Doris Dörrie

Der deutsche Reflex ist bestimmt nicht, „Yes, I can“ zu rufen.

Doris Dörrie über Eitelkeit, ihre „Friseuse“, schmerzhafte Erfahrungen als Dicke und die Deutschen als Nation der Zweckpessimisten

Doris Dörrie

© Mathias Bothor/Constantin Film

Frau Dörrie, sind Sie eitel?
Dörrie: Ja, auf jeden Fall. Ich bin dabei vielleicht besonders raffiniert, weil ich nicht als wahnsinnig eitel erscheine. Aber ich bin es natürlich auch.

Ist das etwas, was das Filmgeschäft insbesondere mit sich bringt?
Dörrie: Uns eint in diesem Geschäft natürlich alle, dass wir beurteilt werden wollen von der Öffentlichkeit, wir machen diese Filme ja nicht für den Schrank sondern für andere Leute. Damit sind wir natürlich auch sehr abhängig von Zuspruch, Erfolg und Anerkennung. Insofern sind wir da auch alle sehr eitel, weil wir ohne das nicht leben könnten. Das ist eine Form von Eitelkeit, die auch sehr gefährlich ist, wo man immer gucken muss: Inwieweit kriege ich Angst, wenn ich abgelehnt werde? Versuche ich dann wirklich noch meine Geschichte zu erzählen, oder versuche ich so vorauseilend schon zu gefallen? Da muss man vorsichtig sein.

Also eine Art künstlerische Eitelkeit…
Dörrie: Es ist dieses Gefallen-Wollen, dem Publikum gefallen wollen. Das steht einem dann auch schnell im Weg, weil man dadurch vorsichtig und ängstlich wird. Das bin ich aber glaube ich nicht.

Und was ist mit Eitelkeit in Bezug auf Ihr Aussehen?
Dörrie: Och, da bin ich zu faul, im Zweifelsfall. Ein bisschen eitel bin ich da bestimmt, aber im entscheidenden Moment bin ich einfach zu faul.

Manche Schauspieler stöhnen ja über das anstrengende Sich-Präsentieren auf dem Roten Teppich…
Dörrie: Für Schauspieler gehört das dazu. Die müssen das auch ertragen, das ist ihre Rolle.

Kennen Sie viele, die es mögen?
Dörrie: Ja, schon. Und wenn sich jemand beklagt, dann ist das Koketterie. Das ist so als wenn ein Schauspieler sagt: Ich kann nicht spielen, wenn jemand zuguckt. (lacht)

Mögen Sie denn Rote Teppiche?
Dörrie: Für mich ist es eine Pflichtübung. Ich stehe nicht gerne vor Kameras, ich werde nicht gerne fotografiert, ich bin mit gutem Grund hinter der Kamera. Also, ich muss mich schon ein bisschen zusammenreißen, um das zu machen.

Dabei wollten Sie früher selbst Schauspielerin werden.
Dörrie: Ja, aber da habe ich sofort gemerkt, dass ich das überhaupt nicht will und nicht kann. Ich wusste ja gar nicht genau, was es bedeutet.

Aber was war am Anfang ausschlaggebend für Sie?
Dörrie: Dass ich Geschichten erzählen wollte. Und damals wusste ich nicht so recht, wie ich beruflich da rankomme. Ich habe also erst mal Schauspiel studiert und Geschichten von anderen, von Theaterautoren erzählt, als Schauspielerin. Das war so ein Rantasten an das Geschichtenerzählen. Aber ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass ich so schüchtern bin.

Nun erzählen Sie in „Die Friseuse“ die Geschichte einer übergewichtigen Friseurin in Berlin-Marzahn. Zur Vorbereitung sind Sie selbst mit einem sogenannten Fatsuit am Körper durch Berlin gegangen. Von wem haben Sie da mehr komische Blicke bekommen, von Männern oder von Frauen?
Dörrie: Seltsamerweise eben von jedem. Das hat mich so erschüttert, dass jeder einen mit einem Blick kommentiert, mit einem Tuscheln oder auch mal mit einem lauten Satz. Jeder glaubt, das Recht zu haben, einen zu kommentieren und zu beurteilen. Das fand ich das Beängstigende daran.
Wenn ich in einen Bus reingekommen bin und am Eingang durch die Schranke nicht durchgekommen bin, dann starrte mich der ganze Bus an. Und dann kann man wirklich zählen, nach zwei, drei Sekunden tuscheln die ersten. Oder sie mustern einen von oben bis unten, wenden sich ab mit einem Augenrollen, runzeln die Stirn – jeder. Das ist tatsächlich so eine Art Spießrutenlauf, weil sich jeder herausnimmt, ein Urteil abzugeben. Das hat mich ziemlich entsetzt, das hatte ich mir so nicht vorgestellt.

Das heißt, wie lange brauchten Sie, um nachfühlen zu können, was dicke Menschen tag täglich erleben?
Dörrie: Es hat nur wenige Stunden gedauert, da war ich dann so verletzt, dass ich fast nicht mehr konnte. Ich habe mir vorher nicht klar gemacht, dass man immer sichtbar ist, wenn man so dick ist. Man kann nicht zurück in die Unsichtbarkeit, sondern man bleibt immer sichtbar und man muss dem die ganze Zeit etwas entgegenhalten.
So wie ich normaler Weise aussehe bin ich halt absoluter Durchschnitt und unsichtbar, das ist nicht anstrengend. Aber das Sichtbarsein ist irre anstrengend. Das war für mich bei diesem Film ganz entscheidend, zu merken, wie viel Kraft das kostet.
Das trifft übrigens auch jeden, der schwarz ist, oder Vietnamese oder Türke in bestimmten Stadtteilen. Jeder, der anders ist, wird auf diese Art und Weise sichtbar und braucht diese Kraft.

Würden Sie sich selbst gegenüber dicken Menschen als vorurteilsfrei bezeichnen?
Dörrie: Überhaupt nicht. Natürlich scanne ich meine Welt auch ständig ab und urteile über alles mögliche. Wenn ich jemanden mit Kleidergröße 58 sehe, der Obst ist, denke ich auch: „Naja, Obsttag ist aber vielleicht auch mal fällig.“ Und wenn ich dann aber im Fatsuit Schokolade gegessen habe, dann sagten mir die Blicke: „Ja, muss das denn jetzt unbedingt sein?“ – Solche Kommentare habe ich selbst natürlich auch im Kopf.
Ich habe aber durch diese Erfahrung und die Dreharbeiten gelernt, mich mit inneren Kommentaren und Beurteilungen ein bisschen mehr zurückzuhalten.

Wann haben Sie selbst die letzte Diät gemacht?
Dörrie: Kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Aber ich habe auch Glück: Ich werde nicht dicker oder dünner. Ich kann mir wirklich noch dieselben Klamotten anziehen, die ich mir vor 25 Jahren gekauft habe. Das ist Genetik, da habe ich selber wenig dazu beigetragen.

Sind Frauenzeitschriften für Sie ein Thema?
Dörrie: Die sind immer ein großes Thema, weil ich die schon auch sehr stark studiere, für Rollen, für Kostüme, für ein bestimmtes Make-Up, Frisurenvorstellungen, für einen bestimmten Zeitgeist. Da lese ich querbeet, aber eher als Recherche.

Zitiert

So wie ich normaler Weise aussehe bin ich halt absoluter Durchschnitt und unsichtbar, das ist nicht anstrengend. Aber das Sichtbarsein ist irre anstrengend.

Doris Dörrie

Also nicht aus Gründen der Schönheitsberatung…
Dörrie: Nein, da finde ich es auch schnell langweilig. Immer wieder „die neuen Lippenstift-Farben“… Hey, es gibt so und so viel Farben, das sind immer dieselben. Nee, das interessiert mich eher weniger.

Und die Schönheitsideale, die transportiert werden?
Dörrie: Das empfinde ich eigentlich als eine Schmach. Dass wir Frauen uns nicht nur in diese eng gestrickten Kriterien freiwillig hineinbegeben, sondern dass wir sie auch mit erfinden. Dass wir es zulassen, dass wir uns selbst ins Ghetto sperren lassen von einer bestimmten Kleidergröße, von einer bestimmten Vorstellung wie man auszusehen hat, um schön zu sein. Das finde ich schrecklich, dass wir das hinnehmen und daran selber auch mitbasteln.

Ist das vielleicht gar ein geschlechtsinternes Problem? Also, sind weniger die Männer bzw. der männliche Blick schuld daran?
Dörrie: Naja, ich muss Ihnen schon sagen, dass die Reaktion der Männer zum Beispiel auf nacktes, dickes Fleisch in meinem Film heftiger ist als die Reaktion von Frauen. Männer können das oft gar nicht so gut ertragen.

Die Diskriminierung von dicken Menschen, die Sie in „Die Friseuse“ thematisieren, gehört in unserer Gesellschaft zum üblen Alltag. Sehen Sie aktuell Tendenzen, dass es in dieser Hinsicht gerade besser oder schlechter wird?
Dörrie: Es gibt jetzt so Aktionen, wie zum Beispiel die Dove-Werbung, wo seit ein paar Jahren normale Frauen in der Werbung gezeigt werden, oder wenn jetzt die „Brigitte“ keine Models nimmt. Ich habe aber das Gefühl, dass das nur kleine Zuckungen sind. Denn gleichzeitig sagt jemand wie Lagerfeld: Natürlich wollen wir Kleidergröße 34 für unsere Models haben. Und wenn Sie sich anschauen, was in der großen Traumfabrik passiert, in Los Angeles, dann wird dort eigentlich dieses Ideal immer weiter nach oben geschraubt. Oder wenn man sieht, dass es überhaupt kein Foto mehr von irgendeiner Schauspielerin gibt, das nicht gephotoshopt ist, auch wenn man weiß, dass inzwischen jede Großaufnahme von einer Schauspielerin in einem Hollywood-Film computerbearbeitet ist – dann wird es eigentlich eher schlimmer.

Was setzt man dem entgegen?
Dörrie: Für mich ist das die Frage: Warum machen wir Frauen das mit, warum machen wir das mit uns? Da müssen wir wirklich höllisch aufpassen. Zum Beispiel als Mütter vor unseren Töchtern, dass wir nicht ständig so einem seltsamen Ideal hinterher rennen und es damit für die jungen Frauen unmöglich machen, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, was ihren Körper und ihr Aussehen angeht.

Wie vermittelt man das am besten?
Dörrie: Man muss sich sehr im Zaum halten und sich darüber im Klaren sein, was man anrichtet, wenn man als Mutter ständig sagt: „Oh Gott, bin ich wieder fett“ oder „Ich hasse mich“ und „Wie sehe ich denn aus?“. Das muss man versuchen mit den Ohren der Töchter zu hören und dann schauen, was es mit ihnen macht.
Es ist auch die Frage, wie man mit Essen umgeht, mit Lebensmitteln, mit Kochen, was bedeutet das?

Und im Hinblick auf Medienkonsum?
Dörrie: Da muss man schon versuchen, eine Achtsamkeit zu entwickeln, mit sich selber und mit seiner Umwelt, um da ein bisschen dagegen zu halten. Komplett kann man das natürlich überhaupt nicht schaffen, dagegen ist dann der Einfluss von außen auch zu stark.

Wenn man sich die Geschichte Ihrer „Friseuse“ anschaut, mit den zahlreichen Schicksalsschlägen, dann denkt man irgendwann, dass es bei dem Film eigentlich gar nicht um das Dicksein geht.
Dörrie: Nein, geht es auch nicht. Es geht um Würde. Es geht darum, wie man es schafft, sich tatsächlich jeden Tag wieder dazu zu entscheiden, glücklich zu sein. Und wie man es nicht zulässt, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt – wobei das Sein ja immer das Bewusstsein beeinflussen und bestimmen will. Aber die Kathi König im Film, die gibt zumindest jedem neuen Tag wieder eine Chance, sich anders zu entwickeln, als es vielleicht vorhersehbar wäre. Das fand ich an dieser Figur so interessant, das widerstrebt auch diesem Reflex, immer aus der Erfahrung auf das zu schließen, was auf einen zukommt – nach dem Motto: Wenn die Erfahrung schlecht war, dann kann es ja nur mies weitergehen. Das kostet natürlich auch Kraft in dem Moment wieder zu sagen: „Ich entscheide mich, glücklich zu sein, und der heutige Tag bekommt eine Chance.“ Wir sagen ja sehr oft: „Nein, der neue Tag bekommt gar keine Chance von mir, überhaupt keine, der letzte war mies, drum wird der heute auch mies.“

Aber wie viele Menschen haben Sie schon getroffen, die so einen starken Charakter haben wie Ihre Filmfigur Kathi König?
Dörrie: In Deutschland nicht so viele… in anderen Ländern schon mehr.  Und – das war auch interessant für mich – im Osten mehr als im Westen. So eine Form von Pioniergeist habe ich durchaus im Osten gefunden, auch dieses Gefühl, des Sich-Neu-Erfindens, der Krisengeübtheit, weil man schon eine große Krise hinter sich gebracht hat.

Doch insgesamt ist diese Stehaufmännchen-Mentalität in Deutschland wenig verbreitet. Warum?
Dörrie: Das weiß ich jetzt auch nicht so genau. Ich glaube schon, dass wir darauf trainiert sind, Zweckpessimisten zu sein. Das bin ich auch.

Wieso das?
Dörrie: Der deutsche Reflex ist bestimmt nicht, „Yes, I can“ zu rufen.

Aber warum?
Dörrie: Keine Ahnung. Ich bezeichne es als nationales Handicap. So sind wir trainiert. Das bekommen wir schnell beigebracht, vielleicht liegt das auch in den Genen – ich weiß es nicht. Wir sind Zweckpessimisten, wir sagen lieber: „Das geht nicht“ – und wenn es dann doch geht, dann freuen wir uns. Aber wir würden nicht sagen: „Yes, I can“ – weil wir denken: „Vielleicht kann ich es ja doch nicht.“ Das ist eine Prädisposition, die wir haben. Man kann natürlich ab und zu versuchen, dem etwas entgegenzuhalten, was ich mit diesem Film auch versuche.

Aber sonst ist diese Prädisposition bei Ihnen genauso ausgeprägt?
Dörrie: Ja, schon. Ich muss da auch jeden Tag wieder gegenhalten.

Es kommt also vor, dass Sie einem neuen Tag keine Chance geben?
Dörrie: Ja, ich wache oft auf und denke: „Oh Gott, was liegt heute alles vor mir.“ (lacht) Andererseits habe ich inzwischen eine Übung darin, mir zu sagen: Okay, ich versuche jetzt mal, zu gucken, was passiert, wenn ich allem eine Chance gebe. Auch wenn es erstmal widerwärtig ist. Vielleicht entsteht aus der größten Widerwärtigkeit ja doch etwas. So ein spielerisches Moment in diese Betrachtung rein zu bringen, darin habe ich inzwischen etwas Übung. Ich schaffe es aber auch nicht immer.

In welchen anderen Ländern haben Sie denn Menschen getroffen, die nicht dieses ‚nationale Handicap’ haben?
Dörrie: In afrikanischen Ländern. Das ist jetzt sicher ein Klischee, aber es trifft auch zu, so wie jedes Klischee zu einem Teil zutrifft. Auch in Südamerika ist das sehr oft so.
In Japan ist es dann wieder ganz anders, dort würde man sich einfach nicht herausnehmen, den nächsten Tag schon zu bestimmen, sondern es gibt eine Art Akzeptanz all dessen, was passieren kann. Da hat jede Nation so ihre Eigenheiten.
Für uns ist es glaube ich schwierig – gerade wenn die Zeiten nicht so rosig sind – nicht sofort den Kopf einzuziehen, sich nicht entmutigen zu lassen. Das ist schon etwas, was uns sehr nahe liegt, die Entmutigung.

Hat das auch etwas mit dem Gesellschaftssystem zu tun, das sehr vom Materialismus geprägt ist?
Dörrie: Man kann schon versuchen das auch philosophisch zu betrachten, dass natürlich in dem Moment, wo man existenziell nicht mehr bedroht ist, die Vorstellung von Sicherheit in der Zukunft und von Planbarkeit da ist, dass man dann anfängt, immer weiter diesen Rahmen zu stecken: Was muss eigentlich noch passieren, damit ich glücklich bin?
Es gibt eben diesen Wenn-Dann-Gedanken, an den man sich auch sehr stark gewöhnen kann, also dass man sein Glück immer in Kausalität setzt. Dagegen steht eben die Geschichte vom Hans im Glück, der diese Kausalität komplett umdreht. Die Geschichte hat mir immer gefallen, als Kind schon, weil sie keinen Sinn ergibt. Es macht einen ja auch fast agressiv, was mit dem Hans im Glück passiert, der immer weniger hat und trotzdem gut drauf ist. Weil man von sich selber weiß, dass man es dann eben nicht ist, dass man nicht gut drauf ist, wenn man Dinge verliert. – Die Dinge auf den Kopf zu stellen, das hat mir immer schon gefallen.

Zum Schluss: Wir sprachen ja vorhin vom Fatsuit, von einer anderen Haut, die Sie sich angelegt haben. Welche Situationen gab es in Ihrem Leben, wo Sie nicht in Ihrer eigenen Haut stecken wollten?
Dörrie: Ich finde es schon schwierig, weiß in Afrika zu sein, das ist oft unangenehm. Nicht weil man sich bedroht fühlt, sondern weil man weiß, dass man die Geschichte des Weißen Mannes in Afrika unweigerlich mit sich rumschleppt und dass man eben nicht als Individuum gesehen werden kann. Es gab schon viele Situationen, wo ich mich in meiner Haut nicht wohlfühle, da müsste ich jetzt länger drüber nachdenken. Generell ist es glaube ich immer dann der Fall, wenn man nicht als Individuum gesehen wird, was auch wieder anschließt an die Erfahrung, dick zu sein. Situationen, wo man typisiert wird, da fühlt sich jeder von uns unwohl. Weil er nicht als Person wahrgenommen sondern klassifiziert wird – das ist immer verletzend.

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