01. April 2011
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Horst Köhler über Politiker-Rücktritte im Allgemeinen und Persönlichen, Heckenschützen in der Presse und warum er seine Hemden am liebsten selbst bügelt

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Horst Köhler wurde am 22. Februar in Heidenstein geboren. Von 2000 bis 2004 war er geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), am 23.05.2004 wurde er zum Bundespräsidenten Deutschlands gewählt. Sechs Jahre später erklärte er am 31. Mai 2010 in fünf Sätzen seinen Rücktritt. Bis heute hat er zu den Hintergründen geschwiegen.

"Als Bundespräsident können Sie beim Bürger schwerlich Sympathien wecken."
Voriges Zitat
"Meine Mitarbeiter haben sich oft tage- und nächtelang über meinen Reden und den ganzen Grußwörtern den Kopf zerbrochen, jeder Buchstabe wurde abgeklopft auf Risikopotential. "
Voriges Zitat"Bügeln ist der reinste Urlaub, Kontemplation pur und gut für die Wirbelsäule."
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Herr Bundespräsident a.D., Sie haben sich seit Ihrem Rücktritt im vergangenen Jahr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und zu den Gründen nie Stellung bezogen. Warum brechen Sie jetzt Ihr Schweigen?
Köhler: Weil ich glaube, dass der heutige Tag dafür der beste Zeitpunkt ist.
Was meinen Sie damit?
Köhler: Ich möchte einfach nicht mehr so ernst genommen werden. Nicht von der deutschen Bevölkerung und bitte auch nicht von den Medien. Das habe ich jetzt mehrere Jahre ertragen müssen, irgendwann ist auch mal gut.
Aber braucht Deutschland nicht ein Staatsoberhaupt, das man ernst nimmt?
Köhler: Gute Frage, ganz sicher bin ich mir da nicht. Es soll ja schon Umfragen gegeben haben, nach denen sich Leute Hape Kerkeling als Kanzler gewünscht haben – diese Stimmen aus der Bevölkerung sollte man nicht gänzlich ignorieren. Natürlich war die Sache mit Horst Schlämmer in hohem Maße albern und der Film kaum zu ertragen. Aber eins musste man ihm lassen: der Schlämmer hatte die Sympathien auf seiner Seite. Davon kann ein Bundespräsident nur träumen, dafür gibt es gar keinen Spielraum.
Das müssen Sie erklären.
Köhler: Wissen Sie, in dem Amt müssen Sie ständig etwas in die Welt hinausposaunen, zu jedem Thema, zu jedem Ereignis, zu jedem Jahrestag, zu Weihnachten, zum Weltfrauentag, Weltkindertag, und, und, und. Aber wehe, da ist ein Wort falsch, das fliegt Ihnen gleich hundertfach um die Ohren. Da sitzen in den Redaktionen heutzutage ja regelrecht Heckenschützen. Schon bei einem falschen Komma schießen die los. Nehmen Sie den Minister Brüderle: da passt der ein mal ein paar Sekunden lang beim Satzbau nicht richtig auf, schon löst das in den Medien eine gewaltige Kettenreaktion aus.
Meine Mitarbeiter haben sich deswegen oft tage- und nächtelang über meinen Reden und den ganzen Grußwörtern den Kopf zerbrochen, jeder Satz, jeder Buchstabe wurde abgeklopft auf Risikopotential. Wenn Sie so wollen ist die Presseabteilung im Schloss Bellevue die größte Skandalverhinderungsmaschine Deutschlands. Allerdings, diese gestelzte Soße, die dabei am Ende herauskommt – damit können Sie beim Bürger schwerlich Sympathien wecken.
Erklärt sich so, warum Sie während Ihrer Präsidentschaft immer ein leichtes Dauergrinsen aufgesetzt haben? Um trotzdem noch nett rüberzukommen?
Köhler: Ich würde es so formulieren: Es war der Versuch, dem Gegenüber zu sagen: Bitte nicht alles so ernst nehmen, bitte nicht alles in die Wagschale werfen, ich bin nur der Bundespräsident und nicht der Messias.
Nun konnten letztlich weder Ihr Lächeln noch Ihr Pressestab den Skandal um Ihre Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr verhindern.
Köhler: Interviews waren einfach nicht meine Stärke, das entzog sich ja auch dem Einfluss meiner Redenschreiber. Ich habe Gert Haller, den damaligen Chef des Bundespräsidialamtes deswegen auch mehrfach darum gebeten, sich um ein Interview-Double für mich zu kümmern, doch man hat nie eine passende Person gefunden. Ich persönlich hätte ja Mathias Richling toll gefunden, doch bei ihm hat es terminlich leider nicht gepasst. Er muss ja schon ständig die Frau Bundeskanzlerin vertreten – und die hat nun mal Vorrang.
Aber lassen Sie uns noch über Ihr Interview damals zu Afghanistan sprechen...
Köhler: Da will ich jetzt eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Dieser Journalisten-Dödel vom Deutschlandradio... also das war schon eine Frechheit! Da lasse ich den in meiner Maschine von Kabul nach Berlin kostenlos mitfliegen und dann so was. Unter Dankbarkeit verstehe ich etwas anderes.
Dabei hat er doch nur seinen Job gemacht und Ihnen ein paar Fragen gestellt...
Köhler: ...und aus einer Maus einen Elefanten gemacht. Ich habe doch nur gesagt, dass dieser Krieg vornehmlich zur Wahrung unserer wirtschaftlichen Interessen dient. Also, jemand vom Deutschlandradio müsste sich über so eine Aussage doch nun wirklich freuen. Stattdessen wird man wieder kritisiert, die Aussage skandalisiert – Sie glauben nicht, was ich danach alles über mich ergehen lassen musste. Sogar die Putzfrauen im Schloss Bellevue haben mich in den Tagen nach dem Interview schief angeguckt, eine hat mich mit Feudelwasser bespritzt.
Da habe ich dann gesagt: Nein, nicht mit mir! Ich fliege doch nicht nach Afghanistan damit mich danach irgendwelche Journalisten zum Horst machen! Da fliege ich lieber in den Urlaub in die Karibik oder fahre nach Norderney und komme erstmal gar nicht zurück.
Wir nehmen natürlich an, dass Sie das politische Geschehen in Deutschland trotzdem weiter verfolgen. Was sagen Sie zum ersten grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg Winfried Kretschmann? Sie sind ja in Ludwigsburg aufgewachsen, haben in Tübingen studiert und sind mit einer echten Schwäbin verheiratet.
Köhler: Ich habe den Winfried Kretschmann gleich nach der Wahl angerufen und ihm gratuliert. Er ist ja eigentlich ein netter Kerl und hat sogar Abitur. Leider sind gute Ministerpräsidenten anscheinend heutzutage sehr viel leichter zu finden als Chemie- und Biologielehrer, was er ja früher mal gemacht hat. Meine Frau und er haben im Lehrerzimmer immer gestritten, ob die Maultaschen aus ökologischem Anbau besser schmecken als die günstigeren aus dem REWE in der Hirschbergstraße.
Ich habe gehört er lässt die Kollegen von der SPD Fraktion regelmäßig in Mathe nachsitzen. Ich glaube zwar nicht, dass es was bringt, aber einen Versuch ist es wert.
Winfried Kretschmann ist dafür, alte Atomkraftwerke sofort stillzulegen. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den „AKW-Verlängerungs-Rücktritt“ der Regierungskoalition?
Köhler: Viele Leute wissen nicht, dass Angela Merkel über quantenchemische Zerfallsreaktionen promoviert hat, inklusive Fußnoten. Es geht darin um den „Mechanismus von Zerfallsreaktionen“, allerdings nicht bezogen auf die Regierungskoalition, sondern auf die „Abfallentsorgung ohne Luftzufuhr“. Wenn Sie Parallelen zur Politik ziehen wollen, steht Ihnen das natürlich frei.
Also, auch wenn es im DDR-Fernsehen kein Loriot gab bin ich mir sicher, dass Frau Merkel weiß, wie ein Atomkraftwerk funktioniert. Ich kann Ihnen allerdings auch verraten, dass sie längst die Errichtung von hochmodernen Windkraftanlagen neben dem Berliner Fernsehturm plant, damit sich die Menschen auch vom Visuellen her schnell an die Windkraft gewöhnen.
Ich selbst setze zuhause jetzt vor allem auf Wasserkraft, meiner Frau habe ich gerade wieder eine neue Spülmaschine geschenkt.
Lassen Sie uns noch bei der Politik bleiben. Ihre CDU-Migliedschaft ruhte während Ihrer Präsidentschaft - welche Partei kommt Ihren Interessen heute am nächsten?
Köhler: Interessant, dass Sie das fragen, ich habe nämlich erst vor kurzem den Wahl-O-Mat gemacht um eine geeignete Partei für mich zu finden.
Mit welchem Ergebnis?
Köhler: Die größten Übereinstimmungen hatte ich mit der Partei Bibeltreuer Christen, der Piratenpartei und der CSU. Deswegen war ich auch etwas enttäuscht, dass die CSU in Baden-Württemberg erneut nicht zur Wahl stand.
Warum enttäuscht, die CSU stand in Baden-Württemberg doch noch nie zur Wahl.
Köhler: Da mögen Sie Recht haben, aber in dem Fall hätte man gleich wieder den Guttenberg als Kandidat aufstellen können. Ich bin strikt dagegen, dass junge Leute untätig zu Hause sitzen. Er ist jung und kerngesund, der kann doch etwas tun. Sollte der Freiherr hingegen Hartz IV beantragen, müsste der Staat die Heizkosten für die gesamte Burg Guttenberg, nebst Stallungen übernehmen. Diese Kosten sind vor dem Wähler nicht zu rechtfertigen. Hat sich da eigentlich irgendwer von der Opposition schon mal Gedanken drüber gemacht? Ich glaube nicht.
Außer Ihnen und Karl-Theodor zu Guttenberg haben in der letzten Zeit u.a. Roland Koch, Dieter Althaus und Ole von Beust und den Hut genommen. Um wen tut es Ihnen besonders leid?
Köhler: Viele der von Ihnen genannten Herren, sind bereits über 50 Jahre alt und dieser psychische Zustand von Unsicherheit, die so genannte „Midlife Crisis“ kann jeden treffen. Ich bin Verfechter der „Rente mit 67“ und habe mich auch persönlich daran gehalten. Ich kann aber jeden, wirklich jeden Politiker verstehen, der es nicht so lange aushält und vorher die Segel streicht.
Um Karl-Theodor zu Guttenberg tut es mir allerdings tatsächlich leid, für den haben auch meine Töchter immer geschwärmt.
Dabei sind viele sind der Meinung, er habe dem Wissenschaftsstandort Deutschland großen Schaden zugefügt.
Köhler: Das halte ich für Spekulation. Laut einer Studie gibt es 7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland. Ich denke, diese Tatsache schadet dem Wissenschaftsstandort Deutschland wesentlich mehr – und daran ist nicht zu Guttenberg schuld.
Was seinen Doktortitel angeht: In meinen Augen braucht er den gar nicht, er hat doch schon genügend Vornamen. Wirklich, diese ganze Abschreibearbeit hätte er sich sparen können. Zu meiner Zeit gab’s noch gar kein Internet, wir mussten noch mühsam aus Büchern abschreiben, aber da heute sowieso niemand mehr Bücher liest, sind wir Älteren natürlich auf der sicheren Seite. Dafür kommen viele von uns nicht mehr über Straße bevor die Ampel auf rot umspringt. (lacht) Man kann eben nicht alles haben.

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Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Köhler: Ich will dieses Jahr auf jeden Fall die Fußball-WM der Frauen besuchen. Als die Mannschaft vor vier Jahren die WM gewann, kamen die ja alle zu mir ins Schloss, sehr reizende Damen, wirklich. Die haben von mir das silberne Lorbeerblatt bekommen und ich weiß noch, dass ich auf einen Satz an diesem Tag ganz besonders stolz war: „Die Zeiten von Bügelbrett und Kaffeeservice sind vorbei“.
Sie bezogen sich damit in Ihrem Grußwort auf die Siegprämie, welche die Frauenfußballerinnen 1989...
Köhler: Ganz genau, 1989 bei der EM in Deutschland erhielten die Damen als Siegprämie ein Kaffeeservice und ein Bügelbrett. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – verrückt!
Herrr Köhler, ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie damals die Unwahrheit gesagt haben?
Köhler: Wie bitte?
Das von Ihnen erwähnte Bügelbrett, das hat es als Siegprämie nie gegeben. Ihre Mitarbeiter haben da offenbar etwas schlampig gearbeitet.
Köhler: Verdammt! (hat auf den Tisch, murmelt etwas in sich hinein) Ich hab es doch immer gewusst. Ich hatte diese Redenschreiber immer im Verdacht, dass sie mir eines Tages eine Falle stellen und mir irgendetwas sinnfreies in meine Reden schreiben, um mich in der Öffentlichkeit zum Horst zu machen. Das haben sie beim Stoiber und dem Transrapid damals ja auch gemacht, den Edmund haben diese Schreibtischtäter auch auf dem Gewissen.
Wobei, also mal unter uns, die Idee mit dem Bügelbrett, ich finde die gar nicht so falsch.
Aber Herr Köhler, wir leben im 21. Jahrhundert, was soll eine Frau da noch mit einem Bügelbrett?
Köhler: Nein, nein, ich meine das ganz frei von jeglichem Chauvinismus. Ich persönlich kann das Bügeln nur empfehlen, jedem. Die Leute verbringen doch heutzutage ihre Zeit fast nur noch vor dem Computer. Da ist Bügeln der reinste Urlaub, Kontemplation pur und gut für die Wirbelsäule. Wirklich, das war mit das erste wo ich nach der Rückkehr in unsere Privatwohnung zu meiner Frau sagte: das Bügeleisen nehme ich in Zukunft wieder selber in die Hand.
Herr Köhler, Ihren Sinn für Humor in allen Ehren, aber das nehmen wir Ihnen jetzt einfach nicht ab, dass Sie Ihre Hemden selber bügeln.
Köhler: Also ob Sie es mir glauben oder nicht, ist Ihre Sache. Ich gucke dabei jedenfalls immer Fernsehen. Sonntags die Anne Will, mittwochs Plasberg, Donnerstags manchmal auch die Illner. Ich musste allerdings schon zwei Hemden mit Brandflecken in den Müll werfen. Weil manchmal passiert es, dass ich minutenlang auf den Apparat starre und denke: Das darf doch nicht wahr sein! Sitzt da schon wieder dieser Spreng. Oder der Geißler – ja, haben die denn nichts besseres zu tun, als von einem ins nächste Fernsehstudio zu ziehen?
Wann darf denn mit Ihnen wieder als Talkshow-Gast gerechnet werden?
Köhler: Mit mir? Da können Sie lange warten. Ich gebe Ihnen nur heute dieses Interview, danach ist erstmal Sendepause. Vielleicht gehe ich in fünf Jahren mal zu dem Pater Hahne, wenn ich dann meine Autobiografie vorstelle. Aber die muss ja jetzt erst mal geschrieben werden. Den Titel hab ich allerdings schon: „Ich war nie euer Horst - Wider den politischen Ernst“.
Planet Interview veröffentlicht dieses Interview am 01. April exklusiv, wenn Sie daraus zitieren möchten senden Sie uns bitte eine E-Mail.
Interview: Jakob Buhre, Marie v. Baumbach, David SarkarDeutschlandfunk, 18.06.2006
Die Zeit, 13.10.2005
Stern, 29.12.2005
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2004
Die Zeit, 18.03.2004
Rebecca Laubinger, 01.11.2004
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1410 | © planet-interview.de | Foto:
11:07 Uhr, am 06. März 2012 | Astrid Honke
... auch ein Interview mit Herrn Wulff a.D.? Bettina fände ich allerdings noch interessanter ;-) Und Jean (s.u.) gebe ich immerhin teilweise recht: mehr Schneid, meine Herren!
10:00 Uhr, am 16. April 2011 | Christoph Hölker
Ich finde das SCHADE, daß der Herr Horst Köhler INZWISCHEN NICHT MEHR im Amt des deutschen Bundespräsidenten ist. NORMALERWEISE bzw. EIGENTLICH wäre er JETZT NOCH (bis zum 30. Juni 2014) im Amt. Viele herzliche Grüße von Christoph Hölker (aus D-45657 Recklinghausen bzw. aus D-46499 Hamminkeln)
22:22 Uhr, am 02. April 2011 | Jean
Unwitzig!
» Ich bin ein Gernegroß mit einem verdammt großen Ego - sonst würde ich doch nicht diesen Job machen, oder? «
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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