07. Februar 2012
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Gary Oldman über seine schweigsame Rolle in „Dame, König, As, Spion“, Angst vor zu großen Fußstapfen und die Analog-Ära

© Studiocanal
Gary Oldman wurde 1958 London geboren, er studierte am Rose Brudford Drama College und arbeitete zu Beginn seiner Karriere als Theaterschauspieler auf versch. Bühnen in England und Europa. Seine erste große Filmrolle bekam er 1986 in "Sid and Nancy" als Frontmann der Sex-Pistols. Bald darauf war er auch als Graf Dracula und Beethoven auf der Leinwand zu sehen, sowie u.a. in "JFK", "Das Fünfte Element", "Harry Potter" und "The Dark Knight". Für seine Rolle in dem Film Dame, König, As, Spion wurde Oldman für den Oscar nominiert.

"Man ist zunächst mal auf die Gnade derer angewiesen, die die Drehbücher schreiben, auf das, was die Filmindustrie produziert und auf die Vorstellungskraft derer, die dich casten."
Voriges Zitat"Ich wollte ein Vater sein, der nicht ständig weg ist. Das war mein großes Projekt. Batman und Harry Potter ermöglichten mir das. Ich musste nicht für vier, fünf Monate um die Welt fliegen."
Voriges Zitat""
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Mr. Oldman, für Ihre Rolle als Spion George Smiley in "Dame, König, As, Spion" gelten Sie als Oscar-Favorit. Angeblich wollten Sie den Film ja noch kurz vor Beginn der Dreharbeiten absagen...
Oldman: Ja, ich hatte plötzlich das Gefühl... Wissen Sie, das war ein besonderer Drachen, den ich da zu erlegen hatte. "Dame, König, As, Spion" ist ja Ende der 70er Jahre schon einmal als TV-Serie verfilmt worden; die hat damals jeder gesehen. Wenn Sie heute in England Menschen einer bestimmen Generation auf der Straße fragen: Wer war George Smiley? Dann heißt die Antwort: Alec Guinness...
...der damals die Hauptrolle in der TV-Serie spielte und sehr populär war. Sie sind nun also in seine Fußstapfen getreten.
Oldman: Ja ich musste einen hohen Berg erklimmen. Und ich hatte das Gefühl, ich könnte auf der halben Strecke erfrieren. Ich wurde einen Moment lang panisch. Ich fragte meinen Agenten: „Was passiert normalerweise, wenn jemand in meiner Situation die Sache kurz vorher hinschmeißt?“ Er sagte nur: „Ich weiß nicht. Das ist noch nie passiert.“ Also musste ich da durch.
Wie haben Sie Ihre Panik überwunden?
Oldman: Ich habe mich ein wenig selbst ausgetrickst. George Smiley wurde für mich so etwas wie eine klassische literarische Figur. Wenn man Hamlet oder King Lear spielt, wird man natürlich an allen genialen Schauspielern gemessen, die vor einem diese Rollen gespielt haben. Und diese Liste ist viel länger, als die von George Smiley. Da steht nur Alec Guinness. Mir das bewusst zu machen, war eine Art Selbstmedikation. So fiel es mir leichter, meine eigenen Interpretation von George Smiley anzugehen. Und nach dem ersten Drehtag wurde mir klar, es funktioniert. Vielleicht hatte ich auch lediglich ein bisschen Lampenfieber. Meine letzte Hauptrolle liegt schließlich schon 15 Jahre zurück.
Warum waren Sie denn so lange nicht mehr in einer Hauptrolle zu sehen sondern nur in Nebenrollen u.a. in „Harry Potter“ oder „Batman“?
Oldman: Ich musste als allein erziehender Vater zehn Jahre lang zwei Kinder erziehen. Ich wollte einfach ein Vater sein, der nicht ständig weg ist. Das war mein großes Projekt. Batman und Potter ermöglichten mir das. Ich musste nicht für vier, fünf Monate um die Welt fliegen. „Dame König As Spion“ war nun möglich, weil meine Kinder mittlerweile älter geworden sind.
"Dame, König, As, Spion" ist ein Roman von John le Carré. Sind Sie ein Fan von ihm?
Oldman: Ich habe einige seiner Romane gelesen. Aber längst nicht alle. Er hat ja allein acht George Smiley-Romane geschrieben. Und die Art, wie er diesen Geheimagenten beschreibt, als sehr stillen, geradezu sanftmütigen Charakter, diese Eigenschaften sind es, die Smiley gefährlich machen. Er ist so schweigsam wie ein Schachspieler. Es ist sehr hilfreich für einen Schauspieler, wenn seine Rolle so gut geschrieben ist. Auf einem Drehbuch, das gut geschrieben ist, kann man dahingleiten, als stünde man auf einem Surfbrett. Wenn man etwas spielen muss, das schlecht geschrieben ist, hat man das Gefühl, man würde gegen den Strom schwimmen.
Haben Sie die alte TV-Serie zur Vorbereitung gesehen?
Oldman: Ich habe die Serie damals im Fernsehen gesehen, Ende der 70er Jahre. Ich war Anfang 20, es gab noch keine Videorekorder und jede Woche gab es eine Folge von "Dame, König, As, Spion" und das ganze soziale Leben wurde so arrangiert, dass man ja keine Folge verpasste. Den Rest der Woche sprach man dann überall darüber. Das war eine gute Zeit. Heute leben wir komplett anderes. Es gibt heute einfach zu viel von allem.
Sie haben schon mal in einem Interview erwähnt, dass es zu viele Filme gäbe.
Oldman: Ja, wenn jeder eine Kamera hat und jeder einen Film drehen kann, dann gibt es natürlich eine Menge Müll. Leute wie Polanski oder Coppola erscheinen eben nicht jede Woche auf der Bildfläche und es sieht nicht so aus, als ob die modernen technischen Möglichkeiten daran etwas geändert hätten. Es gab mal eine Zeit, in der Filme noch Ereignisse waren. Man hat monatelang dem neuen James Bond entgegen gefiebert. Heute sind Filme nur noch Events, in 3D. Entschuldigen Sie, ich rede wie ein zynischer alter Sack.
Zumindest wie jemand, der von den guten alten Zeiten vor der Digitalisierung schwärmt.
Oldman: Und ob diese analoge Zeit gut war, sie war der reine Spaß! Deshalb lebe ich immer noch in ihr. (lacht) Aber natürlich ist das auch eine Frage des Alters. Irgendwann weiß man eben, dass es nicht der Weihnachtsmann ist, der einem die Geschenke bringt. Und so sitzt man eben auch irgendwann im neuen James Bond-Film und denkt: Diese Effekte sind lächerlich. Okay, vielleicht kann man mit einem Auto wirklich so fahren – aber niemand würde danach noch lebend aus ihm aussteigen können.
Apropos Bond: Wenn Sie Ihren George Smiley mit 007 vergleichen, wer ist der authentischere Spion?
Oldman: Die Bond-Filme bewegten sich mit Roger Moore immer weiter von dem weg, was Ian Fleming im Kopf hatte. Vielleicht ist Daniel Craig ein Bond, der sich Fleming annähert. Ein dunkler, vielschichtiger Charakter. Obwohl ich gerne Bond-Filme sehe, habe ich sie nie wirklich verstanden. Ein Spion, der sich jedem vorstellt? Ein Typ, der im Anzug aus seinem Aston Martin steigt, den jeder als Spion kennt? – Smiley dagegen verschwindet. Auf der Straße würde sich niemand nach ihm umdrehen.
Viele Ihrer großen Rollen waren sehr physisch betont, Smiley ist das genaue Gegenteil. War das eine besondere Herausforderung für Sie?
Oldman: Nein. Der Text ist das alles entscheidende, ohne ein gutes Drehbuch musst du zu hart arbeiten. In einer Szene mit Ricki Tarr, der nervös schwitzt und den Smiley für einen ziemlichen Idioten hält, agiert Smiley wie der große Schachspieler, der er ist. Er ist es gewohnt, die intelligenteste Person im Raum zu sein. Meine Aufgabe ist es, einfach in den Raum zu kommen und auf einem Stuhl Platz zu nehmen. [Oldmann rückt seinen Stuhl leicht nach hinten, lehnt sich zurück, hält inne und beobachtet schweigend für einige Sekunden seine Umwelt. Eine Kostprobe seiner Smiley-Performance.] Ich sitze nur da und höre diesem Idioten zu. Dabei sehe ich ziemlich gut aus. Auch ohne die Wände hoch zu gehen. Es war unheimlich befreiend, in solch minimalistischer Weise agieren zu dürfen.
Ihre Figur redet in den ersten Szenen kein Wort...
Oldman: In den ersten zwanzig Minuten! Das ist dem Regisseur Tomas Alfredson zu verdanken. Er wollte eine Person, die nicht spricht. Personen, die nicht sprechen, faszinieren. Für mich ist Smiley wie eine alte, weise Eule. Er hat große Augen, die alles sehen – und er hört alles. In einer Szene zu Beginn schaue ich fern, es klopft an der Tür und ich drehe nur meinen Kopf, während der Rest des Körpers verharrt. Genau wie eine Eule.
Ihre Rolle in "Dame, König, As, Spion" ist wieder einmal eine undurchsichtige, unheimliche Rolle. Haben Sie nicht manchmal Lust, ins Komödienfach zu wechseln?
Oldman: Ja, aber man ist zunächst mal auf die Gnade derer angewiesen, die die Drehbücher schreiben, auf das, was die Filmindustrie produziert und nicht zuletzt auf die Vorstellungskraft derer, die dich casten. Wissen Sie, die Presse-Agenten, die mich während der Promotion für diesen Film betreuen, wollten, dass ich in den USA in die Talkshow "Ellen" gehe. Aber dort hat die Redaktion gesagt: Nein, nein, Gary Oldman ist uns zu ernst! Wenn nicht einmal diese Leute die Zeit aufbringen, mich zu googlen und sich zum Beispiel meinen Auftritt in der Jay-Leno-Show anzusehen, wie soll ich dann irgendjemandem von meinem komödiantischen Talent überzeugen? Andererseits – so ganz der Typ für die Hauptrolle in einer romantischen Komödie bin ich wahrscheinlich auch nicht. Aber ich wäre es gerne.
Ihre Kollegin Meryl Streep, die für ihre Darstellung der Maggie Thatcher in "Die Eiserne Lady" als Oscar-Favoritin gilt, hat den Spagat zwischen Komödie und Drama geschafft...
Oldman: Meryl ist sehr gut in diesem Film. Der Film selbst erzählt allerdings leider vor allem, wie Maggie Thatcher im Alter senil wird. Wenn man bedenkt, was diese Frau alles erreicht hat, ist das eine seltsame Perspektive.
Empfinden Sie Bewunderung für Ihre ehemalige Premierministerin?
Oldman: Ähm... Ja. Es ist nicht so, dass ich mit ihrer Politik oder dem was sie sonst gemacht hat immer einverstanden gewesen wäre. Aber wenn man bedenkt, was sie alles erreicht hat, als Frau in einer Umgebung, die eher eine Arena der Männer war und immer noch ist, dann ist das eigentlich fast schon ein Wunder. Ich habe Sie einmal getroffen.
Und?
Oldman: Das war irgendein offizieller Anlass, ich weiß es nicht mehr genau. Aber sie machte auf mich einen ziemlich charismatischen Eindruck.

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