08. April 2011
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Mathieu Carrière über Telenovelas, Selbsterfahrung im Dschungel und seinen Debüt-Roman „Im Innern der Seifenblase“

© mathieu-carriere.com
Mathieu Carrière wurde 1950 in Hannover geboren. Sein Leinwanddebut gab er im Alter von 13 Jahren in der Thomas-Mann-Verfilmung „Tonio Kröger“. Seither spielte er in zahlreichen Filmen und TV-Serien. Zuletzt war in den Shows „Let’s dance“ und „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ zu sehen. Sein Debüt-Roman „Im Innern der Seifenblase“ erschien im März 2011 (Frankfurter Verlagsanstalt).

"‚Star’ ist heute schon fast ein Schimpfwort."
Voriges Zitat
"Schund kommt von Schinden, also von harter, schmerzhafter Arbeit nicht von Schrott. "
Voriges Zitat"Koks nehmen ist altmodisch, Schnee von gestern."
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Herr Carrière, Sie sind den meisten, wenn nicht aus dem „Dschungelcamp“ dann als Schauspieler bekannt. Wie kam es zu Ihrem Romandebüt „Im Innern der Seifenblase“?
Carrière: Ich schreibe seit 40 Jahren, z.B. „Kleist, für eine Literatur des Krieges“ oder den Essayband „Wilde Behauptung“. Meist jedoch schreibe ich Drehbücher und Artikel. Dieser erste Roman im Greisenalter ist für mich so etwas wie der Versuch, die Leute endlich auch mal zum Lachen zu bringen. Das ist in Deutschland viel schwerer als sie zum Weinen zu bringen. Für Letzteres braucht man oft nicht einmal Talent.
Im Klappentext fällt der Begriff Schundroman. Man denkt an Bodo Kirchhoff, der 2001 in seinem „Schundroman“ mit dem Literaturbetrieb abrechnete. Hatten Sie etwas Ähnliches mit der Medienbranche vor?
Carrière: Den Begriff des Schundromans hat mein Verleger, Joachim Unseld, ins Spiel gebracht, der auch den gleichnamigen Roman von Kirchhoff verlegt hat. Er sandte mir Kirchhoffs Roman zu als wir ins Gespräch kamen...
Mit welcher Absicht?
Carrière: Als Inspiration und als Richtungsvorgabe. Kirchhoff hatte damals acht Jahre an seinem Buch „Parlando“ gearbeitet, kam zur Buchmesse und alle Kameras standen bei Dieter Bohlen. Danach konnten deutsche Verlage nur noch Bücher von Fußballern, Schauspielern und Fernsehmoderatoren verkaufen. Aus Wut schrieb Kirchhoff in acht Wochen seinen „Schundroman“. Ich kann zwar nicht so gut schreiben wie Bodo Kirchhoff, aber ich habe es versucht.
Weil wir gerade von Verkaufsmechanismen sprechen. Schund sells?
Carrière: Schund kommt von Schinden, also von harter, schmerzhafter Arbeit nicht von Schrott. Aber eine Garantie ist das noch lange nicht.
Was bedeutet es heute, ein Star zu sein?
Carrière: Der Begriff Star ist heute schon fast ein Schimpfwort. Denken Sie an Warhols „fifteen minutes“. Das ist 50 Jahre her. Heute hat sich das reduziert, jeder hat fünf Minuten. Leute, die es länger schaffen als fünf Minuten, haben mächtige Sponsoren hinter sich wie Bertelsmann, Google oder Facebook. Mit ihrem Talent machen die Stars selbst jedenfalls weniger Geld als die Leute, die hinter ihnen stehen.
Woher kommt Ihre Sehnsucht nach dem Rampenlicht?
Carrière: Ich habe, weiß Gott, keine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Ich habe heute nur noch eine einzige Sehnsucht und die ist, zu verschwinden und dann als Spion unsichtbar den anderen Leuten bei ihrem Treiben zuschauen zu können.
Das bedeutet, Ihre Ausflüge ins „Dschungelcamp“ oder in das Telenovela-Geschehen bei „Anna und die Liebe“ sind eine zeitgemäße Form der Selbsterfahrung?
Carrière: Richtig, ich sehe im Augenblick das Leben als große Spielwiese. Ich habe immer gern gespielt, bin immer gern Risiken eingegangen und hatte nie Berührungsängste. Mich treibt die Neugier. Ich sehe mich als Anthropologe meiner eigenen Unternehmungen. Außerdem war es wahnsinnig spannend im „Dschungel“ und bei „Anna und die Liebe“.
Steht deswegen auch eine Telenovelaproduktion im Mittelpunkt Ihres Romans „Im Innern der Seifenblase“?
Carrière: Natürlich ist die Telenovela eine Metapher in diesem Buch, aber nicht nur. Das Buch ist wie eine Zwiebel. Eine Zwiebel ohne Zentrum. D.h. man weiß nicht genau, was die bessere Telenovela ist, die Schale des offiziellen Erzählstranges oder die der Telenovela, in der der arme Held agieren muss. Aber es geht auch um etwas anderes: Wenn Leute eine Telenovela gucken, dann können Sie ganz genau spüren, ob ein Kuss ernst gemeint ist oder nicht. Während wir das im Leben meistens nicht unterscheiden können. Die Telenovela hilft den Leuten also tatsächlich emotional zurechtzukommen.
Daran glauben Sie wirklich?
Carrière: Alles, was ich über das Leben wissen muss, habe ich in einer Telenovela gelernt. Das ist die Grundthese meines Buches und da ist etwas Wahres dran. Außerdem ist das die goldene Regel der südamerikanischen Telenovelas. Abgesehen von der noch wichtigeren Regel, dass die Protagonistin immer blond ist (lacht). Aber das hat sich jetzt geändert. In „Gossip Girl“ gibt es auch schon eine dunkelhaarige Akteurin.
Was hat Ihnen bei „Anna und die Liebe“ noch gefallen?
Carrière: Ich habe den Kollegen sehr gerne zugesehen und habe sehr viel von ihnen gelernt. Ich bewundere diese jungen Leute, die von null auf hundert, wie im Hochleistungssport, durchs Studio gejagt werden. Die Leute müssen jeden Tag drehen, stehen von 6 Uhr bis 0 Uhr am Set und kriegen kaum einen zweiten Take. Sie sind in einem Marathonlauf, der aber nicht nur zwei Stunden dauert, sondern manchmal zwei Jahre.
Im Mittelpunkt Ihres Romans steht ein Schauspieler, der aus dem Koma erwacht und sogleich für eine Telenovela engagiert wird, wobei das Produktionsumfeld ziemlich absurd, quotengeil und korrupt erscheint. Wie überspitzt sind Ihre Darstellungen?
Carrière: Im Roman geht es nicht nur um die Telenovela, sondern letztlich darum, was real ist. Man weiß nie genau, wer verrückt ist. Natürlich ist das überspitzt. Aber wie jede Satire hat auch diese einen authentischen Kern. Ich kenne die Bildzeitungsleute seit 50 Jahren, ich kenne die Produzenten...
..und die koksen alle, wie in Ihrem Roman?
Carrière: Nicht alle. Bei Leibe nicht alle. Bei mir nur einer! Es gibt heute viel bessere Drogen als Kokain. Koks nehmen ist altmodisch, Schnee von gestern.
„Identität ist eine Illusion, und zwar die der anderen“, stellt Ihr Protagonist Bob Bodenbauer gegen Ende des Romans fest. Wie sehen Sie das für sich persönlich?
Carrière: Dieser Satz hat Tradition. Don Quichotte spricht: Ich weiß, dass ich verrückt bin, aber ich mache trotzdem so weiter. Heißt das nun, dass er Windmühlenflügel bekämpft, obwohl er verrückt ist oder weil er verrückt ist? Was mich betrifft, ich weiß oft nicht was oder wer ich bin. Ich wache manchmal morgens wie dieser Bob auf und frage mich, was das eigentlich ist, die Realität.
Ist die Identitäts- bzw. Realitätsfindung für Schauspieler oder Menschen im Mediengeschäft schwerer?
Carrière: In meinem Leben versuche ich dieser Verwirrung zu entgehen. Ich bin ein Chamäleon, aber ich glaube, ich kann ganz gut zwischen meinen unterschiedlichen Identitäten unterscheiden. Ich kenne aber auch Leute, die haben lange Zeit ein Arzt gespielt und melden sich dann automatisch, wenn im Flugzeug gefragt wird, ob ein Mediziner an Board sei.

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Ihre Identität als Romanautor haben Sie jetzt fixiert. Planen Sie noch mehr in der Richtung?
Carrière: Ich hoffe, dass Bob Bodenbauer ein Dauerbrenner wird. Der nächste Roman heißt dann vielleicht „BB stalkt sich selbst“ oder „Bob Bodenbauer löst seinen ersten Fall“.
Worum wird es gehen?
Carrière: Ich mache einen Philosophenkrimi daraus. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Bob Bodenbauer vielleicht im Auftrag einer neuen Organisation arbeitet. Vielleicht hat aber auch eines der Medikamente, die er von Professor Piano bekommen hat, einen nicht vorauszusehenden Nebeneffekt. Dann muss er womöglich gegen seinen eigenen Therapeuten vorgehen.
Ideen für die Zukunft sind also reichlich vorhanden?
Carrière: Ich zitiere aus meinem Buch: “Content is King oder wie wir Frauen zu sagen pflegen: die Konkurrenz schläft schneller. In 36 Monaten werden drei Viertel der Menschheitsbevölkerung ihren Handys hinterher laufen, vor ihren Computern sitzen, vor ihren Fernsehern liegen und sich unseren Stoff rein ziehen.“
Im Ernst: Am liebsten würde ich aus der Seifenblase gern eine richtig sich selbst verarschende Telenovela machen.
Filmisch oder literarisch?
Carrière: Auf einem richtig breiten, satten, populären, deutschen Fernsehsender.
Ein Ruhesitz bei RTL2 sozusagen?
Carrière: Genau, bei RTL2 zum Beispiel. Aber da möchte ich dann schon gestalterische Kontrolle behalten (lacht).
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1415 | © planet-interview.de | Foto: mathieu-carriere.com
» Wenn ich 70 bin, werde ich nicht mehr 16 Stunden pro Tag arbeiten, sondern vielleicht nur noch vier oder fünf. «
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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