27. November 2010
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Nora Tschirner über Kochen, die Schwierigkeiten eines Film-Kusses und ausgebliebene Anmachen von Til Schweiger

© Warner Bros. Ent.
Als Tochter eines Dokumentarfilm-Regisseurs und einer Hörfunk-Journalistin war Nora Tschirners Weg in die Medien vermutlich vorgegeben. Als sie 2001 bei einem Moderatoren-Casting von MTV vorstellig wurde, avancierte sie mit ihrer frechen Berliner Schnauze schnell zum Vorzeige-VJ und Idol einer ganzen Mädchen-Generation. Spätestens mit ihrer Rolle der Katharina in der von-Stuckrad-Barre-Verfilmung „Soloalbum“ beeinruckt sie auch als Schauspielerin und hat ihren festen Platz in der deutschen Filmlandschaft. Die spanische Produktion „Bon Appétit“ startet im November 2010.

"Einen Film-Kuss zu zeigen, der nichts transportiert, ist bloßer Voyeurismus"
Voriges Zitat
"Mir setzt als Schauspielerin nichts mehr zu, als wenn der Mann nach der Kuss-Szene sagt: „Och, schade. Schon vorbei?“"
Voriges Zitat"Wenn ich ein neues Drehbuch bekomme lese ich es sofort durch, um genug Zeit zu haben, darüber nachzudenken. Eines Morgens wache ich dann auf und weiß, ob ich es machen will oder nicht."
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Nora, in deinem neuen Film „Bon Appetit“ geht es unter anderem um die Unfähigkeit, die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Kennst du das von dir selbst?
Nein, eigentlich nicht. Aber ich habe gelernt, dass wichtige Entscheidungen ihre Zeit brauchen. Wenn ich beispielsweise ein neues Drehbuch auf den Tisch bekomme und mich innerhalb einer Woche entscheiden muss, lese ich es mir sofort durch, um genug Zeit dafür zu haben, über die Entscheidung ausgiebig nachzudenken. Ich wache dann eines Morgens auf und weiß, ob ich es machen will oder nicht.
Triffst du solche Entscheidungen alleine oder sprichst du im Vorfeld mit vielen Leuten darüber?
Ich spreche mit Leuten darüber. Nicht nur, um deren Ansichten in meine Entscheidung einfließen zu lassen, sondern auch, um mein eigenes Gefühl herauszukristallisieren. Durch solche Gespräche wird mir klar, wohin ich tendiere.
Hat dich an „Bon Appetit“ vor allem die Lovestory gereizt oder doch eher die Chance, am Set gutes Catering vorzufinden?
Um ehrlich zu sein: Das Essen (lacht). Am Film selbst fand ich jedoch vor allem die leisen Zwischentöne spannend. Da treffen sich zwei seelenverwandte Menschen, die sich darüber klar werden müssen, was das für sie heißt. Müssen die jetzt zusammen sein? Oder doch besser befreundet? Das fand ich interessant.
Es geht dir in erster Linie also immer um die Geschichte?
Natürlich. Aber ich würde lügen, wenn mir neben der Story nicht auch noch ein paar andere Parameter wichtig wären. Ich könnte mir durchaus auch mal vorstellen, einen nicht ganz so vielversprechenden Film zu machen, wenn er dafür in Papua-Neuguinea spielt und ich dann zwei Monate dieses Land kennenlernen könnte. Oder wenn ich dafür mit tollen Leuten zusammenarbeiten kann. Es müssen immer verschiedene Sachen greifen, um ein Projekt für mich interessant zu machen.
Du spielst im Film eine Sommelière. Hast du einen besonderen Bezug zu Wein?
Nein. Ich vertrage Wein nicht besonders gut und habe daher kein besonderes Faible dafür. Durch meine kleine Sommeliére-Ausbildung habe ich jedoch einen etwas sensibleren Gaumen bekommen. Ob so ein Wein am Ende nach Eberesche oder Eber schmeckt, kann ich zwar immer noch nicht auseinanderhalten, aber mein Geschmacksempfinden ist definitiv besser geworden. Momentan drehe ich gerade in Frankreich, und die Franzosen sind echt die Geilsten: Dort ist durch die Gewerkschaft vertraglich festgelegt, dass beim Mittagessen pro Person eine bestimmte Menge Rotwein am Set vorhanden sein muss. Und zwar nicht bloß irgendein popliges Tetrapack-Gesöff, sondern Wein mit einer Mindestqualität. Das finde ich total lässig.
Bei einem solchen Film darf natürlich auch die obligatorische Frage nicht fehlen, ob Liebe durch den Magen geht.
Keine Ahnung. Ich habe diesen Satz noch nie ganz verstanden. Es würde mich aber mal interessieren, wie der seinerzeit entstanden ist. Was soll das denn heißen? Ich koche was Tolles, das mag der Andere und der denkt dann: „Man, was ’ne dufte Alte!“?
Im Film gibt es immerhin eine Szene, in der Unax aus Spaghetti, einer Orange und Minzbonbons ein leckeres Gericht kredenzt und damit dein Herz gewinnt.
Es ist natürlich immer schön, wenn sich jemand um einen sorgt und etwas kocht. Aber hier geht es vor allem um die Kreativität, die er an den Tag legt. Er macht das Unmögliche möglich, zaubert etwas aus dem Nichts. Abgesehen davon strahlt es aber durchaus auch eine Sinnlichkeit aus, wenn jemand ein Gefühl für Geschmack hat – egal, in welchem Bereich.
Hast du das Gericht denn tatsächlich mal probiert?
Spinnst du?! Ich esse doch nichts, was der Unax Ugalde kocht (lacht)! Nein, es gibt es den alten Requisiteurs-Spruch: Wer Requisiten isst, schleppt auch Komparsen ab! Requisiten aufessen ist sehr verpönt. Das kommt vor allem daher, dass man Requisiteure stets zur Weißglut treiben kann, wenn sie eine Schale Erdnüsse auf Anschluss halten müssen, aber jeder vom Team erstmal kräftig hineinlangt. Insofern: Wenn man nicht wirklich eine Ess-Szene hat, lässt man Requisiten in der Regel unangetastet.
Fühlst du dich denn privat in der Küche wohl?
Ja, sehr – solange ich nicht kochen muss (lacht). Ich habe kein großes Koch-Repertoire, aber ich mag einkaufen, Lebensmittel und den Prozess des Kochens sehr gerne. Ich kann dir aus einem abgeschabten Gullideckel und einer Kugelschreibermine zwar leider kein Sternegericht zaubern, aber ich mache super Thunfisch-Toastbrote.
Der Regissseur David Pinillos hat gesagt, du hättest eine Schönheit, die in sich selbst ruht und sehr persönlich wirkt.
Ja, so sehen mich nämlich die Spanier! Daran sollen sich die Deutschen ruhig mal ein Beispiel nehmen. Ich habe zwar keine Ahnung, was er genau damit meint, aber ich finde, es klingt ganz toll und sage: Danke.
Gibt es denn Momente, in denen du in dir selbst ruhst?
Na klar. Merkt man das nicht? Das passiert aber weniger in öffentlichen Momenten, sondern eher privat. Am Set selbst allerdings auch meist, wenn man sehr konzentriert arbeitet.
Das klingt fast so, als wäre so ein Set für dich ein Ort der Geborgenheit.
Das ist es auch. Am Set ist jeder wie der Andere, da gibt es keine Starallüren oder dergleichen. Man ist sehr bei sich und hat gar keine Zeit, irgendwelche Profilneurosen zu pflegen. Set-Arbeit ist wirklich das Unglamouröseste, was es gibt. Und das ist wahnsinnig angenehm.
In einem Interview anlässlich des Films „FC Venus“ hast du mal gesagt, dass es für dich unheimlich schwierig war, authentische Kuss-Szenen zu drehen, weil du dich dafür mit Christian Ulmen viel zu gut verstanden hast. Wie war das bei „Bon Appetit“?
Ich habe mich auch mit meinem Filmpartner Unax Ugalde super verstanden. Aber mit Christian hatte ich zuvor einfach schon zu viele anders geartete berufliche Erfahrungen gemacht. Wir haben uns ständig gegenseitig aufgezogen, haben rumgestichelt, da lief viel über Sarkasmus und Ironie. Und wenn man dann plötzlich so einen ganz wahrhaftigen Moment miteinander spielen muss, ist das erstmal sehr absurd und komisch. Mit Unax war das jedoch etwas anderes, weil wir beide in erster Linie als Schauspieler ans Set kamen und nicht als Freunde. Das hat gleich hervorragend geklappt.
Was ist denn das wichtigste bei so einem Filmkuss?
Mir ist immer wichtig, dass man ein totales Vertrauensverhältnis zueinander hat. Und das beinhaltet auch, dass es zwischen den Takes nicht knistert. In der Szene selbst muss natürlich die Hölle abgehen, aber danach muss man auch wieder auf die Erde zurück kommen. Mir setzt als Schauspielerin nichts mehr zu, als wenn der Mann nach der Kuss-Szene sagt: „Och, schade. Schon vorbei?“ Da kriege ich echt ’nen Fön und kann ab da nicht einen geraden Satz mehr spielen.
Dann sind Kuss-Szenen aufgrund der unvermeidbaren Intimität also immer schwierig zu spielen?
Nein, nicht unbedingt. Wenn man sich extrem gut versteht und Berufliches und Privates voneinander trennen kann, geht das ohne Probleme. Dann kann man Kuss-Szenen auch wunderbar proben, dann entsteht etwas. Es darf am Ende bloß nicht zu technisch und verkopft aussehen, denn dann wird es langweilig. Man braucht nichts zeigen, was nichts erzählt. Bei jedem Filmkuss muss eine nonverbale Kommunikation stattfinden, die den Zuschauer mit einbindet. Einen Kuss zu zeigen, der nichts transportiert, ist bloßer Voyeurismus.
Im Film „Keinohrhasen“ hast du Til Schweiger geküsst. Dem würde man so ein: „Och, schade. Schon vorbei?“ ja zutrauen.
Nein, gar nicht. Bisher hat er mich jedenfalls nicht angegraben. Aber es gibt ja vielleicht noch einen dritten Teil, bei dem er das dann wieder gutmachen kann (grinst).

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David Pinillos hat gesagt, Verliebtsein bedeute immer auch, dass es Komplikationen gibt. Siehst du das ähnlich?
Ja, bei diesem Anfangsverknalltsein. Das ist ja immer das reinste Hormonrodeo und sehr anstrengend. Danach aber nicht mehr unbedingt.
In „Bon Appetit“ geht es auch um die Gratwanderung zwischen Liebe und Freundschaft. Unterstützt der Film die häufig diskutierte These, dass es Freundschaften zwischen Männern und Frauen nicht geben kann?
Nein. Die beiden Figuren lernen sich kennen und sind zufällig seelenverwandt. Mit einem anderen Mann bin ich im Film aber nur befreundet.
Ihr habt aber mal etwas miteinander gehabt.
Das war aber nur aus Versehen. Und ist schon voll lange her.
Mag sein. Eine sexuelle Neugierde gab es aber trotzdem.
Ach, ich ändere zu diesem Thema sowieso vierteljährlich meine Meinung. Und jetzt bin ich eben gerade wieder bei: Doch, das funktioniert super! Aber frag mich noch mal in einem halben Jahr. Dann, äh, bin ich nämlich auch wieder dort (lacht).
Wie gehst du denn damit um, dass so viele Männer in dich verliebt sind, die du gar nicht kennst?
Damit gehe ich gar nicht um. Ich nehme es hin. Ich registriere, dass du mir das sagst, aber mit meinem Alltag hat das natürlich nichts zu tun. Das ist, als ob es das auf jemand anderen bezieht, was es de facto ja auch tut. Diese Menschen kennen mich schließlich nicht.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1374 | © planet-interview.de | Foto: Warner Bros. Ent.
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