08. November 2010
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Julia Hummer über ihre filmische Entwicklung, Waffen am Set und politischen Widerstand

© Film En Stock/Egoli Tossell Film
Die 1980 in Hagen geborene Schauspielerin und Musikerin Julia Hummer begann als „Telsa“ 1998 ihre Filmkarriere in Sebastian Schippers Film „Absolute Giganten“. Es folgten bis zum Jahr 2005 eine Reihe von Kino- und Fernsehfilmen, in der Hummer meistens als jugendliches Problemkind besetzt wurde. Nach Christian Petzolds „Gespenster“ unterbrach sie ihre Karriere beim Film und konzentrierte sich auf ihre zweite Leidenschaft: Die Musik. Nach der Geburt ihres Sohnes startete Hummer mit „Carlos, der Schakal“ ihr Comeback auf der Leinwand.

"Wenn man einmal darüber hinweg ist, dass so eine 9mm der Satan selbst ist macht das Rumballern richtig Laune."
Voriges Zitat
"In Deutschland ist es üblich nach Typen zu besetzen. Für den trotzigen Teenager kommt die und die in Frage, für den trotteligen Kommissar der und der."
Voriges Zitat"Ich bin nicht sonderlich behütet aufgewachsen, das ist und wird bei meinem Sohn anders sein, trotz der Künstler-Mutter."
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Julia, nach fünf Jahren Filmpause kehrst du auf die Leinwand zurück. Dabei verwandelst du dich von der Rolle des schüchternen Heimkindes, als welches du lange besetzt wurdest, zur skrupellosen Polit-Aktivistin Gabriele Kröcher-Tiedemann, genannt „Nada“, im Film „Carlos – Der Schakal“. Als Schauspielerin vollziehst du eine Entwicklung vom Mädchen hin zur Frau…
Hummer: Ja, das ist richtig. Ich bin darüber erstaunt, wie wunderbar geschlossen diese Entwicklung stattfand. So, als hätte ein Autor diesen Prozess bestimmt . Vor fünf Jahren habe ich in Christian Petzolds „Gespenster“ das vom Leben gebeutelte, hin und her geschubste Heimkind Nina dargestellt. Eine, die niemand wollte, die sich einbilden musste, sie würde vermisst werden, man suche nach ihr, nur um einen Grund zu haben, um zu überleben. Mit dieser Rolle habe ich mich damals vom Film verabschiedet. Wiederkehren durfte ich als mordende Terroristin, einer Überzeugungstäterin, die ihren Idealismus, ihre Bedürfnisse über das Leben eigentlich Unschuldiger stellt. Man könnte darüber spekulieren, ob Nina das Heimkind sich im abseits zur radikalisierten Nada, der skrupellosen Idealistin entwickelt hat. so wie das leben es den Autoren vorgibt, wenn aus Opfern Täter werden.
War die Pause dafür notwendig?
Hummer: Absolut. So konnte ich die Zeit nutzen, mich persönlich und künstlerisch weiterentwickeln.
Wie nimmst du Gabriele Kröcher-Tiedemann, die zur zweiten Generation der RAF gezählt wird, und deren Mitstreiter aus heutiger Sicht wahr?
Hummer: Nun, damals ging es um Leben und Tod. Es ging darum, die Welt zu verbessern, sie zu retten, zu befreien. In dem Glauben, den Schwachen und Benachteiligten ein besseres Leben zu ermöglichen. Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen. Beinahe egal, um welchen Preis. Da herrschte eine ganz andere Dringlichkeit vor. Es ging nicht darum, welche Indie-Band am nächsten Freitag spielt und ob man da hingeht oder nicht. Ich glaube sogar, es ist nicht möglich, diese Identität in die heutige Zeit projizieren zu wollen. Wissen Sie, es erfordert eine unglaubliche Brutalität jemanden zu erschießen. Das ist ein grausames, in dem Zusammenhang dermaßen konsequentes Verbrechen. Nicht vergleichbar mit, sagen wir, der Teilnahme an einer Demo, einer Spende, Statussymbolen oder schrillen Klamotten, über die sich jemand heutzutage definiert, um ein Statement abzuliefern, Identität zu schaffen, oder im besten Falle die Welt zu verbessern.
Heute richtet sich ein deutlich gemäßigter politischer Widerstand gegen Themen wie die Vorratsdatenspeicherung von Telefon- und Internetdaten, den elektronischen Einkommensnachweis (ELENA), gegen die für 2011 geplante Volkszählung und die elektronische Gesundheitskarte. Wie positionierst du dich in einer Welt, in der der Mensch immer gläserner wird?
Hummer: Das ist nichts, was mich so sehr plagt, dass ich im Kampf dagegen morden oder Steine schmeißen würde. In meinem Tagesablauf spielen diese Themen eine untergeordnete Rolle, ich bemerke ja kaum, wie gläsern ich bin. Ich bin vielmehr damit beschäftigt, meine Lebensqualität, wenn man so will, zu sichern. Der Ablenkungsapparat, der mich zum einen geschickt mit Arbeit und Vergnügen beschäftigt und zum andern dazu verlockt mir über die wichtigen Dinge keine Gedanken mehr zu machen. Wenn während der Fußball-WM wichtige politische Entscheidungen durchgedrückt werden, während alle nur das ausscheiden des Liberos bedauern. Auf Dauer wird man vielleicht komplett verlernen zu hinterfragen, sich Gedanken zu machen, das Eigentliche nicht mehr wahrnehmen. So, wie ich mich, den gläsernen Bürger nicht sehen kann...
Wie hat Regisseur Olivier Assayas dich für den Film entdeckt?
Hummer: Er hat mich tatsächlich „neu“ entdeckt. Für mich war es filmisch gesehen eine Wiedergeburt als Olivier auftauchte und mich mit so ganz anderen Augen sah. In Deutschland ist es üblich nach Typen zu besetzen. Für den trotzigen Teenager kommt die und die in Frage, für den trotteligen Kommissar der und der. Olivier war daher für mich ein Glücksfall. Er kannte keinen einzigen film mit mir, und sah in mir lediglich eine junge Frau, eine deutsche Schauspielerin. Es hätte wohl noch ein bisschen gedauert, bis ein deutscher Regisseur mir eine Knarre in die Hand gedrückt hätte, wenn überhaupt. Aber Assayas hat das getan, dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Für die Rolle hast du den Umgang mit Waffen gelernt. Wie fühlt sich das an?
Hummer: Ich hatte überhaupt keine Erfahrungen damit und bin etwas wackelig zu meinem ersten Training gefahren. Vorerst waren sie mir unheimlich. Als ich zaghaft den ersten Schuss abfeuerte war ich verunsichert. Mir wurde klar: Dieses Ding kann nur Leid verursachen. Nichts Gutes bewirken. Das hat mich doch sehr erschrocken und aufgewühlt, ich musste erstmal an die frische Luft.
Aber du konntest dich dennoch daran gewöhnen, oder?
Hummer: Wenn man einmal darüber hinweg ist, dass so eine 9mm der Satan selbst ist macht das Rumballern richtig Laune. Die Rolle der Gabrielle Kröcher-Tiedemann hat in mir eine Faszination für Waffen ausgelöst.
Der Umgang mit der Waffe als Bösem steht eine andere besondere Erfahrung gegenüber, du bist Mutter eines Sohnes. Wie gestaltest du dein Leben?
Hummer: Ich denke, so wie viele andere berufstätige Mütter von knapp vierjährigen Jungs...
Dein Sohn bestimmt die Abläufe?
Hummer: Natürlich, er bestimmt alles. Wäre er nicht da, würde ich mit Sicherheit anders leben.
Wie passen in dieses neue Leben die kreativen Prozesse rein?
Hummer: Mittlerweile passen die da sehr gut rein. Früher war es normal, wenn mich um vier Uhr morgens die Muse küsste, jetzt gibt es eben nur noch bestimmte Zeiten, zu denen sie mich küssen darf. Daran mussten wir uns gewöhnen, die Muse und ich.
Gibt es spezielle Werte, die du an deinen Sohn weitergeben willst?
Hummer: Mir ist es wichtig, dass er weiß, dass es mir eine Ehre ist ihn zu begleiten. Und es ist interessant, so einen ganz anderen Lebensweg mitzugehen.

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Wieso sind die Wege so unterschiedlich?
Hummer: Jeder Lebensweg ist doch komplett anders. Ich bin nicht sonderlich behütet aufgewachsen, das ist und wird bei ihm anders sein, trotz der Künstler-Mutter.
Welche Rolle spielt die Musik, für die du die Schauspielkarriere unterbrochen hast, heute in deinem Leben?
Hummer: Nach wie vor eine sehr große Rolle. Die neue Platte ist geschrieben, im Januar gehe ich ins Studio um sie aufzunehmen.

Julia Hummer über ihren Film "Die Innere Sicherheit", ihr Lieblingshobby und kategorisches Denken
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1370 | © planet-interview.de | Foto: Film En Stock/Egoli Tossell Film
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