Anna Loos über ihre Erfahrungen auf der Alm, verliebte Bauern, den Film „Nur ein Sommer“ und ihren Aufbruch aus der DDR

© Planet Interview
Anna Loos wurde am 18. November 1970 in Brandenburg/Havel geboren. Nach ihrer Flucht 1988 nach Westdeutschland war sie zunächst Sängerin in verschiedenen Bands und begann 1992 eine Ausbilung an der Hamburger "Stage School". Zuerst war sie in Comedyshows des Hamburger Schmidt-Theaters zu sehen, 1994 im Musical "Grease. 1997 wurde Loos als Assistentin der "Tatort"-Kommissare Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Seitdem hat sie in zahlreichen TV- und Kinoproduktionen mitgespielt, darunter "Anatomie", "10 Sekunden" und "Nur ein Sommer".

"An den Gestank der Exkremente musste ich mich erstmal gewöhnen."
Voriges Zitat
"Ich bin echt ein positiver Mensch, ich denke gar nicht darüber nach, in was für dumme Sachen man abrutschen kann. "
Voriges Zitat"Dreharbeiten sind für mich normalerweise ein bisschen wie Urlaub. Das heißt aber nicht, dass ich da faulenze. "
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Frau Loos, in Ihrem neuen Film „Nur ein Sommer“ treiben Sie Kühe über die Alm. Ist Bauer ein Traumberuf?
Loos: Ich spiele ja eine Melkerin, keinen Bauern. Aber weder das eine noch das andere sind für mich Traumberufe. Es sind interessante Berufe, weil sie mit etwas Realem zu tun haben. Ich wäre wohl lieber Bauer als Investmentbanker.
Zumindest scheint der Beruf ein breites Publikum zu interessieren. „Bauer sucht Frau“ gehört schließlich zu den erfolgreichsten Fernsehformaten.
Loos: „Bauer sucht Kultur“ kenne ich. Das ist ein sehr schönes TV-Format, in dem Brandenburger Kulturschaffende interviewt werden und ihre Region vorstellen. Volker Schlöndorff zum Beispiel. „Bauer sucht Frau“ kenne ich nicht. Was ist das?
Eine Doku-Soap, in der sich ein Bauer unter mehreren Kandidatinnen eine Frau aussucht.
Loos: Was es alles gibt... Es ist für einen Bauern mit seinem harten Leben aber in der Tat nicht so einfach, eine Frau zu finden. Der Bauer, bei dem wir gedreht haben, hat auch eine Frau, die um einiges jünger ist als er, eine Friseuse. Die haben sich zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, als er schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, eine Frau zu finden. Und dann hat er ihr in einem Stall, in dem Dorf, in dem sie leben, einen Friseursalon eingebaut. Da habe ich gedacht: Das könnte wahre Liebe sein.
Was macht das Bauerleben so hart?
Loos: Die haben auch nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung und stehen wirklich morgens auf, gehen arbeiten und gehen wieder ins Bett. Die gehen nicht regelmäßig ins Theater oder nett Essen mit Freunden. Die Zeit haben sie einfach nicht. Auch die Familie und die Kinder müssen ran, da ist nicht viel mit Selbstverwirklichung oder familiärer Freizeit.
Kommen Sie sich im Gegensatz dazu etwas faul vor?
Loos: (lacht) Faul ist, glaube ich, wirklich das Gegenteil von mir! Manchmal komme ich mir vielleicht etwas privilegiert vor. Aber wenn du als Schauspieler ein paar Jahre gearbeitet hast und dich abstrampelst, hast du ganz schnell begriffen, dass zum Erfolg nicht nur Talent gehört sondern auch eine gehörige Portion an Fleiß und Disziplin. Ich kenne viele Schauspieler, die den Beruf schon sehr lange und sehr erfolgreich machen und faul ist von denen keiner.
Wann fängt denn Ihr Arbeitstag an?
Loos: Für eine Doppelmutti wie mich fängt jeder Tag um 6 Uhr morgens an. Dreharbeiten sind für mich dann normalerweise ein bisschen wie Urlaub. Das heißt aber nicht, dass ich da faulenze. Da stehe ich im Schnitt 12-16 Stunden am Set, gehe meinen Text durch, probe vielleicht noch einige Dinge und gehe dann schlafen. Das ist sicherlich eine andere Arbeit, als die eines Bauern, aber faul sind wir Schauspieler nicht.
Ihre Figur Eva wird in „Nur ein Sommer“ gleich von zwei Bauern umworben. Beide stellen sich die Liebe als Teil ihres langfristigen Lebensplans vor, während Eva mehr für den Moment lebt und liebt. Das stellt doch Klischees über Männer und Frauen komplett auf den Kopf, oder?
Loos: Ja, im echten Leben ist es oft so, dass Frauen mehr davon träumen, für alle Ewigkeit Prinzessin zu sein und die Männer leben eher für den Moment. Aber Eva in dem Film hat bei sich zuhause in Eberswalde ja schon ein Leben mit einem Freund und einem erwachsenen Sohn. Sie ist keine 18 mehr.
Wie viele Leben hatten Sie bisher?
Loos: Im Film einige. Im Leben eins. Meins. (lacht)
Zu Beginn des Films in ihrer ostdeutschen Heimat sagt Eva: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mich niemand braucht. Kennen Sie diesen Zustand?
Loos: Man könnte ihn auch anders beschreiben. Eva ist jemand, die gerne etwas machen möchte. Sie will Bewegung in ihrem Leben und niemandem auf der Tasche liegen. Sie will nicht schon zu den Rentnern gezählt werden, landet aber immer wieder in der Arbeitslosigkeit, in der Lähmung. Sie hat lange versucht, dort wo sie lebt zurechtzukommen und beschließt dann, auszubrechen. Im Kleinen kennt das ja jeder, ich natürlich auch. Für mich gab es nach der zehnten Klasse so einen Moment, da musste ich auch gehen und sozusagen wo anders mein Glück suchen.
Sie sind in der DDR aufgewachsen...
Loos: ...und für mich gab es eine Zeit, da hat sich wirklich nichts mehr bewegt. Ich hatte eine Vorstellung davon, was ich mit meinem Leben anfangen möchte, aber das ging nicht dort, wo ich war. Und dann bin ich halt abgehauen 1988. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber ich hatte eben eine bestimmte Vorstellung, von der Richtung, in die das Leben gehen soll!
Welche Erwartungen haben sich bei Ihnen damals nicht erfüllt?
Loos: Eigentlich keine. Ich hatte keine großen Erwartungen. Ich wollte einfach nicht gebremst werden, ich wollte machen, was ich will, auch wenn mir schon klar ist, dass auch in dieser Gesellschaft bestimmte Grenzen automatisch in Kraft treten.
In „Nur ein Sommer“ erleben Sie eine ähnliche Situation.
Loos: Lustig war, dass ich auch selbst als Anna wieder in einen völlig anderen Mikrokosmos geraten bin. So, wie die Eberswalderin Eva auf die Schweizer Alm verschlagen wird, kam ich für die Dreharbeiten auch zum ersten Mal auf eine Alm und dachte: Wow! Und dann musste ich eben auch Melken lernen und den Stall sauber zu machen. Wir mussten ja fast dokumentarisch drehen, weil die Kühe eben das machen, was sie machen. Wenn die drehfertig waren, musste bei mir eben auch jeder Handgriff sitzen.
Hat Ihnen das Landleben gefallen?
Loos: Es ist schon anders. Mir gefällt es aber auch gut. Ich habe mir natürlich vorher Gedanken gemacht, vor meinem Weg auf die Alm genauso, wie vor meinem Weggang in den Westen. Wie ist es da wohl? Aber man kann Dinge eben nicht vorprogrammieren. Der Westen roch eben noch mal ganz anders, als ein Westpaket. Ich hatte echt einen Sinnes-Blackout. Und so ging es mir auch auf der Alm. An den Gestank der Exkremente zum Beispiel, musste ich mich erstmal gewöhnen, denn irgendwann fangen die Kühe ja an, sich wie wild zu entleeren, vor allem wenn sie wegen eines Filmteams auch mal eine halbe Stunde länger als sonst im Stall bleiben müssen. (lacht)
Im Gegensatz zu Kühen gewöhnt sich der Mensch an alles?
Loos: Ja. Das war eine interessante Erfahrung für mich und mein Leben. Du kommst irgendwohin, denkst: Oh Gott, hier ist alles anders. Aber nach ein paar Tagen bist du schon assimiliert, fängst an, dich einzutakten auf das andere Leben. Ich finde irre, wie schnell so etwas geht. Der Körper ist irgendwie bestrebt, sich da einzufinden.

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Haben Sie als Anna eine Naturerfahrung, die Sie besonders geprägt hat?
Loos: Ich bin eigentlich ein Outdoor-Freak. Seit ich Kinder habe, mache ich das nicht mehr so extrem, aber ich bin schon viel in der Natur unterwegs gewesen, bin geklettert. Man ist schon sehr bei sich in extremer Natur. Was ich mochte, ist auch die Art, mit den Menschen dort umzugehen. Denn die Leute, die dort aufwachsen, sind einfach herrlich schrullig, haben außen eine harte Schale, innen aber einen weichen Kern. Sie sind eben durch diese extreme Natur sehr geprägt.
Wie schwer ist es, bei so einem Heimatfilm in den Bergen Heidi-Klischees zu vermeiden?
Loos: „Heidi“ habe ich als Kind natürlich auch mal gesehen. Ich bin aber echt ein positiver Mensch, ich denke gar nicht darüber nach, in was für dumme Sachen man abrutschen kann, oder wohin sich etwas negativ entwickeln könnte, damit verschwende ich gar nicht so viel Energie. Ich finde, die Regisseurin Tamara Staudt hat eine ganz spezielle Kraft und ein Gespür, was Natur und Menschen angeht. Und sie ist ja selbst drei Jahre auf der Alm gewesen und hat mitbekommen, was da wirklich passiert und setzt ihre Erfahrungen hier sehr feinfühlig um. Es ist zwar ein moderner Heimatfilm, aber ich finde Ihn nicht kitschig, sondern herrlich alltäglich und wahnsinnig unaufgeregt.
Haben Sie ein neues Verhältnis zum Käse oder zum Jodeln bekommen?
Loos: Mit Jodeln konnte ich noch nie was anfangen und ich finde das, ehrlich gesagt, immer noch total lächerlich. Aber hey, leben und leben lassen.
Ich liebe allerdings Käse und ich habe da auf der Alm auch meinen eigenen Käse gemacht. Den hat der Bauer mir dann geschickt, als der Film in der Schweiz Premiere feierte. Da haben mein Vater und mein Mann nur geguckt und gedacht: Jetzt kann sie auch noch ihren eigenen Käse machen! Das fand ich schon ziemlich toll. (lacht)
Können Sie etwas nicht, was Sie gerne können würden?
Loos: Fliegen. Ich würde gerne fliegen können, ohne Flugzeug natürlich.
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