03. November 2011
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Schauspielerin Nina Hoss über ihren Part in „Fenster zum Sommer“, Rollen und Routine, Freundschaften unter Schauspielern und grüne Politik

© PROKINO
Die 1975 in Stuttgart geborene Schauspielerin Nina Hoss zählt zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen ihrer Generation. Das zeigte sich nicht zuletzt vor vier Jahren, als sie sowohl mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring für ihre Titelrolle in "Medea" am Deutschen Theater Berlin, als auch auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für ihre Hauptrolle in Christian Petzolds "Yella" zwei der renommiertesten Auszeichnungen beider Branchen erhielt. Ihr neuer Film "Fenster zum Sommer" (Regie: Hendrik Handloegten) läuft seit dem 3. November in den Kinos.

"Ich muss immer wieder etwas Neues für mich entdecken. Sonst fände ich die Schauspielerei furchtbar."
Voriges Zitat
"Wenn ich nur so abspulen würde, was ich einmal gelernt habe, wäre mir das vor mir selber peinlich."
Voriges Zitat"Man freute sich über den anderen. Das ist nicht selbstverständlich unter Kollegen."
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Frau Hoss, wann waren Sie zum ersten Mal in Tübingen?
Hoss: (Lacht) Wieso fragen Sie?
Sie stammen aus dem nicht weit entfernten Stuttgart. Die Gegensätze von der modernen Landeshauptstadt und der imposanten historischen Universitätsstadt Tübingen dürften auf Sie schon als Kind Eindruck gemacht haben.
Hoss: Das ist tatsächlich so. Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal da war, aber wenn wir Besuch von Freunden hatten, sind wir oft nach Tübingen gefahren. Das ist halt einer der Orte, die man immer gerne zeigt. Aber das erste, was ich in Tübingen richtig bewusst wahrgenommen habe, war der Turm, in dem der Dichter Friedrich Hölderlin die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte.
In Ihrem neuen Film "Fenster zum Sommer" reisen Sie einige Monate in der Zeit zurück. Sie spielen Juliane, die fast spielerisch erkundet, wie ihr Leben unter anderen Umständen oder in einer anderen Zeit hätte verlaufen können. Solche Gedanken liegen auch an historischen Orten wie Tübingen nahe.
Hoss: Ja, damals hatte ich auch gerade so eine Hölderlin-Phase. Ich las viel von ihm und dachte über sein Leben nach. Da habe ich mir auch vorgestellt: Wie wäre das wohl, in der Zeit in Tübingen zu leben, in dieser alten Universität studiert zu haben?
Wären Sie zu Hölderlins Zeiten auch Schauspielerin geworden?
Hoss: Lieber nicht, wahrscheinlich. Ich glaube, damals hatte man als Schauspielerin noch so ein paar kleine Nebenjobs. (lacht)
Juliane lebt in "Fenster zum Sommer" ein Teil ihres Lebens ein zweites Mal. Auch Sie als Schauspielerin sind in gewisser Weise eine Wiederholungstäterin; Sie spielen am Theater dutzende Male das gleiche Stück, beim Film oft die gleiche Szene mehrmals. Haben Sie sich in Ihrer Rolle wiedererkannt?
Hoss: Vielleicht insofern, dass sich Juliane nicht zufrieden gibt. Selbst wenn sie etwas wiederholen muss, begreift sie das eher als Chance, etwas Neues auszuprobieren, herauszufinden, was es noch in dem zu entdecken gibt, was einem eigentlich sehr vertraut vorkommt. In Julianes zweitem Leben wird sie ja regelrecht dazu angestachelt durch die nähere Bekanntschaft mit dem Sohn ihrer Freundin. Sie bekommt einen anderen Blick auf die Dinge, weil dieser kleine Junge auch einen viel freieren Blick auf das Leben hat.
Durch Wiederholung entsteht allerdings auch Routine und Routine bedeutet auch Sicherheit. Fällt es Ihnen leicht, die Balance zwischen Ihrer Lust auf etwas Neues und jener Routine zu halten, die sich einstellt, wenn man zum zwanzigsten Mal eine Inszenierung über die Bühne bringt?
Hoss: Für mich ist das kein Balanceakt. Ich habe gar keine Wahl. Ich muss immer wieder etwas Neues für mich entdecken. Sonst fände ich diesen Beruf furchtbar. Wenn ich nur so abspulen würde, was ich einmal gelernt habe, wäre mir das vor mir selber peinlich. Ich möchte eine Erfahrung machen, jeden Abend, wenn ich auf der Bühne stehe.
Sie spielen in "Fenster zum Sommer" mit Ihren Kollegen Lars Eidinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt. Sie kennen sich gut, haben an der selben Schauspielschule in Berlin studiert. Woran erkennen Schauspieler, dass sie " aus dem selben Stall" kommen?
Hoss: In der Arbeit merkt man, dass man die gleich Sprache hast. Man stellt die ähnlichen Fragen. Und ein großer Vorteil ist, dass wir uns mögen, mit Fritzi bin ich sowieso seit Jahren eng befreundet. Das heißt, wir waren nicht nur miteinander am Set sondern auch für einander da. Wenn der Regisseur uns mal alleine ließ, der muss sich ja auch um andere Sachen kümmern, dann saßen wir zusammen und versuchten weiter miteinander in die Szene vorzudringen und auch für den anderen mit zu überlegen, wie man welchen Satz sagen könnte. Es gab eine besondere Vertrautheit zwischen uns, wir wussten, der andere will für einen nur das Beste. Und man freute sich über den anderen. Das ist nicht selbstverständlich unter Kollegen.

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Woran merken Sie, dass Sie ein Drehbuch interessiert?
Hoss: Das merke ich meistens daran, dass ich Fragen habe und das Interesse an diesen Fragen so groß ist, dass ich sie beantwortet haben möchte. Manchmal gibt es ja auch Fragen, die sind einem zu blöd. Aber wenn die Geschichte mich vielleicht zum Lachen bringt oder zum Weinen, zum Nachdenken über unser Land oder darüber, was das Leben eigentlich ist, wie in "Fenster zum Sommer", dann interessiere ich mich auch für die Fragen, die sie stellt. Was für Entscheidungen trifft man im Leben? Wie trifft man die? An Frauenrollen interessiert mich auch eine gewisse Empfindsamkeit, die aber durchaus zu einer Kraft und Stärke führen kann. Was machen Schicksalsschläge mit Menschen? Wann trifft ein Mensch die Entscheidung, nochmal um etwas zu kämpfen oder wann gibt er auf? Das sind die Themen, die mich interessieren.
Apropos Entscheidung: Sie sind zweimal von den Grünen in die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten entsandt worden. Wie wichtig ist Ihnen Politik?
Hoss: So wichtig, dass ich mich damit beschäftige, damit ich weiß, was in der Welt passiert. Das mit der Versammlung ist natürlich eine Ehre, aber das ist ja kein wirkliches politisches Engagement. Ich bin in keiner Partei, sondern einfach interessiert daran, was um uns herum passiert.
Ihr Vater Willi Hoss war jahrelang Bundestagsabgeordneter der Grünen. Ist eine Art Familientraum in Erfüllung gegangen, als ausgerechnet in Ihrer Heimat mit Winfried Kretschmann erstmals ein Ministerpräsident von den Grünen gestellt wurde?
Hoss: Ich habe damit nicht gerechnet. Ich kenne den Winfried Kretschmann ja auch. Und ich habe gedacht: Wenn einer das schaffen kann, dann er. Er hat die Aura eines Landesvaters. Dass er das dann auch mit grünen Themen verbinden konnte hat mich gefreut, gerade auch, weil mein Vater ja lange gekämpft hat in dem Ländle. Dass das jetzt ausgerechnet dort zum ersten mal passiert, ist schon toll.

Nina Hoss über ihre Rolle in "Die Weisse Massai", wie sie Afrika erlebt hat, Nackt-Szenen und wie unterschiedlich Männer und Frauen Regie führen
Stuttgarter Nachrichten, 21.10.2008
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1479 | © planet-interview.de | Foto: PROKINO
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