22. Oktober 2009
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Schauspieler Uwe Kockisch über seine Liebe zu Venedig, internationale Bekanntheit, das Wunderbare an Fehlern und seine Rolle als Commissario Brunetti

© ARD Degeto/Martin Menke
Der Schauspieler Uwe Kockisch, Jahrgang 1944, wuchs in Cottbus in der DDR auf. Als 1961 die Mauer gebaut wird, versucht er mit anderen jugendlichen über die Ostsee zu fliehen - die Strafe ist ein Jahr Gefängnis. Anschließend arbeitet er als Pförtner am Theater in Cottbus, bis er den Sprung an die Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin schafft. Später spielte er über 20 Jahre am Berliner Maxim-Gorki-Theater. Seit 2003 verkörpert er in der ARD Donna Leons „Commissario Brunetti“. Kockisch lebt in Madrid.

"Fehler sind etwas Wunderbares. "
Voriges Zitat
"Blitzlichtgewitter? Damit kannst du mich jagen!"
Voriges Zitat"Die Leiche ist immer nur der Aufhänger. "
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Herr Kockisch, Sie verbringen für die „Donna Leon“- Reihe mehrere Monate im Jahr in Venedig. Wie würden Sie ihr Verhältnis zu dieser Stadt beschreiben?
Kockisch: Jetzt nach sechs Jahren, in denen ich immer wieder in dieser Stadt war, kann ich nur den einen Satz sagen: Ich habe eine wahnsinnige Hochachtung vor dieser Stadt, die immer noch lebt, während andere zugrunde gegangen sind. Venedig ist ja eine sehr kleine Stadt, die leider immer weniger Venezianer beherbergt, weil die Mieten ständig steigen und viele notgedrungen wegziehen. Venedig hat einfach eine große Schönheit, gar nicht mal esoterisch gesehen. Das ist einfach Fakt, was da steht. Das steht da und ist einfach wunderschön. Vom kitschigen Mythos bis zum orgastischen Aufschrei ist in dieser Stadt alles zu finden. Die Stadt hat schon etwas sehr Faszinierendes.
Wie nah kommt man den Einheimischen, wenn man in dieser Stadt dreht?
Kockisch: Wir arbeiten mit vielen Einheimischen am Set zusammen. Die deutsche Crew ist in kompletter Besetzung auch noch mal in italienischer Form dabei. Ich komme nach einem Dreivierteljahr wieder in diese Stadt und fühle mich sofort wohl und habe das Gefühl, nur zwei Wochen weg gewesen zu sein. Man ruft sich von weitem zu und findet sofort wieder eine Ebene. Obwohl, das Besondere ist ja, dass die Filme und die Romanvorlage auf Wunsch von Donna Leon in Italien gar nicht gezeigt und verkauft werden dürfen. Sie sagt, das wäre eine Schutzmaßnahme. Ich frage mich: Schutz wovor? Alle sagen, das würde an der Mafia liegen, aber die Mafia kann ja auch französisch und spanisch. Ich versteh das nicht ganz, aber das macht ja auch nichts (lacht). Ansonsten werden die Filme mittlerweile fast in ganz Europa gezeigt.
Also sind Sie zunehmend auch in ganz Europa bekannt...
Kockisch: Ja, das ist schon sehr lustig. Daran musste ich mich auch erst einmal gewöhnen. Ich wohne ja mittlerweile in Madrid und als ich da zum ersten Mal am Flughafen angesprochen wurde, dachte ich nur: Was will die Frau da? Warum winkt die? Was sagt die? Ich kann ja gar kein Spanisch. Das war echt erstaunlich. Im Moment gibt es die Filme nur auf DVD in Madrid zu kaufen, aber ich bin mal gespannt, was passiert wenn sie auch im Fernsehen laufen (lacht). Es ist aber nicht so, dass ich mich jetzt verstecken müsste. Ich habe da auch gar kein Problem mit. Ich lauf nicht durch die Gegend und rufe: „Oh Gottchen, bloß keine Kamera! Haut bloß ab!“ Ich komme vom Theater und da hat man ja immer direkten Kontakt zum Publikum. Wichtig ist mir nur, das die Leute sagen können, warum ihnen was gefallen hat oder warum eben nicht.
Wer sind Ihre schärfsten Kritiker?
Kockisch: Ich ermutige meine Söhne, mir zu sagen, wenn ihnen ein Film mal gar nicht gefallen hat. Ansonsten gibt es notorische Kritiker, die irgendwie immer alles scheiße finden. Sollen die ruhig Dampf ablassen, ist mir wurscht. Aber konstruktive Kritik ist etwas Wunderbares. Nur so kann man ja auch weiterkommen. Fehler sind ebenso etwas Wunderbares. Dann denkst du dir: „Mensch Junge, dit war richtig scheiße! Mach dit beim nächsten Mal besser!“ Wenn alle Welt sagen würde: „Mensch Uwe, grüß dich! Dit war wieder mal richtig jut!“, würde ich doch durchdrehen. Eitelkeit ist echt das Schlimmste. Bei meiner ersten Theaterpremiere habe ich noch den Satz gesagt: „Mensch Leute, euer janzet Lob hier. Da war’n doch bestimmt vier, fünf Fehler drin!“ Heute würde ich sagen: „Komm mal her du Rotzlöffel, wie viel Fehler war’n da drin? Fünf sachste? Das war’n mindestens vier bis fünfhundert Millionen, du Arschloch!“ Nimm dich nicht so wichtig. Mach einfach immer weiter. Es geht nicht ohne Fehler. Wer sagt: „Ich brauche keine Sonne, ich brauche nur Blitzlicht!“ hat doch schon verloren. Aber so was von. Der ist schon tot.
Das ganze Blitzlichtgewitter, der rote Teppich. Das ist nicht Ihre Welt, oder?
Kockisch: Nein, absolut nicht! Damit kannst du mich jagen. Ein guter Freund von mir, Michael Gwisdek, der kann jede Frage so ummünzen, dass am Ende seine Geschichte erzählt wird. Das würde ich gerne können. Ich mache einfach nur meine Arbeit. Alles andere interessiert einfach nicht. Aber wir leben nun mal in einer übermedialisierten Welt. Wo können wir noch hingucken? Wir haben in die Vagina von der und ins Arschloch von dem geguckt. Vielleicht noch mal Kopf abhacken, das kommt immer gut. Wo wollen wir landen? Da sage ich gleich: „Kinder, (pfeift laut) mit mir nicht!“ Da bin ich mir nicht wichtig genug, um davon zu plaudern. Da gibt es den guten alten Spruch als Opas Zeiten: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“
Zurück zu Ihrer Paraderolle: Commissario Brunetti tritt als Gentleman-Ermittler auf. Mit weißem Hemd und schwarzem Jackett, cooler Sonnenbrille und lässigem Drei-Tage-Bart flitzt er auf seinem Boot durch venezianische Grachten. Inwiefern könnten Sie sich Brunetti auch in deutschen Landen vorstellen, beispielsweise im Kahn auf der Havel?
Kockisch: Das würde gar nicht funktionieren! Das Merkmal der Serie ist ja gerade, dass sie sich sehr genau an die Romanvorlagen von Donna Leon hält. Diese Grundlage werden wir auch nie verlassen. Donna Leon ist ja eine Linke und hat immer auch einen sehr politischen und sozialen Blick auf die Welt und so ist auch die Figur. Sie wurde vor kurzem von einem Literaturkritiker in New York gefragt: „Wann lassen Sie Brunetti sterben?“ Da hat sie gesagt: „Nie! Brunetti ist mein Sprachrohr in die Welt! Der wird nie sterben!“

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Im neuesten Fall „Wie durch ein dunkles Glas“ geht es um einen Umweltskandal in Venedig.
Kockisch: Mich interessieren keine Krimis wo es nur um kriminaltechnische Untersuchungen geht. Der Fall soll ein Auslöser sein, um die Menschen und die Gesellschaft dahinter zu zeigen und kennen zu lernen. Die Leiche ist immer nur der Aufhänger. In diesem Fall geht es nun um das berühmte Murano-Glas und man erfährt, wie viel hochtoxisches Arsen zur Herstellung verwendet wird und wie damit umgegangen wird. Wo geht das ganze giftige Zeug denn hin? Das sind Fragen, die der Film versucht zu beantworten. Mir wurde das Glas während der Dreharbeiten auch angeboten, aber ich will so etwas nicht haben. Ich brauche das nicht.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=1159 | © planet-interview.de | Foto: ARD Degeto/Martin Menke
» Natürlich bin ich stolz auf das, was wir erreicht haben. Aber eine Befriedigung darüber, es den Zweiflern gezeigt zu haben, verspüre ich nicht. Mich interessiert deren Meinung überhaupt nicht.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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