06. Oktober 2011
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Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf über ihre Sendung auf ZDFneo, Werbung, Anarchie und eine außerkörperliche Erfahrung

© Jule Roehr/ZDF
Klaas Heufer-Umlauf (*1983) und Joachim ‚Joko’ Winterscheidt (*1979) sind ein erfolgreiches Moderatoren-Duo. Klaas spielte schon als Teenager Theater in seiner Heimatstadt Oldenburg und moderierte eine Radiosendung, bevor er zum Musiksender Viva kam. Joko gelangte über ein Praktikum bei der Produktionsfirma „Me, Myself & Eye Entertainment“ zu MTV. Hier entstand schließlich die gemeinsame Sendung „MTV Home“, die von 2009 bis 2011 zu sehen war. Seit Oktober 2011 führt das Duo das Sendekonzept bei ZDFneo unter dem Titel „neoParadise“ fort.

"Die Leute denken, wir werden jetzt langweilig, alt und dick und wählen CDU. Man kann sich aber auch ohne diese Aspekte weiterentwickeln. "
Voriges Zitat
"Da klebst du auf einmal auf der Plakatwand am eigenen Haus. Das ist schon etwas absurd."
Voriges Zitat"Wenn wir zusammen in der Redaktion sitzen erinnert mich das immer daran, wie man mit seinen Freunden zuhause rumgesessen und rumgesponnen hat."
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Joko, Klaas, ihr führt euer bekanntes Format „MTV Home“ nun unter dem Namen „neoParadise“ auf ZDFneo weiter. Ist es den jungen Zuschauern eigentlich egal, wie der Sender heißt, wo eure Sendung läuft?
Heufer-Umlauf: Ich glaube nicht. Wenn es RTL2 wäre, dann hätten wir wahrscheinlich ein Problem.
Winterscheidt: Das sehe ich auch so.
Heufer-Umlauf: So ein Fernsehsender muss sich erst mal seine Sporen verdienen, eine Marke werden und akzeptiert sein. MTV beispielsweise lebte von dieser Strahlkraft der Marke, auch wenn sich hier und da jemand beschwert hat – das hat die Marke nicht beschädigt. Und ZDFneo ist eine Marke, die sich gerade ganz gut aufbaut und eine Atmosphäre hat, in der man sich auch als Zuschauer wohl fühlen kann. Man kann den Sender ohne schlechtes Gewissen gucken.
Aber sind „MTV Home“-Fans wirklich an ZDFneo interessiert?
Winterscheidt: Ein bisschen schon, denke ich. Wir merken an Reaktionen im Internet, dass viele den Sender schon kennen, viele wiederum auch nicht, oder sie denken, sie können ihn nicht empfangen.
Wir sind jetzt so ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl ist, der den Leuten sagt: Guckt mal, Joko und Klaas sind hier. Und vielleicht denkt sich ein junger Zuschauer dann: „Wenn die da hingehen kann das ja gar nicht so scheiße sein.“ Wobei wir jetzt natürlich nicht das einzige Aushängeschild sind, auf dem Sender ist mit Serien ja bereits sehr viel gutes getan worden.
Bei einem Pressegespräch zur Sendung habt ihr gesagt, ihr wollt mit der Sendung „nicht ZDF abliefern“. Was heißt das?
Winterscheidt: Damit ist das Klischee gemeint, das was jeder sofort denkt, wenn er ZDF hört: „heute-journal“, Marianne und Michael, „Wetten Dass...?“ und ein durchschnittlich etwas älteres Publikum. Diese Erwartung werden wir enttäuschen als dass es innerhalb dieser Sendung eine Atmosphäre gibt, die bislang auf dem Sender nicht vertreten war.
Ihr liefert also das ab, was ihr auch bei „MTV Home“ schon abgeliefert habt?
Heufer-Umlauf: Ja, nur besser.
Auch erwachsener?
Heufer-Umlauf: Wie definiert man denn erwachsen? Da schwingt ja oft etwas Negatives mit, die Leute denken, wir werden jetzt langweilig, alt und dick, machen keine lustigen Sachen mehr und wählen CDU. Man kann sich aber auch ohne diese Aspekte weiterentwickeln. Natürlich werden wir älter wie jeder andere Mensch , das soll sich auch in der persönlichen Entwicklung abzeichnen, aber deswegen muss man nicht langweiliger werden.
In einem Trailer zu „neoParadise“ heißt es „Joko und Klaas, ohne Werbung, das kann man sich ja gar nicht mehr vorstellen.“ War das ernst oder ironisch gemeint?
Heufer-Umlauf: Es geht schon darum, damit ironisch umzugehen, also den Leuten auch zu zeigen, dass wir es sehr wohl mitbekommen haben, dass wir zwischendurch eine Werbekampagne gemacht haben, die zum Teil auch präsenter war als unsere TV-Auftritte zu der Zeit. Nichtsdestotrotz finde ich die Werbekampagne immer noch gut. Wir haben uns ja nicht aus Quatsch dafür entschieden, sondern das war eine gute Agentur, die ein paar gute Ideen hatte – und warum soll man das nicht machen, wenn man so viele Freiheiten hat. Wir tun jetzt nicht so, als wenn es das nicht gegeben hätte.
War euch bei der Sparkassen-Kampagne bewusst, was auf euch zukommt, oder wart ihr von der Präsenz auch selbst überrascht?
Winterscheidt: Ein bisschen schon. Das hängt damit zusammen, dass die Sparkasse in Verbänden organisiert ist und die kaufen jeweils diese Kampagnen. Der Berliner Verband hatte das am Anfang nicht gemacht, insofern waren wir hier relativ frei davon. Wenn man dann aber nach Köln oder München geflogen ist, war man überrascht, wie präsent diese Kampagne ist. Da gibt es tatsächlich Momente, wo man denkt: „Krass, da hängst du auf jeder zweiten Litfass-Säule und an jeder dritten Plakatwand.“ Oder, bei uns zuhause, als ich meine Familie besuchte, da klebst du auf einmal auf der Plakatwand am eigenen Haus. Das ist schon etwas absurd.
Heufer-Umlauf: Ich war einmal nachts in Trier unterwegs, etwas betrunken, und da hatte ich zum ersten Mal eine außerkörperliche Erfahrung. Ich stand vor dem EC-Automaten und hattee meine Pin-Nummer vergessen – und in dem Moment merkte ich, wie ich mir selber vom Geldautomaten zugewunken habe.
Kommen wir noch mal zurück zum TV: Wo habt ihr im Fernsehen zuletzt Anarchie gesehen?
Heufer-Umlauf: Bei „Wild Germany“ – eine Reportagereihe auf ZDFneo, die ist wirklich super. Manuel Möglich, auf den Spuren von Louis Theroux, nimmt sich da Themen vor, mit denen er sich durchaus auf dünnes Eis begibt. Er schaut, was hinter verschlossenen Türen los ist, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Zum Beispiel recherchiert er die Szene der „Bugchaser“, Menschen, die sich aus irgendwelchen Gründen absichtlich mit AIDS anstecken wollen. Da gibt es eine größere Szene als man glaubt, und er ist diesem Thema auf den Grund gegangen und ist da auch in Gefilde gekommen, wo man nicht gedacht hätte, dass man so schnell einen Zugang findet. Das war für mich Anarchie, sich so ein Thema auszusuchen, wo man ganz genau weiß, dass man viel Gegenwind kriegen kann, gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich, das fand ich sehr mutig und gut.
Was fällt euch noch beim Stichwort Anarchie ein, ein Show-Format vielleicht....
Winterscheidt: Matthias Opdenhövel in der „Sportschau“ (lacht)
Heufer-Umlauf: Also, richtig anarchistisch ist glaube ich ein großes Wort für das, was man da meint. Ich finde zum Beispiel Sendungen wie „Inas Nacht“ anarchisch. Wir waren da letztens zu Gast, haben fünf Stunden aufgezeichnet, daraus wird dann eine Stunde Sendung zusammengeschnitten und ich habe in der Zeit fünf Bier und sechs Jägermeister getrunken. Es war wirklich eine ausgelassene Stimmung – und wir haben uns sehr darüber gewundert, dass überhaupt noch gefilmt wird.
Winterscheidt: Alkohol in dem Maße im deutschen Fernsehen, das kannte ich auch nicht.
Für einen Privatsender sicher kein Problem.
Winterscheidt: Ja, aber das ändert sich bei den öffentlich-rechtlichen vielleicht auch mit unserer Sendung. (lacht) Wir werden auch Alkohol in der Sendung haben, definitiv. Außerdem kommt es ja immer darauf an, wie man es verpackt. Wer sagt denn dass beim Frühstücksfernsehen in der Kaffeetasse nur Kaffee drin ist und nicht auch ein Schluck Goldkrone.
Heufer-Umlauf: Es gibt schon Anarchie, wenn man sich zum Beispiel Kurt Krömer anguckt, der es ins Hauptprogramm geschafft hat. Der durfte immer machen, was er wollte. Es gibt auch Talkshows wie „Dickes B“ oder „Thadeusz“, wo er sehr interessante Fragen stellt. Neulich hatte er Renate Künast zu Gast, da ging es schon ganz schön zur Sache. In den dritten Programmen gibt einige solcher Sendungen, ein paar könnte man vielleicht auch schneller in die ARD nehmen. „Ausflug mit Kuttner“ gefällt mir auch, wo sie mit Prominenten einen Tag lang einen Ausflug macht und dabei die richtigen Fragen stellt.
Sind die Grenzen des Machbaren bei den öffentlich-rechtlichen also tatsächlich weniger geworden?
Heufer-Umlauf: Ich denke nicht, dass da jetzt die große Anarchie ausgebrochen ist und es jetzt auf einmal heißt: „Macht was ihr wollt.“ Das ganz bestimmt nicht. Aber die merken natürlich auch, dass die jungen Leute nicht mehr so viel zuschauen, wie sie zuschauen sollten. Und dann muss man sich natürlich auch ein bisschen öffnen, in verschiedenste Richtungen.
Winterscheidt: Sie sind experimentierfreudiger als die Privaten, die eher dem Geld hinterher sind, die genau gucken, was für ein Werbeblock dazwischen geschaltet werden kann und was sich damit verdient lässt. Ohne die Gebührengelder wäre es auch nicht möglich, ein so freies Programm wie „neoParadise“ zu gestalten.
Hatten die Werbeblöcke denn Einfluss auf den Inhalt von „MTV Home“?
Winterscheidt: Nein, aber verdealte Sachen gab es. Man macht einen Bericht über einen Kinofilm und dadurch, dass Geld geflossen ist, muss der Bericht halt cool sein. Der Kinofilm muss gehyped werden, weil er halt offensichtlich schlecht ist und deswegen brauchen die eine gute Kampagne.
Da haben wir dann Mittel und Wege gefunden, wie man im zweiten Anlauf den Leuten klargemacht hat: „Geht nicht in diesen Film.“ Dafür hat man dann nachher richtig einen auf den Sack gekriegt, also unsere Kollegen vom Sender, die den Kunden im Nacken haben, der dann sagt, „Toller Beitrag, aber dass Sie danach sagen, der Film ist scheiße, das geht nicht“. Es gibt eben Leute, die glauben, dass sie sich eine Meinung kaufen können und die nicht damit rechnen, dass da vielleicht jemand sitzt, der sich nicht gerne über den Mund fahren lässt. Das gibt es zuhauf, da muss man sich nur die Kinomagazine dieser Welt anschauen, da gibt es wenige, die wirklich loyal gegenüber dem Zuschauer sind, sondern loyal gegenüber der Industrie, weil sie Geld dafür kriegen, dass sie positiv über dieses oder jenes berichten.
Das ZDF muss mit „neoParadise“ kein Geld verdienen – wie beeinflusst das die Sendung?
Heufer-Umlauf: Man hat Zeit, Dinge zu entwickeln. Man weiß, wenn man etwas Bestimmtes angeht, sich anguckt, wie das so ist, dann hat man noch drei, vier Sendungen um das Ganze ein bisschen organischer werden zu lassen. Ich glaube, bei so einer Late-Night-Show, die sehr persönlichkeitsgetrieben ist, braucht es auch ein bisschen Zeit, bis man in den Tritt kommt. Diese allgemeine Atmosphäre, die muss sich erstmal einspielen. Die Gelegenheit haben wir jetzt: Wir müssen nicht nach der dritten Ausgabe dasitzen, zitternd an den Nägeln kauen und grübeln: „Oh, wird es noch eine vierte Ausgabe geben?“
Winterscheidt: Das ist jetzt eine riesige Spielwiese, du kannst dir Sachen ausdenken und die werden gemacht. Wir sind Erfinder, ein bisschen wie Daniel Düsentrieb.
Wie kommt ihr eigentlich auf die ganzen Ideen für eure Beiträge und die aberwitzigen Rubriken, wie „Gebühren verschleudern“ oder „Kunst in der Kleinstadt“?
Heufer-Umlauf: Ich glaube, das kommt durch die freiheitliche Art und Weise, wie man miteinander umgeht. Wenn wir zusammen in der Redaktion sitzen erinnert mich das immer daran, wie man mit seinen Freunden zuhause rumgesessen und rumgesponnen hat. Mit dem Unterschied, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, diese Ideen auch alle umzusetzen.
Vielleicht liegt es auch daran, dass es keine typischen Fernsehleute sind, die für uns arbeiten. Viele von denen haben entweder Film oder Kulturwissenschaften studiert, die kommen teilweise aus ganz anderen Ecken. Die haben jetzt nicht schon 20 andere Sendungen gemacht und schreiben auch nicht seit 50 Jahren hauptberuflich Witze, sondern das ist eine sehr bunte Mischung an Persönlichkeiten. Irgendwie kommt man da auf gute Sachen, da kann man sich fast drauf verlassen.
Eine Idee war angeblich, Berliner Club „Jeton“ zu drehen...
Heufer-Umlauf: Nein, das war nur so ein Beispiel. Aber Läden dieser Art kann man schon auch nehmen. Wir haben vor, in einer Großraumdisco ein Stück von Jonathan Meese aufzuführen. Es wird viel mit Kunstblut gearbeitet, vielleicht werde ich auch ganze Bücher vorlesen, wie Andy Kaufman das mal gemacht hat. Der hat in einer Lesung ein Buch mit 1000 Seiten gelesen und irgendwann sind alle nach Hause gegangen, weil er nicht mehr aufgehört hat. Kunst soll ja einen Eindruck hinterlassen, habe ich mir sagen lassen. Und das in der Großraumdisco wird einen Eindruck hinterlassen. Außerdem ist Kunst ist ja auch das, was man dazu erklärt – und wir werden Einiges zu Kunst erklären.

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Letztlich wird es drei Sendungen mit euch geben, zu „neoParadise“ kommen auf ProSieben noch die Spielshows „Die Rechnung geht auf uns“ und „17 Meter“ hinzu. Muss man sich nicht auch irgendwann rar machen?
Heufer-Umlauf: Also "17 Meter" wird es ja vermutlich erst Mitte nächsten Jahres wieder geben, bis dahin ist noch ein bisschen Zeit. Ansonsten kommt es uns natürlich momentan gerade auch recht viel vor, dennoch muss man bedenken, dass wir von außen betrachtet, medial gesehen, gefühlte fünf Minuten im Geschäft sind. Eine Sendung wie „neoParadise“ zu machen, ist momentan sehr wichtig, um das Gleichgewicht zwischen großer Showunterhaltung und einer Sendung mit etwas privaterer Atmosphäre herzustellen. Unsere momentane scheinbare Omnipräsenz wird sich wieder regulieren, da bin ich mir sehr sicher. Jetzt ist es erstmal wichtig zu sagen: Guten Tag, da sind wir, wir machen ab jetzt auch mit.
Was ist der größte Unterschied zwischen Joko und Klaas?
Winterscheidt: Die Körpergröße. Ansonsten sind wir wie eineiige Zwillinge.
Und die größte Gemeinsamkeit?
Winterscheidt: Langsam entwickeln wir die Gemeinsamkeit, dass ich auch zu spät komme.
Heufer-Umlauf: Egozentrik. Kamerageilheit, Geltungsbedürfnis.
Ist das jetzt ironisch gemeint?
Heufer-Umlauf: Ein bisschen. Andererseits: Einem Moderator Egozentrik vorzuwerfen, das ist ja wie als wenn ich einem Inder Curry vorwerfen würde.
Winterscheidt: Eine Tautologie.
Das heißt, selbst wenn ihr euch mal rar machen wollt, müsst ihr irgendwann wieder ins Scheinwerferlicht.
Heufer-Umlauf: Ja, wie bei Modern Talking. Wir schreiben dann Bücher und wenn Joko nicht mehr will mache ich weiter mit Uwe Fahrenkrog-Petersen.

Joko Winterscheidt über über Berlin, Peinlichkeiten vor der Kamera und die Zusammenarbeit mit Klaas
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1462 | © planet-interview.de | Foto: Jule Roehr/ZDF
» Mein Wunsch ist es, immer etwas zu tun, wozu ich noch nie die Chance hatte. «
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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