvio Berlusconi. Wie gehen Sie mit diesen verschiedenen Welten um?
Englisch: Das ist einfach mein Job. Dass Berlusconi auf junge Mädchen steht und eigenartige Dinge tut, ist schon bizarr und es ist Gott sei Dank auch zu Ende. Besonders stolz auf das Land Italien war ich in dieser Affäre nicht, aber es war für mich beruflich kein Problem. Ich mache es, wenn ich es machen muss. Und immer nur Enzykliken zu lesen wäre ja auch langweilig.
Was kriegt der Papst eigentlich von Italien mit, was denkt er über Berlusconi und seine „Bunga-Bunga“-Partys?
Englisch: Er guckt jeden Abend italienisches Fernsehen. Ich weiß nicht, was er über Berlusconi denkt, aber er hat immer versucht, ihn so fern wie möglich zu halten. Es hat immer ein ganz offensichtliches Abrücken des Vatikans von der italienischen Politik gegeben. Wo immer man Treffen vermeiden konnte, hat man sie vermieden.
Gibt es christliche Werte, die Ihnen bei der journalistischen Arbeit wichtig sind?
Englisch: Ja, sicher. Das Wichtigste ist Aufrichtigkeit, das finde ich am allerwichtigsten, auch seine eigenen Grenzen benennen. Man sollte auch nicht vergessen, dass man ein Diener der Leute ist und dass die ein Recht darauf haben, vernünftig informiert und unterhalten zu werden. Ich finde auch die Erkenntnis wichtig, dass das Gute letztendlich gewinnt. Es bringt nichts, Hass und Niedertracht zu predigen, die Menschen sind nun mal so gestrickt, dass sie jene, die Frieden wollen, eher akzeptieren, dass sie die Menschen, die vergeben und die barmherzig sind, eher schätzen als die Selbstsüchtigen und Brutalen. Das ist nun mal so. Wir finden Menschen, die Frieden stiften letztendlich besser, als die, die Krieg wollen.
Aber was bedeutet diese Erkenntnis für die journalistische Arbeit?
Englisch: Dass man die Geschichten, die die Welt besser machen, nicht unterschlägt zugunsten von Geschichten, die vielleicht dramatischer sind, aber eigentlich nur erzählen, wie gemein Leute sein können. Ich bin ein großer Fan davon, zu erzählen, was kleine Leute alles Tolles anstellen können. Ich habe mal ein Wunderbuch gemacht und darin unter anderem über einen völlig mittellosen Pater geschrieben, der nichts anderes machte, als 40 Jahre lang ganz alleine in den Bergen eine Kirche zu bauen. Ohne einen Pfennig Geld. Wegen dieser einen Geschichte habe ich waschkörbeweise Post gekriegt. Dieser einfache Mönch hat die Leute mehr beeindruckt als viele Geschichten, die ich über wichtige Päpste geschrieben habe.
Zum Schluss: Wie erlebt man eigentlich Weihnachten im Vatikan?
Englisch: Weihnachten ist vielleicht die einzige Zeit, wo der Vatikan von innen wirklich warm wird. Ansonsten ist es dort ja meistens eine sehr kühle Geschichte.
Was meinen Sie damit?
Englisch: Der Vatikan ist ein großer Verwaltungsapparat. Da geht es sehr viel um bürokratische Dinge, um Geld, um Posten. 90 Prozent ihrer Zeit machen die Menschen dort Dinge wie Reiseabrechnungen, Steuererklärungen usw., diese Herzlichkeit gibt es da nicht so wahnsinnig häufig.
In der Weihnachtszeit ist das anders, da ruft dich vielleicht auch mal ein Bischof, den du irgendwann mal kennen gelernt hast, an und sagt: „Ich wollte mich bei dir entschuldigen, das und das hätte ich so nicht sagen oder tun sollen.“ Die Leute besinnen sich zu Weihnachten wieder darauf, dass sie eigentlich Priester sind und eine Botschaft verkünden sollen, die eine der Liebe ist.
Anmerkung: Fragen zur "Bild"-Zeitung mochte Andreas Englisch beim Interview leider nicht beantworten.
Interview: Jakob BuhreOnline-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1509 | © planet-interview.de | Foto: privat
» Ich glaube, dass Schlager-Fans nicht so viel herunterladen. «
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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