18. Oktober 2010
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Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig über seinen Umgang mit Politikern, mangelnde Authentizität und Kabarett im Privatfernsehen

© Tobias Hase/ZDF
Der Kabarettist Frank-Markus Barwasser wurde 1960 in Würzburg geboren. Nach einem Zeitungsvolontariat studierte er in München und Spanien u.a. Politik und Geschichte. Erste Bühnenerfahrung machte er Anfang der 80er Jahre bei einer Marionettenbühne und beim Bamberger Kulturforum "Palais Schrottenberg", 1985 folgte das erste kabarettistische Soloprogramm. Beim Bayerischen Rundfunk entwickelte er die Figur Erwin Pelzig zunächst für den Hörfunk, ab 1998 dann auch fürs Fernsehen. Ab Oktober 2010 ist Barwasser als Pelzig in der ZDF-Sendung "Neues aus der Anstalt" zu sehen.

"Gibt sich ein Politiker zu locker, gilt er schnell als unseriös."
Voriges Zitat
"Edmund Stoiber war mir immer dann sympathisch, wenn ich gemerkt habe, es gelingt ihm nicht, sich zu verstellen. Das ist ja öfters vorgekommen. "
Voriges Zitat"Es ist für Politiker immer auch ein Risiko in Unterhaltungssendungen zu gehen. "
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Herr Barwasser, gibt es einen deutschen Politiker, dem Sie mehr Humor wünschen würden?
Barwasser: Ich vermute, viele haben mehr Humor als sie zeigen. Bei Edmund Stoiber war das vermutlich auch so. Ansonsten wünsche ich der Kanzlerin viel Humor. Sie wirkt nicht so richtig entspannt. Aber sie hat ja auch Grund dazu.
Würde denn etwas mehr Humor der politischen Landschaft in Deutschland gut tun?
Barwasser: Ich glaube das ist weniger eine Frage des Humors, sondern hat eher mit Authentizität zu tun. Das wirkt tatsächlich alles oft sehr weichgespült, und irgendwie traut sich auch keiner mehr mal was zu sagen oder anzuecken – ich meine jetzt aber nicht Sarrazin, das ist wieder eine andere Geschichte, also von wegen „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“. Aber Authentizität schließt ja Humor und eine gewisse Souveränität ein – und auch Selbstzweifel. Ich glaube, dass aufgrund der sehr starken medialen Beobachtung bei Politkern da durchaus gewisse Hemmungen vorhanden sind, vor allem, wenn Sie Medienberater haben, die ihnen sagen, wie sie sein sollen.
Wie lustig und humorvoll dürfte sich denn ein Politiker Ihrer Meinung nach in der Öffentlichkeit präsentieren, ohne die Würde seines Amtes zu verlieren?
Barwasser: Das ist ja das Problem. Gibt sich jemand zu locker, gilt er schnell als unseriös. Ist er immer sehr ernsthaft, gilt er als langweilig. Aber es geht ja auch gar nicht um den Unterhaltungswert von Politikern, sondern um Glaubwürdigkeit.
In Ihrer Sendung „Aufgemerkt! Pelzig unterhält sich“ hatten Sie viele Politiker zu Gast, ob Gregor Gysi, Theo Waigel, Horst Seehofer oder Kurt Beck. Wie haben Sie diese Menschen erlebt?
Barwasser: Das Verblüffende war, dass die meisten in meiner Sendung tatsächlich irgendwie anders und entspannter als sonst waren. Das war jedenfalls mein Eindruck. Horst Seehofer meinte bei seinem Auftritt, die Sendung sei für ihn wie eine Therapiestunde. Das fand ich sehr schön, und dieser Ansatz ist sehr wünschenswert, denn seinem Therapeuten vertraut man ja eigentlich alles an. (lacht)
Gibt es zu wenige Formate, die Politkern auch die Chance geben authentisch zu sein?
Barwasser: Ich glaube, dass so eine Kunstfigur wie der Erwin Pelzig und auch der Rahmen, in dem das Ganze stattfindet, in gewisser Weise entwaffnend wirken kann, weil es einfach anders ist. Vielleicht gibt es da mehr Raum für Authentizität. Ansonsten: der Plenarsaal des Bundestages wäre doch der ideale Raum, um authentisch zu sein, oder? Da braucht es gar kein neues Format.
Inwiefern würden denn mehr Authentizität und auch die Bereitschaft zur Selbstironie helfen das Ansehen der politischen Klasse in der Bevölkerung verbessern?
Barwasser: Selbstironie ist für Politiker gefährlich, weil sie gerne mit Absicht missverstanden und falsch interpretiert wird. Und die Beschimpfungen zwischen CSU und FDP als Gurkentruppe und Wildsäue waren ja sehr authentisch, haben aber nicht zu mehr Ansehen verholfen. Das Ansehen der politischen Klasse kann ohnehin nur dadurch verbessert werden, dass ihre Entscheidungen transparent sind. Das ist zum Beispiel beim sogenannten Atom-Kompromiss absolut nicht der Fall. Das wirkt auf mich wie ein Hinterzimmer-Geschachere in einer elementare Frage.
Jetzt haben Sie eben schon den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber erwähnt. Der war nicht wirklich humorvoll, aber er war manchmal unfreiwillig komisch, zum Beispiel in seiner „Transrapid“-Rede. Was war da mit ihm los?
Barwasser: Da waren die Gedanken einfach schneller als der Mund, und er kam ins Stolpern. Im Grunde hat er mir irgendwann fast leid getan deswegen. Leute, die Herrn Stoiber kennen, sagen ja, dass er durchaus humorvoll sei, aber in dem Moment wo eine Kamera in der Nähe ist, passiert da was bei solchen Menschen, dass sie sich dann nicht mehr trauen.
In Ihre Sendung hat er sich offenbar auch nicht getraut.
Barwasser: Ich hätte ihn natürlich gerne in meiner Sendung gehabt, aber irgendwie hat das nicht geklappt. Ich weiß gar nicht mehr genau woran das lag. Entweder hatte er immer keine Zeit, oder wir haben nicht energisch genug gefragt. Dafür hatten wir dann ja Horst Seehofer.
War Ihnen Stoiber als Politiker denn sympathisch?
Barwasser: Er war mir immer dann sympathisch, wenn ich gemerkt habe, es gelingt ihm nicht, sich zu verstellen. Das ist ja öfters vorgekommen. (lacht)
Warum suchen Politiker die Nähe zu Unterhaltungsformaten? Wie viel Kalkül steckt möglicherweise dahinter?
Barwasser: Es ist für Politiker ja immer auch ein Risiko in Unterhaltungssendungen zu gehen. Das kann auch den genau gegenteiligen Effekt haben. Deswegen wägen sie das schon gut ab. Ich muss auch sagen, dass es nie ganz leicht war, Politiker in meine Sendung nach München einzuladen - an einem Donnerstagabend, wenn Sitzungswoche ist, und sie Freitag eigentlich wieder in Berlin sein müssen. Wer dann da war, wollte wirklich kommen. Ich glaube aber, dass meine Gäste gerne gekommen sind, weil sie wussten, dass die Einladung als Kompliment zu verstehen ist. Pelzig bekommt nicht jeden aber er nimmt auch nicht jeden. Und doch ist er eine Figur, die Ehrfurcht hat, dass sich jemand Zeit für ihn nimmt. Und er will die Zeit nicht verblödeln, sondern wirklich etwas wissen.
Aber Sie waren in der Rolle bisweilen schon ziemlich scharf. Sarah Wagenknecht (stellvertretende Parteivorsitzende der Partei „Die Linke“, Anm. d. Red.) gegenüber haben sie zum Beispiel gesagt, dass sie der einzige Gast wäre, der vom Verfassungsschutz beobachtet werde, und dass Sie im Zuschauerraum deshalb einige Plätze freihalten wollten…
Barwasser: Aber die Frage lag doch wirklich nahe. Wie geht jemand damit um, unter dieser Beobachtung zu stehen. Das hat mich sehr interessiert. Das ist ja keine unhöfliche oder unverschämte Frage.
Pelzig fragt natürlich andere Dinge und will auch andere Dinge wissen, gleichzeitig ist er tief beeindruckt vom Gast, aber trotzdem ausreichend respektlos, wenn es sein muss. Ich will Politiker gar nicht vorführen, das wäre ja auch viel zu einfach. Jeder, der zusagt, hat erstmal meinen Respekt. Ich bin ja in einer Kunstfigur und der Gast sitzt da und ist er selber. Da muss es dann schon einen fairen Ausgleich zwischen den Diskutanten geben. Ich würde doch auch nirgendwo hingehen, wo man mich nur abwatschen will.
Sie sind ausgebildeter Journalist und studierter Politologe. 1985 starteten Sie ihre kabarettistische Laufbahn. Wie viel von diesen beiden Berufsfeldern steckt heute noch in Ihnen und Ihrer Arbeit?
Barwasser: Das vermischt sich kräftig. Gerade in der Talksendung steckt in der Vorbereitung sehr viel journalistische Arbeit und da profitiere ich absolut von dieser Ausbildung.
Wäre es Ihnen denn heute noch möglich, wieder als normaler Journalist zu arbeiten?
Barwasser: Ja, vielleicht wäre es heute wieder möglich. Aber ich glaube da gäbe es aufgrund der steigenden Bekanntheit schon ein Problem. Nein, ich muss sagen, das überlasse ich einstweilen lieber dem Pelzig, und halte mich selbst zurück. Ich arbeite ihm zu, bin sozusagen sein Assistent. (lacht)
Ab dem 19.10 werden Sie nun mit Ihrer Kunstfigur „Erwin Pelzig“ zum Ensemble der ZDF-Kabarett-Sendung „Neues aus der Anstalt“ gehören. Könnten Sie sich dieses Format eigentlich auch im Privatfernsehen vorstellen?
Barwasser: Wenn es dort die entsprechenden Quotenvorgaben erfüllen würde und ausreichend jüngere Menschen erreicht, dann sicherlich. Es geht ja dort nur darum, wie viel Zuschauer so eine Sendung zieht. Da sind die öffentlich-rechtlichen Sender teilweise noch etwas entspannter, da wird einem Format etwas mehr Zeit gegeben, da gibt es noch häufiger den Aufruf zur inhaltlichen Qualität. Manfred Teubner, der Unterhaltungschef vom ZDF, hat gerade wieder betont, dass bei einer Sendung wie „Neues aus der Anstalt“ die Quote auch nicht das einzige Kriterium ist. Es gab bei RTL Anfang 2009 mal das Satireformat mit dem Titel „TV-Helden“ – das hat mir sehr gut gefallen, wurde aber nach zwei Folgen wieder abgesetzt, weil es nicht genug Quote gebracht hat. Ich befürchte fast, dass es im Privatfernsehen für „Die Anstalt“ auch eng werden könnte. Die Quoten sind zwar gut, aber die Zuschauer für Werbung vermutlich nicht alle jung genug. Dass die von Helmut Thoma willkürlich erfundene Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen immer noch das Maß aller Dinge ist, finde ich übrigens sehr drollig.
Warum finden sich im Privatfernsehen noch immer keine ernsthaften Kabarett-Formate?
Barwasser: Ich glaube es liegt schlicht daran, dass man einem politischen Fernseh-Kabarett nicht zutraut, die Zahl von Zuschauern zu ziehen, die das Werbeumfeld sich wünscht. Kabarett ist ja auch nicht gerade das Lieblingsthema der angeblich werberelevanten Zielgruppe. Das Werbeumfeld entscheidet aber letztlich was sich hält und was sich nicht hält.
Vielleicht könnte man die Menschen auch im Privatfernsehen an solche Formate gewöhnen, wenn man sie ihnen einfach mal zeigen würde…
Barwasser: Nach der Shell-Studie interessieren sich ja auch jüngere Menschen wieder mehr für Politik. Wer weiß, vielleicht wird es nach den Maßstäben der Privaten irgendwann funktionieren. Aber für solche Experimente gibt es keine Zeit und keine Geduld. So ein Risiko will man nicht eingehen. Aber man muss sehen, dass eine Kabarettsendung mit Werbeunterbrechung auch schwierig sein könnte.
Warum wäre das schwierig?
Barwasser: Naja, ob Werbekunden wohl einverstanden wären, wenn Kabarettisten zwischen den Werbeblöcken auf sie eindreschen? Da hätte ich meine Zweifel.

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Kabarett und Comedy – wie würden Sie diese Begriffe voneinander abgrenzen?
Barwasser: Gar nicht, weil ich diese Diskussion nicht führe und sie mich auch langweilt. Entscheidend ist doch nur, dass man sich bei einem Programm nicht langweilt. „TV-Helden“ war ganz klar Comedy und hat mich überhaupt nicht gelangweilt. Es muss ja auch nicht immer alles nur politisch sein. Auch im klassischen Kabarett gab es immer Elemente, die man heute als Comedy bezeichnen würde. Ich selber habe da auch nie Berührungsängste gehabt.
Aber würden Sie zustimmen, dass im Bereich Comedy heute eine immer größere Verflachung stattfindet?
Barwasser: Comedy ist ein anspruchsvolles Fach und es ist einfach das Problem, dass sich sowas nicht nach Belieben industriell herstellen lässt. Es braucht dafür wirklich kreative Köpfe, die stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Ein Mr. Bean wird leider nur alle 50 Jahre geboren. Darum wird ja auch so viel kopiert, geklaut und aus anderen Ländern adaptiert. Es besteht ein riesiger Bedarf nach dieser Art von Unterhaltung, der also nicht oder nur schwer gedeckt werden kann. Es gibt einfach nicht sehr viele Leute, die in der Lage wären, das qualitativ gut zu machen. Und dann sind halt auch mal Sachen dabei, die flacher sind, aber dann auch häufig wieder schnell verschwinden.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1363 | © planet-interview.de | Foto: Tobias Hase/ZDF
» Man kann die Welt nur verstehen in dem man sich ihr annähert und nicht in dem man nur theoretisiert.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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