Schauspieler Boris Aljinovic über 20 Einsätze als Berliner „Tatort“-Kommissar, seine Erinnerungen an die Wende und Politiker, die sich nur profilieren wollen

© RBB/Margarete Redl-von Peinen
Boris Aljinovic, geboren 1967 in Berlin-Charlottenburg, studierte zunächst Französisch und Englisch, bevor er sich für eine Ausbildung an der Ernst Busch-Schauspielschule entschied. Neben seiner Film- und Fernseharbeit machte er sich vor allem als Sprecher von Hörbüchern und als Theaterschauspieler einen Namen. Seit 2001 ist er als Kommissar Felix Stark im „Tatort“ des RBB zu sehen. Wir trafen Aljinovic im März 2009 anlässlich seines 20. gemeinsamen „Tatort“-Einsatzes an der Seite von Dominic Raacke im Panaroma-Restaurant hoch oben auf dem Berliner Fernsehturm zum Interview.

"Für mich war der Osten ein Phänomen."
Voriges Zitat
"Ich hatte lange Zeit morgens das Gefühl, ich reise von West-Berlin in nur 20 Minuten in ein fremdes Land und kann luxuriöserweise die Sprache schon perfekt."
Voriges Zitat"Ich finde, man müsste wieder viel größeren Wert auf direkte Demokratie legen. "
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Herr Aljinovic, wir befinden uns hier im Panorama-Restaurant ganz oben auf dem Berliner Fernsehturm und während wir uns unterhalten, haben wir einen herrlichen Blick über die Stadt. Sie waren bestimmt schon öfter hier oben?
Aljinovic: Nein, offen gestanden heute zum ersten Mal. Mein „Tatort“-Kollege Dominic Raacke hat sich auch schon darüber amüsiert, dass ich als Berliner noch nie auf dem Fernsehturm gewesen bin.
Wir wundern uns auch, ehrlich gesagt...
Aljinovic: Ich muss gestehen, mit fehlt vielleicht ein wenig der Sinn für diese Form der Entspannung. Ich sitze halt lieber auf dem Wasser und schaue in die Natur, was man in Berlin hervorragend kann. Zum Beispiel am Wannsee.
Stellen wir fest: Der Fernsehturm beeindruckt Sie wenig.
Aljinovic: Doch, schon. Aber da ich in Berlin aufgewachsen bin, kenne ich das eben alles, für Touristen ist es sicherlich etwas anderes. Ich bin allerdings vor längerer Zeit einmal mit einem Helikopter über den Reichstag geflogen. Das fand ich richtig geil (lacht).
Der Fernsehturm war das Wahrzeichen des ehemaligen Ostteils der Stadt. Was für einen Blick hatten Sie vor der Wende als West-Berliner auf den Osten?
Aljinovic: Für mich war der Osten ein Phänomen. Ich habe mich aber nicht besonders damit beschäftigt. Die Mauer war auf meiner Seite bunt bemalt und das Leben in West-Berlin aufregend. Als die Mauer fiel, habe ich das neue Terrain sofort erkunden wollen und fand es unglaublich spannend. Ich habe dann bald in Schöneweide Schauspiel studiert und dort auch die DDR-Kultur – oder besser die Subkultur – kennen und schätzen gelernt.
Sie waren Anfang 20, als die Mauer fiel. Hat Sie das Ereignis geprägt?
Aljinovic: Natürlich. Ich weiß, wir saßen damals vorm Fernseher und hatten Bedenken, dass eine bloße Übernahme der DDR durch die Bundesrepublik vielleicht nicht das Richtige ist. Das waren wohl traditionelle linke Bedenken. Ich hatte Angst vor einem großen Deutschland.
In diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum 20. Mal. Wie hat sich die Stadt in Ihren Augen seit der Wiedervereinigung entwickelt?
Aljinovic: Zunächst muss ich sagen, dass sich meine Bedenken in keiner Weise erfüllt haben, worüber ich sehr glücklich bin. Ich hatte die große Chance, früh nach dem Mauerfall in beiden Stadtteilen zu leben und zu arbeiten. Ich hatte lange Zeit morgens das Gefühl, ich reise von West-Berlin in nur 20 Minuten in ein fremdes Land und kann luxuriöserweise die Sprache schon perfekt. Ich bemerkte aber auch, wie sich die Menschen mit ihrem Stolz nicht ernst genommen fühlten. Das fand ich schade, denn man sollte in seiner Identität selbstbewusst sein dürfen.
Man soll den Menschen, die in der DDR gelebt haben, ihre Identität nicht nehmen?
Aljinovic: Das geht ja auch gar nicht und der Versuch wäre unrecht. Die Identität, über die wir hier sprechen, könnte man ja auch mit anderen Worten ausdrücken. Heimat wäre mir zu schwülstig, Herkunft trifft es besser und das kann und soll man einbringen, denn ablegen kann man es ohnehin nicht. Ich zum Beispiel bliebe West-Berliner, auch wenn ich nach Hamburg zöge oder Hawaii. Wo ist das Problem?
Haben Sie einen Lieblingsplatz in der Stadt?
Aljinovic: Ja, meine Wohnung (lacht).
Und außerhalb davon?
Aljinovic: Ich bin gerne am Savignyplatz, das ist mein Bezugsort. Da war meine Schule und dort ist auch das Theater, an dem ich anfing. Der Prenzlauer Berg ist natürlich auch toll, aber einfach zu weit weg. Das ist von Charlottenburg aus eine halbe Weltreise, da bin ich mit der U-Bahn ja eine halbe Stunde unterwegs (lacht). Aber das ist wohl generell ein Problem des Berliners: dass er größtenteils in seinem Bezirk bleibt und dort nur wenig rauskommt.
Nun spielen Sie seit mittlerweile acht Jahren an der Seite von Dominic Raacke den Berliner „Tatort“-Kommissar Felix Stark, am 19. April wird Ihre 20. gemeinsame Folge ausgestrahlt. Wie sieht Ihr Fazit aus?
Aljinovic: Wir schlagen uns ganz gut um unseren Platz im gesunden Mittelfeld der „Tatorte“ und gerade mit unserer Jubiläumsfolge „Oben und unten“ bin ich sehr zufrieden. Der Berliner „Tatort“ hat es immer ziemlich schwer gehabt, was das Ansehen anging. Da haben wir einiges in Bewegung gebracht. Das war jetzt nicht immer top, aber wir hören nicht auf, uns Mühe zu geben.
Gesundes Mittelfeld genügt Ihnen?
Aljinovic: Ich würde nicht sagen, dass Mittelmaß genügen darf, weil diese Haltung zur Bequemlichkeit verführt. Aber ich bin Realist. Die Zuschauer wissen mittlerweile, was sie in einem Berliner „Tatort“ erwartet und das mögen viele wohl gerade. Das ist unser Ansporn. Wir, die wir die Filme drehen, haben zudem an Selbstvertrauen und Erfahrung gewonnen – und dadurch wird unser Zusammenspiel besser und die Geschichten automatisch schöner und runder.
Dominic Raacke sagte uns, die Redakteure beim RBB seien sehr vorsichtig. Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Möglichkeit, neue Dinge anzugehen?
Aljinovic: Die Vorsicht unserer Redakteure kann ich in einer gewissen Weise nachvollziehen. Der „Tatort“ ist ein komplexes Erfolgsprodukt, für das sie die Verantwortung tragen. Man mag als Schauspieler schnell den Wunsch nach Drama, Realismus und Emphase haben, das ist die eine Seite, die andere hält dagegen, auch Familienprogramm mit Anspruch sein zu müssen. Aber das Kommunikationsverhältnis hat sich deutlich verbessert. Wir nehmen uns gegenseitig ernst und ein gutes Argument bleibt ein gutes Argument, egal, wer es vorträgt. Wir haben Spaß an der Auseinandersetzung und wir wollen, dass der geneigte Zuschauer davon profitiert.
Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Dominic Raacke im Laufe der Jahre entwickelt?
Aljinovic: Sie hat sich sicherlich verändert, wir sind professioneller geworden. Wir hatten niemals das Phänomen, dass wir durch die Arbeit zu Freunden geworden sind. Unsere Zusammenarbeit ist eine Zweckgemeinschaft – und das ist völlig okay. Auch das hat mit Erfahrung zu tun. Man kommt mit der Zeit zu einer Größe, miteinander umgehen zu können. Man weiß, was man dem anderen sagen kann und welche Äußerung man besser bleiben lässt. Und auf diese Weise macht die Zusammenarbeit Spaß.
Dominic Raacke beschrieb uns Ihr Verhältnis folgendermaßen: „Wir sind wie die Rolling Stones, die sich das ganze Jahr über nicht sehen und dann auf die Bühne gehen und Rock’n Roll machen. Wir wissen den Rest des Jahres nicht, was der Andere macht.“ Ist das aus Ihrer Sicht eine passende Beschreibung?
Aljinovic: Wir tauschen uns natürlich aus und wissen schon, was der andere macht. Es ist aber ein lustiges Bild, mit der Beschreibung kann ich leben (lacht).
Dabei hat man, zum Beispiel wenn Sie gemeinsam in Talkshows auftreten, den Eindruck, dass Sie sich eigentlich ganz hervorragend verstehen.
Aljinovic: Wenn wir gemeinsam zu einer Talkshow eingeladen werden, gehen wir da natürlich gerne zusammen hin. Dominic und ich suchen uns aber nicht bewusst, da wir wissen, dass wir uns sowieso wieder sehen werden. Wir hatten im Oktober den letzten Drehtag für die Folge „Oben und unten“ und wussten schon damals, dass wir uns im Februar vor den Dreharbeiten für die nächste Folge wiedersehen würden, um über das Buch zu sprechen. Wir sehen uns also regelmäßig zu den Dreharbeiten – aber dazwischen eben nicht. Das ist aber auch beim Theater so: Wenn man mit einem Stück ein halbes Jahr Pause macht und dann eine Wiederaufnahme hat, dann sieht man seine Kollegen zwischendurch auch nicht. Ich muss auch sagen, dass ich eigentlich froh bin, wenn ich im Privatleben von Leuten umgeben bin, die mit meinem Beruf gar nichts zu tun haben.
Gibt es ein – vielleicht auch Berlin-spezifisches – Thema, das Ihnen am Herzen liegt und das Sie gerne einmal in einem Berlin-„Tatort“ aufgreifen würden?
Aljinovic: Ich bemühe mich, der Redaktion nicht durch zu lautes Kundtun solcher Wünsche oder eigener politischer Ansichten in den Rücken zu fallen. Das ist nicht Teil meiner Mitarbeit. Aber natürlich diskutieren wir gemeinsam Themen. Ein Mord an einem Polizisten – wie dynamisiert das eine Stadt, wie dynamisiert das eine Gesellschaft? Ein Mord an einem Kind – wie dynamisiert das die Gesellschaft? Aber ich glaube, ich wäre bei Themenvorschlägen sowieso viel zu versponnen.
Inwiefern?
Aljinovic: Ich könnte mir zum Beispiel auch vorstellen, in einer Berliner Gemeinschaft, die ihre kleinen Ferienhäuser nebeneinander auf Mallorca hat, zu ermitteln – einfach, weil ich gerne drei Wochen auch einmal im Warmen drehen würde (lacht). Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich nicht in der Verantwortung bin. Man kann nicht immer die Themen machen, die man sich wünscht. Man muss ja auch einen Autoren finden, der Lust hat, über ein bestimmtes Problem zu schreiben. Es ist einfach so, dass vor dem Dreh eines neuen „Tatorts“ viele Team-Entscheidungen getroffen werden müssen.
Nervt es Sie manchmal auch, dass so viele Menschen mitreden?
Aljinovic: Nein, ich konzentriere mich lieber auf meinen Posten – und mein Posten ist echt nicht schlecht (lacht). Das Ziel sollte es sein, dass alle gemeinsam an einem Strang ziehen.
Nutzt der RBB-„Tatort“ den Standort Berlin richtig?
Aljinovic: Er nutzt ihn, so gut er kann. Sicherlich ist Berlin schwieriger auszuloten als eine kleine verschlafene Stadt und darüber hinaus ist das Drehen hier vielleicht auch teurer. Wir haben unsere inhaltlichen und logistischen Grenzen. Es ist ja nicht damit getan, einer Weltstadt gerecht zu werden, indem man mal den Fernsehturm im Bild hat, genauso wenig reicht aus, wenn einer berlinert, will man eine multikulturelle Metropole widerspiegeln.
In „Oben und unten“ spielt das Berliner U-Bahn-Netz eine große Rolle. Wie bewegen Sie sich in der Stadt, sind Sie auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs?
Aljinovic: Ich besitze kein Auto, sondern erledige viel mit dem Fahrrad, nutze aber natürlich auch die öffentlichen Verkehrsmittel. Ich habe zwar keine Monatskarte, fahre aber trotzdem auch Bus und U-Bahn. Für die Arbeit ist es aus versicherungstechnischen Gründen so, dass ich von einem Fahrer abgeholt werde, ansonsten radele ich selbst zum Theater. Und wenn ich irgendwo einmal etwas Größeres einkaufen muss, dann mache ich Carsharing. Ich bin eigentlich froh, dass ich keine eigene Kiste bei mir rumstehen habe. Es gibt ein richtiges Parkplatzproblem in Berlin und ich wüsste nicht, wo ich mein Auto abstellen soll. Autofahren ist in Berlin sowieso schrecklich und es geht ja auch ohne fahrbaren Untersatz sehr gut.
Im Film geht es um das soziale Gefälle in der Stadt, um das „oben und unten“. Wie groß ist dieses Gefälle wirklich, wie würden Sie die Lage einschätzen?
Aljinovic: Ich kenne keine Statistik, aber ich habe den Eindruck, dass sich die Gegensätze verschärfen. Mit der augenblicklichen Krise sehe ich auch wenig Hoffnung auf Milderung. Ich höre noch deutlich, was zu dem Stand der Schulen in bestimmten Stadtteilen gesagt wurde. Da rückt dann mal eine Neuköllner Schule in den Blickpunkt der öffentlichen Wahrnehmung, aber diese Spitze des Eisberges scheint mir all zu schnell auch wieder vergessen.

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Der CDU-Politiker Phillip Mißfelder sorgte vor einigen Wochen mit seiner Aussage, eine Erhöhung des Hartz IV-Satzes käme nur der Tabak- und Spirituosenindustrie zugute, für Aufsehen. Was denken Sie, wenn Sie so etwas hören?
Aljinovic: Da denke ich als erstes automatisch „Arschloch“ – warum, weiß ich auch nicht (lacht). Wenn ich darüber nachdenke, dann finde ich es doch sehr arrogant, alle Hartz IV-Empfänger dermaßen über einen Kamm zu scheren, um sich zu profilieren. Solche Bemerkungen führen doch zu keiner Lösung.
Empfinden Sie es so, dass sich Politiker generell oft nur profilieren wollen?
Aljinovic: Ich habe vor kurzem im „Spiegel“ einen sehr spannenden Essay über die parlamentarische Kultur in Deutschland gelesen. Interessant an unserem politischen System ist ja, dass die wenigsten Abgeordneten wirklich direkt vom Volk gewählte Volksvertreter sind, die meisten ziehen vielmehr über die Parteilisten ins Parlament ein. Alleine durch die Wähler hätten viele Abgeordnete nämlich nicht genügend Stimmen, um dort zu sitzen. Ich finde, man müsste wieder viel größeren Wert auf direkte Demokratie legen.
Sie stellen das System in Frage?
Aljinovic: Du meine Güte! Ich will Ihnen doch nur ausweichen. Und Sie nageln mich als Verfassungskritiker fest, der ich gar nicht bin. Ich wollte doch nur damit angeben, dass ich neulich mal einen Artikel über Politik gelesen habe.
Wir sind beeindruckt. Lassen Sie uns zu unserer Schlussfrage kommen, die insofern gut zu Ihnen passt, als dass Sie nach dem Abitur ursprünglich Comiczeichner werden wollten. Also, Herr Aljinovic: Das Leben ist ein Comic – welche Figur sind Sie?
Aljinovic (überlegt lange): Keine Ahnung, was soll ich da sagen? Wahrscheinlich wäre ich gerne Lieutenant Blueberry (lacht). Ich weiß es nicht, so eine Figur gibt es nicht. Ich sehe das Leben nicht als Comic. Comichelden sind unglaublich linear – nicht nur in der Art, wie sie gezeichnet sind, sondern auch in ihren Handlungsweisen. Und das bin ich nicht, insofern kann ich mich mit keiner Comicfigur vergleichen.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1070 | © planet-interview.de | Foto: RBB/Margarete Redl-von Peinen
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