Handball-Experte Stefan Kretzschmar über die Problemfelder der deutschen Mannschaft, Deutschlands Gruppengegner bei der Europameisterschaft und ein mögliches Vorrunden-Aus

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Stefan Kretzschmar, geboren 1973 in Leipzig, begann im Alter von sechs Jahren, Handball zu spielen. 1993 Wechsel zum VfL Gummersbach und Debüt in der Nationalmannschaft. 1996 Wechsel zum SC Magdeburg, wo er bis zum Ende seiner aktiven Laufbahn 2007 spielte. Seit 2007 Kommentator der ARD mit Gerhard Delling bei Handball-WM und EM. Stefan Kretzschmar lebt in Magdeburg, wo er Sportdirektor des SC ist.
"Die Nationalmannschaft ist immer noch das Zugpferd Nummer eins für den Handball, da kommt kein Bundesligist heran. "
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Herr Kretzschmar, die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat in keinem ihrer vier letzten Tests vor der Europameisterschaft vollends überzeugen können. Wie fällt ihr Fazit aus?
Kretzschmar: Die Testspiele gegen den gleichwertigen Gegner Island kann man unter dem Motto abhaken, dass die deutsche Mannschaft einfach noch nicht eingespielt war. Die erste Hälfte gegen Brasilien hingegen war schon sehr enttäuschend. Ich glaube nicht, dass der Bundestrainer mit der Vorbereitung zufrieden ist.
Vor allem in der Abwehr offenbarte die Nationalmannschaft viele Lücken. Müssen sich Oliver Roggisch und Manuel Späth im Abwehrzentrum erst noch einspielen?
Kretzschmar: Das ist sicherlich auch ein Punkt, warum es im Spiel noch nicht funktioniert. Aber gegen Brasilien habe ich vor allem auch Bereitschaft und Engagement vermisst. Zudem fehlt im Angriff die ordnende Hand, da ist noch kein richtiges System drin. Es fehlt in allererster Linie der Druck. Ich glaube aber, sobald das erste Spiel der EM angepfiffen wird, weiß jeder deutsche Spieler worum es geht und wird noch mal eine Schippe draufpacken.
Wer kann bei der deutschen Mannschaft die ordnende Hand im Angriff sein?
Kretzschmar: Für mich macht im Moment der Göppinger Michael Haaß den besten Eindruck. Er hat in der Bundesliga bislang sehr stark gespielt. Zudem könnte die Blockbildung der Göppinger mit Haaß, Lars Kaufmann und Manuel Späth ein Erfolgsgeheimnis sein.
Wichtig für den Erfolg sind auch die Torhüter. Da gibt es jedoch im Moment so einige Probleme. Johannes Bitter wirkt nach seiner Ellbogen-Operation noch gehemmt, Silvio Heinevetter und Carsten Lichtlein konnten in ihren Vereinen wenig überzeugen.
Kretzschmar: Das ist eine Position, die in der Vergangenheit immer unser Trumpf war, mir aber etwas Kopfzerbrechen bereitet. Bei Jogi Bitter sah es gegen Brasilien nicht so gut aus. Ich kann mir das auch einbilden, aber meiner Meinung nach hat er das ein oder andere Mal zurückgezogen. Carsten Lichtlein hat bisher den stabilsten Eindruck hinterlassen.
Was glauben Sie wie bei den Torhütern die Rangfolge beim EM-Start sein wird?
Kretzschmar: Schwer zu sagen. Vor den Testspielen hätte ich gesagt, Bitter ist die Nummer Eins, dahinter kommt Heinevetter. Doch durch Bitters Verletzung, die anscheinend doch noch nicht richtig auskuriert ist, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Das ist schwierig vorherzusehen.
Zu was ist die deutsche Nationalmannschaft bei der EM imstande?
Kretzschmar: Also erstmal muss die Mannschaft die Vorrunde überstehen, das wird schwer genug. Da warten mit Schweden, Polen und Slowenien drei Kracher. Wenn sich die Truppe wie in den vergangenen Jahren von Spiel zu Spiel steigert und dementsprechend die Vorrunde übersteht, dann gehört man auch zum großen Favoritenkreis. Ich denke Frankreich ist immer noch eine Nasenlänge voraus, doch mit dem Rest können wir uns durchaus messen.
Sie halten also auch ein Aus nach der Vorrunde für möglich?
Kretzschmar: Das kann durchaus passieren. Man sollte dieses Szenario nicht an die Wand malen, man muss sich jedoch schon damit beschäftigen. Die drei Gruppengegner gehören zur internationalen Spitze. Es gibt keine leichten Spiele. Die Schweden sind sowieso ein bisschen mein Geheimfavorit. Interessant wird sein, wie viel Ex-Kiel-Trainer Noka Serdarusic aus den Slowenen, die mit Vugrinec, Pajovic und Zorman absolute Top-Leute in ihren Reihen haben, rauskitzeln kann.
Und wie schätzen Sie Polen ein?
Kretzschmar: Über die Polen brauchen wir gar nicht zu reden. Die sind gegen uns Deutsche immer hochmotiviert. Das ist insgesamt eine schwere Gruppe. Mit der EM könnte es schon ganz schnell wieder vorbei sein.
Was würde solch ein frühes Aus für den deutschen Handball bedeuten?
Kretzschmar: Es wäre sicherlich ein Dämpfer für den Handball, gerade jetzt, wo dieser Sport eine Hochphase durchlebt. Vor allem auch im Fernsehbereich. Wir haben während der EM Premium-Zeiten bei ARD und ZDF. Die Nationalmannschaft ist immer noch das Zugpferd Nummer eins für den Handball, da kommt kein Bundesligist heran. Deshalb wäre es ganz bitter, wenn wir schon so früh ausscheiden würden. Daher sollten wir uns gar nicht erst damit beschäftigen.
Wichtige Spieler wie Pascal Hens oder Sebastian Preiß fehlen. Können Sie ersetzt werden und wenn ja, durch wen?
Kretzschmar: Pascal ist ein sehr spielbestimmender Mann, den wird man nie richtig ersetzen können. Auch außerhalb des Spielfeldes. Aber ich wäre pessimistischer wenn Lars Kaufmann nicht so eine starke Bundesliga-Hinrunde gespielt hätte. Da habe ich die Hoffnung, dass er die Lücke einigermaßen schließen kann.
Hat Kaufmann das Potential, um bei der EM endlich den große Durchbruch zu schaffen und so eine Art Shooting-Star zu werden?
Kretzschmar: Das traue ich ihm durchaus zu. Doch auch die beiden anderen Göppinger, Späth und Haaß, sehe ich dazu in der Lage.
Der Bundestrainer hat Dominik Klein, Martin Strobel, Steffen Weinhold und Matthias Flohr gestrichen – Christoph Theuerkauf, Uwe Gensheimer und Michael Haaß sind dabei. Gerechtfertigt?
Kretzschmar: Nach dem Spiel gegen Brasilien hatte sich schon etwas abgezeichnet, dass er Gensheimer mitnimmt und Klein und Strobel zu Hause lässt. Bei Theuerkauf habe ich gehofft, dass der Bundestrainer ihn nominiert.

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Im Vorfeld der EM wird immer wieder von der Turniermannschaft Deutschland gesprochen. Zurecht?
Kretzschmar: Ja. Vorteil Nummer Eins ist es, dass die anderen Nationen von dieser deutschen Stärke wissen. Vorteil Nummer Zwei kann sein, dass das wie eine „Heim-EM“ für uns wird, weil wir in Österreich deutschlandnah spielen. Die Spiele in Innsbruck sind schon ausverkauft und wir werden das Publikum auf unserer Seite haben. Die Zuschauer werden uns nach vorn peitschen, sodass vielleicht jedes Spiel wie in Heimspiel werden könnte.
Der Auftakt am 19. Januar gegen das mit Bundesliga-Stars gespickte Polen wird sofort der erste Härtetest. Sie haben als Spieler beim SC Magdeburg selbst noch den Trainer Bogdan Wenta erlebt. Wie wird er seine Mannschaft einstellen?
Kretzschmar: In diesem Spiel liegt eine Menge Brisanz, es ist ein Prestigeduell allerhöchster Klasse. Für Bogdan Wenta ist es sicherlich auch wieder das Spiel des Jahres. Er wird seine Spieler vor allem mental gut auf das Spiel vorbereiten und eine sehr emotionale Kabinenansprache halten. Wenta wird nichts dem Zufall überlassen.
Österreich ist Gastgeber der EM. Was trauen Sie der Alpenrepublik in der Gruppe mit Island, Dänemark und Serbien zu?
Kretzschmar: Österreich hat eigentlich eine machbare Gruppe, da ist ein Weiterkommen durchaus möglich. Sie sind nicht mehr nur ein Handballentwicklungsland. Sie können die Hauptrunde schaffen, dann ist aber Schluss.

Stefan Kretzschmar über seine vor kurzem erschienene Biografie "Anders als erwartet", sein Leben nach dem Sport und die Kommerzialisierung des Handballs.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1230 | © planet-interview.de | Foto: Eichborn Verlag
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