17. Februar 2012
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Nordkorea-Experte Rüdiger Frank über die Trauerszenen nach dem Tod Kim Jong-ils, Reisen nach Pjöngjang, die Stimmung in der Bevölkerung und das neue Regime in Nordkorea

© Privat
Rüdiger Frank (*1969) wurde in Leipzig geboren. Er studierte Koreanistik, Volkswirtschaftslehre und Internationale Beziehungen an der Humboldt-Universität in Berlin. Ein Auslandssemester führte ihn 1991/1992 an die Kim Il Sung Universität in Pjöngjang, weitere Reisen nach Nordkorea foglten. Heute ist Rüdiger Frank als Professor für Wirtschaft und Gesellschaft an der Universität Wien tätig und arbeitet außerdem an der University of North Korean Studies im südkoreanischen Seoul.

"Grundsätzlich spielt das Kollektiv in Nordkorea eine viel größere Rolle als das Individuelle. Es wäre aber falsch, anzunehmen, dass die Nordkoreaner keine Individuen sind. "
Voriges Zitat
"Das Leben in Nordkorea ist strikt geordnet. Es gibt Menschen, die das als furchtbar bedrückend empfinden, doch auch solche, denen genau das einen gewissen Halt gibt."
Voriges Zitat"Allein ist Kim Jong-un nicht in der Lage, das Land zu regieren. Nicht einmal sein Vater und Großvater konnten das. "
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Herr Frank, schmerzverzerrte Gesichter, ein ganzes Volk fällt in einen kollektiven Weinkrampf. Wie verlässlich sind die Bilder, die uns Ende 2011 nach dem Tod Kim Jong-Ils aus Nordkorea erreicht haben?
Frank: Ich gehe davon aus, dass die Bilder authentisch sind. Dabei ging es weniger darum, mögliche Oppositionelle auszublenden, sondern vielmehr um die strikte Einhaltung der äußeren Form bei den Trauerbekundungen. So mussten etwa gerade Reihen gebildet werden und niemand durfte durchs Bild laufen, Kopfbedeckungen wurden abgenommen. Die eigentliche Trauer war sicherlich in vielen Fällen real empfunden, aber primär einem Ritual folgend. Das gibt es in allen Kulturen, aber in einer Diktatur wie Nordkorea spielen inszenatorische Aspekte eine besonders wichtige Rolle.
Wie sind derart heftige Reaktionen auf den Tod eines Diktators zu erklären, der sein Volk mit harter Hand geführt hat? Das ist aus westlicher Sicht schwer zu begreifen.
Frank: Die Nordkoreaner sehen in Kim Jong-il wahrscheinlich noch etwas anderes. Man kann nur versuchen, dies vor dem Hintergrund der Geschichte nachzuvollziehen. Der ursprüngliche Landesvater war ja Kim Il Sung gewesen. Ihn haben die Menschen zuletzt abgöttisch verehrt, was unterschiedliche Gründe hatte. Zum einen war er schon lange an der Macht, zum anderen hatte er eine gute Geschichte vorzuweisen und besaß Charisma. Die Menschen schreiben ihm politisch große Verdienste zu, wie die Verteidigung gegen die Amerikaner im Koreakrieg und die Befreiung von den Japanern. Heute trifft man in Nordkorea kaum jemanden, der seine überragende Bedeutung nur ansatzweise in Frage stellt. Kim Il Sung ist trotz der Vergehen, die auch er begangen hat, über jeden Zweifel erhaben.
Das erklärt nicht den Personenkult um Kim Jong-il…
Frank: Er ist immerhin Kim Il Sungs ältester Sohn, den er vor über 30 Jahren offiziell zu seinem Nachfolger ernannt hat. Kim Jong-il stand immer an der Seite seines Vaters und hat das Land in seinem Namen regiert. Das ist ein interessanter Aspekt. In der Propaganda wurde Kim Jong-il nie allein verherrlicht, sondern als die rechte Hand Kim Il Sungs dargestellt. Deshalb sieht man beide heute noch als Einheit und als solche bleiben sie der Bevölkerung auch in Erinnerung. Diese Strategie hat bis zum Schluss gut funktioniert. Seit dem 19. Dezember 2011, dem Tag der Verkündung von Kim Jong Il’s Tod, sehen wir allerdings einen interessanten neuen Trend: die propagandistische Anhebung von Kim Jong Il auf das Niveau seines Vaters, und die Verschmelzung seiner Person mit der von Kim Il Sung. Dies dient dem Aufbau der Legitimität von Kim Jong Un.
Wie viel Rückhalt genoss Kim Jong-il tatsächlich, und wie viel Show für die Weltöffentlichkeit ist bei den Trauerszenen im Spiel gewesen?
Frank: Natürlich war da jede Menge Show dabei. Aber man muss den Begriff der Show auch etwas anders interpretieren. Wir sprechen hier über eine Gesellschaft, in der die Menschen schon im Kindesalter an ein striktes Regelsystem gewöhnt sind. Das ist so sehr ein Bestandteil des Alltags geworden, dass man es irgendwann nicht mehr wahrnimmt. Es gibt dort nun mal Feiertage und Ereignisse, zu denen von den Menschen erwartet wird, dass sie sich rechts und links der Straße aufbauen und fröhlich winken. Das sind die Spielregeln. Es handelt sich hier eher um ein staatlich forciertes Trauerritual, an dem alle sich beteiligen, ohne es zu hinterfragen.
Und „staatlich forciert“ bedeutet?
Frank: Die Führungsriege lässt die Menschen absichtlich leicht im Unklaren, was genau jetzt von ihnen erwartet wird. Man weiß aber, dass man bei Verstoß gegen die geltenden Normen entsprechend bestraft werden kann. Deshalb verhalten die meisten sich so extrem wie nur eben möglich. Diese Ambiguität hat in derartigen Systemen Methode und wirkt besonders perfide. Es gibt keine verlässlichen Regeln, wie man sich verhalten muss. Nur eines wollen die Menschen auf gar keinen Fall: Bei ihren Trauerbekundungen mit Zurückhaltung negativ auffallen.
Laut einem Bericht der südkoreanischen Internetzeitung „Daily NK“ wurden in Nordkorea Lagerhaftstrafen gegen Bürger verhängt, die nicht genügend um Kim Jong-il getrauert haben. Glauben Sie, dass diese Berichte zutreffen?
Frank: Mir liegt keine Bestätigung dieser Meldungen vor. Grundsätzlich stellt jedoch mangelnder Respekt gegenüber dem Führer, der mit dem Staat, der Partei und der Nation gleichgesetzt wird, ein schweres Vergehen dar und wird entsprechend geahndet.
Haben Sie derzeit noch Kontakt noch Nordkorea?
Frank: Ja, regelmäßig. Die letzte Reise habe ich 2010 unternommen.
Wie schwierig ist es, als normaler Bürger etwa nach Pjöngjang einzureisen?
Frank: Prinzipiell ist das recht einfach, sofern Sie kein Journalist sind. Für die Presse gelten spezielle Regeln, um die man sich gesondert kümmern muss. Aber es gibt eine ganze Reihe von Anbietern touristischer Reisen nach Nordkorea mit der Einschränkung, dass die Aufenthalte immer geführt und straff durchorganisiert sind. Individualtourismus, wie wir ihn kennen, ist nicht möglich. Die Visumsvergabe ist schwierig und es dauert lange, bis solche Anträge durchgewunken werden. Alle Papiere werden sehr kritisch geprüft. Ein anderer Weg steht etwa für politische Stiftungen, EU-Delegationen oder Hilfsorganisationen offen. Auch Investoren sind gern gesehen.
Kim Jong-il hat jahrelang ein brandgefährliches Atomprogramm vorangetrieben. Was reizt Sie ausgerechnet an einem Land, das weltweit als Schurkenstaat verbrämt ist?
Frank: Die Tatsache, dass sich so viele Menschen dafür interessieren, und dass so wenig darüber bekannt ist. Aus einem Interesse an der wirtschaftlichen Entwicklung Südkoreas heraus habe ich vor über zwanzig Jahren begonnen, mich auch mit Nordkorea zu beschäftigen. Während meiner Laufbahn habe ich festgestellt, dass mein Hintergrund als Kenner des Sozialismus in Europa, als Koreanist und als Volkswirt, dass diese Kombination mir Einblicke ermöglicht, die dem öffentlichen Interesse sehr entgegenkommt. Es wird viel Unsinn über Nordkorea geschrieben. Weil es so viele Fragen gibt und so wenige Antworten, und auch, weil es so schwierig ist, Fakten über Nordkorea herauszufinden, habe ich mich auf dieses Gebiet spezialisiert und bediene damit, wenn Sie so wollen, eine Nachfrage
Welches Verständnis von Person und Identität hat man in Nordkorea? Gibt so etwas wie eine Volksseele?
Frank: Welches Verständnis von Person und Identität hat man denn in Deutschland? Das unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Grundsätzlich spielt das Kollektiv in Nordkorea eine viel größere Rolle als das Individuelle. Es wäre aber falsch, anzunehmen, dass die Nordkoreaner keine Individuen sind. Wir neigen manchmal aus unserer westlichen Sicht dazu, sie zu gesichtslosen Robotern zu stigmatisieren. Doch das sind Menschen wie Sie und ich, die versuchen, nach Kräften in einem System zu leben, in dem sehr spezielle Regeln herrschen. Auch uns ist oft nicht bewusst, dass wir in bestimmten Situationen formalen Normen folgen. Ebenso gut könnte man uns unterstellen, dass wir uns verbiegen, wenn wir bei einem Bewerbungsgespräch zum Anzug oder Kostüm greifen. Ich will in Nordkorea nichts beschönigen. Aber es hilft uns nicht weiter, zu glauben, dass es dort 24 Millionen Menschen ohne eigenen Willen gibt. Die Dinge liegen deutlich komplexer.
Ärgert es Sie, dass wir in unserem westlichen Kulturkreis manchmal zu einer gewissen Überheblichkeit gegenüber Nordkorea neigen?
Frank: Früher ja. Inzwischen habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich das gelassen sehe. Eher beunruhigt es mich, wenn Entscheidungsträger in der Politik eine sehr unrealistische Haltung zu Nordkorea besitzen. Mit denen habe ich viel zu tun – ob es nun in Washington ist, oder anderswo. Fehleinschätzungen zum politischen Geschehen in Nordkorea halte ich schon deshalb für fatal, weil unsere Politik sich in vielen wichtigen Fragen danach ausrichtet. Sei es bei der Atomproblematik, dem Hungerproblem oder der Frage nach der Menschenrechtssituation in Nordkorea. Zu einer realistischen Sicht auf das Land gehört auch die Einsicht, dass die Menschen dieses System in großen Teilen unterstützen – auch, wenn uns das völlig abstrus vorkommt. Erst dann wird es uns möglich sein, eine Politik mit einer gewissen Weitsicht zu betreiben.
Was würden Sie sich – abgesehen von mehr Realitätssinn – von westlichen Politikern in Bezug auf die Atomproblematik wünschen?
Frank: Früher bestand die Philosophie des Westens nur darin, auf den Kollaps zu warten. Man hoffte, dass sich das Problem damit irgendwann von selbst lösen würde. Das machen wir nun seit gut 18 Jahren, und die Lage ist eher brisanter geworden. Als nächste Handlungsmöglichkeit hat man die Sanktion gewählt. Studien zeigen aber: Wenn eine Sanktion Chancen auf Erfolg haben sein soll, muss sie kurzfristig und massiv erfolgen, als starke, einmalige Maßnahme. In Nordkorea passiert aber das Gegenteil: Dort erfolgen die Sanktionen langfristig und in Stufen, und es kommt immer mal wieder eine hinzu.
Die Prozedur der Sanktionen zieht sich schon über Jahrzehnte hin. Mit der Zeit hat das System sich daran gewöhnt und findet ständig neue Wege, die Sanktionen zu umgehen. Den Druck aber spürt vor allem die Zivilbevölkerung, der wir ja eigentlich helfen wollen. Das ist nicht in Ordnung.
Wo haben Sanktionen in der Vergangenheit ihr Ziel verfehlt?
Frank: Man hat in einigen Ländern zum Beispiel den Export von Luxusgütern nach Nordkorea stark eingeschränkt. Das ist doch lächerlich! Da ist irgendwer darauf gekommen, dass Kim Jong-il seine Generäle regelmäßig mit Cognac beschenkt. Schon darf man keinen teuren Hennessy-Cognac mehr nach Nordkorea liefern. Es steht aus meiner Sicht zu bezweifeln, dass einzelne Generäle Kim Jong-il wegen einer Flasche Hochprozentigem folgen. Wenn sich unsere Politik gegenüber Nordkorea auf einem solchen Niveau bewegt, müssen wir uns nicht wundern, dass wenig dabei herauskommt.
Kim Jong-un ist erst 29 Jahre alt und der Bevölkerung noch relativ unbekannt. Wird es der Führungsriege gelingen, einen ähnlichen Personenkult um ihn zu veranstalten wie um seinen Vater?
Frank: Das ist eine schwierige Frage. Die Nachfolge war ja nicht eindeutig geklärt, was die Machthaber vor große Probleme gestellt hat. Kim Jong-il hat seinen Sohn nie offiziell zu seinem Nachfolger auserkoren, er hat ihn nur in diese Position gebracht. Mit dem plötzlichen Tod von Kim Jong-il ist erst einmal ein gefährliches Machtvakuum entstanden. Die Vorbereitung der Nachfolge war noch längst nicht abgeschlossen. Über den Parteienkongress im Herbst 2010 ist Kim Jong-un schnell mal zum General gemacht worden und wurde dann zum Stellvertreter des Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission bei der Partei der Arbeit ernannt. Dann hat sein Vater ihn öfter zu offiziellen Anlässen mitgenommen. Die Leute sollten sich in Ruhe daran gewöhnen, dass es diesen Kim Jong-un überhaupt gibt. Nach dem Tod des Landesvaters stand das Regime unter unmittelbarem Handlungszwang. In sämtlichen Medien in Nordkorea wurde der Name Kim Jong-un dann innerhalb kürzester Zeit aggressiv propagiert. Ob diese Strategie aufgeht, wird die Zeit zeigen. Es ist übrigens zu vermuten, dass sein offizielles Alter an die diesjährigen runden Geburtstage von Vater (70) und Großvater (100) angepasst wird. Damit wäre er 2012 offiziell 30.
Wird Kim Jong-un künftig tatsächlich als alleiniger Herrscher das Land regieren, oder ist er nur das Gesicht eines Kollektivs von Machthabern?
Frank: Zurzeit fungiert er wohl eher als Aushängeschild. Allein ist Kim Jong-un nicht in der Lage, das Land zu regieren. Nicht einmal sein Vater und Großvater konnten das. Dazu muss man Getreue um sich herum versammeln, die man sich über Jahre allmählich aufbaut. Die Leute in der nordkoreanischen Führungsriege sind alle doppelt so alt wie Kim Jong-un, was in Korea eine erhebliche Bedeutung hat. Auch überblickt er den Machtapparat in seiner ganzen Komplexität noch nicht. Das ist eine über Jahrzehnte gewachsene Bürokratie auf mehreren Ebenen. Die Top-Bürokraten in Partei, Staat und Militär befinden sich gerade in einer komfortablen Situation, da sie jetzt stärker eigene Interessen durchsetzen können. Wenn aber Kim Jong-un nicht dumm ist, wird er in den nächsten Jahren gelernt haben, wie der Laden läuft, und dann mehr eigene Macht haben. Das wird auch personelle Konsequenzen einschließen, anhand derer wir von außen diesen Prozess nachvollziehen können.
Wie werden sich die politischen Verhältnisse in Nordkorea unter Kim Jong-un auf lange Sicht entwickeln?
Frank: Zunächst wird er versuchen, seine Macht zu festigen und sich als Herrscher zu legitimieren, indem er der Elite Kontinuität zur Verfügung stellt - also die Voraussetzungen, weiter ihre Privilegien zu genießen. Doch das ist nur der erste Schritt. Er ist ein junger Mann mit Auslandserfahrung und hat ein Land mit vielen Problemen geerbt. Er weiß, dass die Versorgung der Masse der Bevölkerung seine größte innenpolitische Aufgabe ist. Man sollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass er entsprechend ambitioniert und sich seiner Verantwortung bewusst ist. Die Chinesen haben zumindest ein großes Interesse daran, dass Nordkorea sich nach chinesischem Vorbild wirtschaftlich reformiert und arbeiten seit Jahren aktiv und erfolgreich in dieser Richtung.
Gibt es am restriktiven Staatswesen in Nordkorea eigentlich auch positive Aspekte für die Bürger?
Frank: Das ist eine heikle Frage. Viel hängt davon ab, wie der Einzelne sein Wohlbefinden definiert. Das Leben in Nordkorea ist strikt geordnet. Es gibt Menschen, die das als furchtbar bedrückend empfinden, doch auch solche, denen genau das einen gewissen Halt gibt. Nach der Wende haben manche Ostdeutsche über den Verlust dieser fragwürdigen Fürsorge geklagt. Es gab Leute, die fühlten sich unterdrückt; andere fühlten sich behütet. Das gibt es in Nordkorea sicherlich auch, so seltsam das für uns klingen mag. Die eigene Lage beurteilt man außerdem immer in Relation zu Anderen. Da die Informationspolitik in Nordkorea sehr restriktiv ist, weiß die Bevölkerung kaum, wie das Leben in einer anderen Staatsform als einer Diktatur organisiert sein könnte. Die Menschen werden in ihre Strukturen hineingeboren und arrangieren sich damit. Man merkt das oft gar nicht. Ich glaube, dass Menschen, die 1990 als Erwachsene in die Bundesrepublik gekommen sind, viele Dinge klarer sehen als jene, die in sie hineingeboren wurden. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Die größte Bedrohung für das System ist weniger die politische Unterdrückung, sondern der Mangel an Nahrungsmitteln; diesen kann man auch mit der besten Propaganda nicht hinweg diskutieren.
Sie sind selbst in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Kann man das Lebensgefühl hinter dem Eisernen Vorhang mit dem in Nordkorea vergleichen?
Frank: Die Unterschiede in den Lebensumständen sind schon enorm; zwischen Nordkorea und der DDR liegen Welten. Was das Lebensgefühl angeht kann ich schwer einen Vergleich anstellen. Es ist auch für mich schwierig, zu den Menschen in Nordkorea tatsächlich durchzudringen und herauszufinden, wie sie denken und fühlen. Ich persönlich habe mich trotz vieler Frustrationen in der DDR immer sehr wohl gefühlt. Das ganze Ausmaß der Absurditäten ist mir erst nach der Wiedervereinigung wirklich deutlich geworden. Möglicherweise geht es vielen Nordkoreanern ähnlich, sonst hätte es schon lange einen Aufstand gegeben. Allerdings waren der Lebensstandard und das Maß an individueller Freiheit in der DDR ungleich höher als das heute in Nordkorea der Fall ist, und wir waren in der DDR auch viel besser informiert. Legalisiertes Westfernsehen, kritische Künstler, die Kirche als Rückzugsgebiet - in Nordkorea undenkbar.

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Ein Großteil der nordkoreanischen Bevölkerung ist Teil des Militärs. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen dem Militär und der Dynastie beschreiben?
Frank: Hier müssen wir wieder zwischen den Massen und der Elite differenzieren. I im europäischen Mittelalter wurde in der Aristokratie der eine Sohn Ritter und der andere wurde Kleriker. So in etwa funktioniert das in Nordkorea auch. Ein Sohn geht in die Partei, einer in die Armee, und einer macht Geschäfte. Die Macht liegt bei den Familien. Das Militär ist somit ein Instrument des Staates und der Elite. Als Militärdiktatur würde ich Nordkorea daher nicht bezeichnen; ich finde den Begriff irreführend. Das Land befindet sich vielmehr in permanentem Ausnahme- oder Kriegszustand. Die Gesellschaft ist dort sehr militarisiert, was ja in milderer Form ein Merkmal der meisten sozialistischen Staatsformen war. Individuell besonders tragisch ist die lange Wehrdienstzeit für junge Männer - über zehn Jahre unter härtesten Bedingungen! Da kommen mir meine drei Jahre bei der Volksmarine wie ein Spziergang vor, auch wenn es keiner war. Eine eigenständige politische Macht, etwa als Gegenpol zur Partei, besitzt das Militär in Nordkorea aber meines Erachtens nicht.
Warum isoliert sich Nordkorea eigentlich dermaßen von der internationalen Gemeinschaft? Aus Angst, Stolz?
Frank: So stark isolieren die sich gar nicht. Die Machthaber sind grundsätzlich bereit und auch daran interessiert, mit internationalen Partnern zusammen zu arbeiten. Sie haben nur sehr genaue Vorstellungen davon, was das bedeutet. Dafür gibt es historische Gründe, die bis in die japanische Besatzungszeit reichen. Damals sind die Koreaner sehr sensibel für jegliche Art von Einmischung in ihre Angelegenheiten geworden. Auch die ehemalige Sowjetunion und China haben offen versucht, Nordkorea zu einem Satellitenstaat zu machen - und sind damit gescheitert. Die Eigenständigkeit gegenüber dem in vielfacher Hinsicht erfolgreichen Südkorea zu bewahren, ist für das Land eine große Herausforderung. Man hat erkannt, dass Interdependenz oft auf Kosten des Schwächeren geht. Wenn man also wirtschaftlich von Außenbeziehungen abhängt, die plötzlich eingestellt werden können, wird man verletzlich. Deshalb ist die Führung Nordkoreas offenbar lange bereit gewesen, eine schlechtere Wirtschaft in Kauf zu nehmen, die dafür aber komplett auf eigenen Füßen steht. Die Folgen kennen wir.
Gibt es Tricks oder Schlupflöcher, durch die die Bevölkerung an Informationen aus freien Medien gelangen könnte?
Frank: Das ist ausgesprochen schwierig. Das einzige potenzielle Schlupfloch ist die Grenze zu China, die man direkt überschreiten kann. Vereinzelt kann man in Nordkorea auch Radio oder Fernsehen aus China empfangen, jedoch nur im Norden. DVDs mit südkoreanischen Seifenopern werden geschmuggelt. Aber grundsätzlich ist die staatliche Informationspolitik sehr restriktiv und bisher auch weitgehend erfolgreich.
Vermuten Sie in den Köpfen der Bevölkerung heimlichen Widerstand, der das Potenzial hätte, sich zu einer Revolte gegen das System auszuwachsen?
Frank: Individuelle Unzufriedenheit ist zu vermuten. Sie reicht aber für qualitative Veränderungen nicht aus, da braucht es eine kollektive Unzufriedenheit in großem Stil. Den Menschen fehlt aber jede Möglichkeit, sich zu organisieren. Anders als etwa in den arabischen Staaten wie Tunesien oder Libyen, die im vergangenen Jahr ihre Aufstände erlebt haben, können die Menschen in Nordkorea nicht die neuen Medien wie das Internet, Facebook oder Twitter zur Organisation von Protestkundgebungen nutzen. Auch gibt es kein Äquivalent zum Westfernsehen, das 1989 in der DDR eine so große Rolle gespielt hat. Vielfach fehlt den Menschen in Nordkorea noch der Mut, sich mit anderen in systemkritischer Weise auszutauschen.
Die Nordkoreaner wurden aufgefordert, Kim Jong-un von nun an als „menschliches Schutzschild’“ zu dienen. Teilen Sie die Befürchtung vieler Experten, dass der neue Diktator noch brutaler gegen sein Volk sein wird als der alte?
Frank: Zunächst tue ich mich schwer, Kim Jong-un als brutal zu bezeichnen, wenn es letztlich das System ist, das brutal ist. Natürlich steht er an dessen Spitze und ist damit auch verantwortlich. Aber wir tun uns selbst keinen Gefallen, wenn wir uns die Welt so einfach machen. Im Irakkrieg hat man auch gedacht, dass die Probleme gelöst seien, wenn Saddam Hussein erst tot ist. Dies war ein Irrglaube, wie man festgestellt hat. Das Leben ist kein Computerspiel mit Endgegner.
Wem geben Sie die Schuld an den Verhältnissen im Land?
Frank: Natürlich ist sehr wohl den Machthabern die Schuld zu geben. Sie tragen die Verantwortung. Genauso mitschuldig sind all jene, die von dem System profitieren und nichts dagegen unternehmen. Das sollte man struktureller betrachten. Auch da kann man wieder einen Vergleich zur DDR ziehen. Nach der Wende hat man versucht, Erich Honecker hart zu bestrafen, weil er an der Spitze des Systems stand. Dann folgte ziemlich schnell die Erkenntnis, dass man ihm nur wenig Konkretes nachweisen konnte. Schließlich blieben die Mauertoten - doch das war nur die Spitze des Eisberges, ein Bruchteil dessen, was die Menschen in der DDR als Unrecht empfunden haben. Unrecht und willkürliche Akte wurden tausendfach begangen, auf allen Ebenen. . Ich habe lange gebraucht, um meinen eigenen Frust über die mangelhafte Aufarbeitung des wirklichen, oft unspektakulär alltäglichen, schwer juristisch zu fassenden Unrechts in der DDR zu verdrängen. So sind auch in Nordkorea viele Dinge strafrechtlich schwer zu greifen. Verantwortlich zu machen ist das System selbst und alle, die bewusst dazu beitragen, es aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig werden sich viele Funktionäre nur als unbedeutende Rädchen ansehen und keine Schuld empfinden. Angesichts der im Vergleich zur DDR ungleich höheren Schwere der Vergehen wird die eines Tages anstehende Aufarbeitung aber wohl noch problematischer werden.
Wer könnte außenpolitisch am ehesten zu einer Veränderung in dem Land beitragen? Beispielsweise Südkorea oder China?
Frank: Am ehesten China. Durch gut gemeinte Appelle oder offene Anfeindungen wird man von außen nichts bewirken können – Gespräche und Verhandlungen bringen da wenig, auch wenn sie nicht ohne Nutzen sind. Dennoch glaube ich, dass Veränderungen möglich sind. Wir müssen einfach etwas mehr Vertrauen in unsere eigenen Lehrsätze haben. Eine Marktwirtschaft hat immer auch politische Auswirkungen, wie man an der Volksrepublik China deutlich beobachten kann. Sobald die Menschen als Individuen ökonomisch aktiv werden, sobald sie in der Lage sind, mit Arbeit und Geschäften Geld zu verdienen und dadurch Macht und Unabhängigkeit zu erlangen, wird auch das politische System dem Rechnung tragen müssen. Die Monetarisierung der Gesellschaft seit den Reformen von 2002 sehe ich als eine der signifikantesten Entwicklungen in Nordkorea in den letzten Jahrzehnten an. Damit ist ein Prozess gestartet worden, der Zeit braucht, aber unumkehrbar ist. Der Westen sollte alles tun, was die Entwicklung marktwirtschaftlicher Elemente in Nordkorea fördert - das können wir gut, das ist friedlich, und es hilft den Menschen. Der Rest kommt dann fast von allein. Sanktionen gehen genau in die falsche Richtung und stärken paradoxerweise schlimmstenfalls sogar das System.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1527 | © planet-interview.de | Foto: Privat
» In aller Bescheidenheit möchte ich sagen, dass meine Texte kunstvoller sind als irgendein Getwitter.«
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