23. März 2005
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Der Meeresforscher Jean-Michel Cousteau über Haie, den Schutz der Meere und die Darstellung seines Vaters in "Die Tiefseetaucher"

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Voriges Zitat""
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Herr Cousteau, Sie setzen sich schon seit langer Zeit für den Schutz der Meereswelt ein, aktuell mit dem Imax-Film "Haie 3D". Der Film versucht unter anderem das weit verbreitete, schlechte Bild der Haie aufzubessern. Was sind für Sie wesentliche Gründe für das schlechte ‚Image' der Haie?
Cousteau: Das mangelnde Wissen der Menschen ist ein Grund, und das geht weit zurück, bis in das Altertum. Die Menschen hatten immer Angst vor den Ozeanen, vor dem Wasser, vor dem Unbekannten, vor der Tiefe, dem Schwarzen, der Dunkelheit, gigantischen Kraken, die angeblich wie Monster aussehen, oder Haien, die dich bei lebendigem Leib auffressen. Unser mangelndes Wissen ist schuld daran, dass unsere Angst von anderen Leuten ausgenutzt wurde, vor allem von Leuten, die Sensationen mögen. "Der weiße Hai" von Steven Spielberg war verantwortlich für einen weltweiten Aufschrei und danach gab es bestimmt 100 Filme, die genau das gleiche getan haben, vor allem im Fernsehen, wo es immer nur um bösartige Haie geht. Ich selbst kenne bisher keinen Film, der versucht, die Haie so zu zeigen wie sie wirklich sind.
Sowieso, wenn man sich anfängt mit den Haien zu beschäftigen, stellt man fest, dass es um die 400 Arten gibt, dass die Mehrheit davon völlig harmlos ist, manche davon gerade mal 30 Zentimeter lang. Und der Walhai, der über 10 Meter lang sein kann hat gar keine richtigen Zähne. Ich will damit nur sagen: die Darstellung der Haie hat sich immer nur auf ganz wenige Arten beschränkt, und wenn man den Menschen die Wahrheit erzählen will, ja dann gibt es unter den 400 Arten vier oder fünf, die gefährlich sein können, aber nur unter bestimmten Umständen.
Wenn Sie nun selbst unter Wasser in der Nähe von Haien sind - haben Sie selbst dann keine Angst?
Cousteau: Nein. Ich bin dort ein Gast, das ist nicht mein Territorium und ich begebe mich dahin, weil ich neugierig bin, ich will etwas lernen und ich will schützen. Und man kann die Wasserwelt nicht schützen, wenn man nicht weiß, worüber man spricht. Unser Ziel war es immer, die Informationen an so viele Menschen wie möglich weiterzugeben, egal ob das über das Fernsehen geschieht, über Artikel, Vorträge oder einen Imax-Film. Der Film lädt die Zuschauer ein, die Haie kennen zu lernen und zu verstehen. Auf faire Art und Weise, weil sie eben nicht wie sonst als Menschenfresser hingestellt werden. Und ich denke, wenn man sich den Film ansieht, wird man seine Meinung, seine Sichtweise auf diese Tiere ändern. Die Reaktion der Kinder ist auch anders, normalerweise haben die Angst und schreien bei Hai-Filmen, das ist hier nicht so. Insgesamt geht es einfach darum, den Haien Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.
Dennoch hört man immer wieder von Haien, die Menschen attackieren, ganz aus der Welt zu schaffen ist die Gefährlichkeit dieser Tiere demnach wohl nicht.
Jean-Jacques Mantello (Regisseur des Films "Haie 3D", der beim Interview ebenfalls anwesend war): Menschen werden nicht attackiert, weil sie uns nicht als Nahrung in Betracht ziehen würden. Es passiert etwa 10-12 Mal im Jahr, dass ein Mensch an den Folgen eine Hai-Attacke stirbt. Das passiert, weil der Hai ihn fälschlicherweise für ein anderes Tier hält. Und wenn jemand auf Gewässern surfen geht, wo Haie schon seit Millionen von Jahren leben, dann ist das ungefähr so, als wenn man mit dem Mountainbike durch die Savanne fährt, wo Löwen leben. Nur, dass man beim Ozean nur die Oberfläche sieht und nicht, was darunter ist. Da kann alles tot und unbewohnt sein, da kann aber auch ein Hai umherschwimmen...
Cousteau: ...und wenn Sie auf Ihrem Surfbrett sitzen und mit den Händen paddeln, sehen sie für den von unten aus wie ein Seelöwe. Die Leute bringen sich selbst in Gefahr, wenn ich Surfer wäre, würde ich mir Regionen aussuchen, wo es keine Haie gibt. Oder man geht halt ein Risiko ein. Es sterben wie gesagt 10-12 Menschen pro Jahr, weil sie nach einem Biss verbluten. Aber was meinen Sie, wie viele Menschen jedes Jahr in ihrer eigenen Badewanne sterben, nur wird über die nie geredet, weil es nicht spektakulär ist, weil man damit keine Schlagzeilen machen kann. Das ist gegenüber den Haien sehr ungerecht.
Sind Sie denn wütend auf Leute wie Steven Spielberg, die aus dem Hai das spektakuläre Ungeheuer gemacht haben?
Cousteau: Nein. Sein Film basierte ja auch auf einem Roman eines anderen Autoren, er hat auch nicht die Auswirkungen ahnen können, die sein Film später hatte. Er ist ein sehr kreativer Hollywood-Regisseur, das ist sein Job. Und ich will nicht gegen ihn ankämpfen, sondern mit ihm reden und ihn etwa umstimmen.
Ihre Biographie liest sich wie ein langer Kampf für die Natur, die Meerestiere, Ozeane... Was würden Sie sagen, ist bei dieser Arbeit Ihr größter Gegner?
Cousteau: Wir Menschen selbst sind der Gegner, keine Frage. Unser Unverstand, der schlechte Umgang mit Rohstoffen, mit der Natur, den Meeren: wir nehmen alles heraus und bald wird nichts mehr da sein, es gibt bereits Stellen, wo nichts mehr da ist. Und gleichzeitig schmeißen wir alles mögliche in den Ozea:, Schwermetalle, Chemikalien, Müll und obendrein beschneiden wir die ‚Kinderstuben' der Meereswelt, die Lebensräume an der Küste, die Mangrovenwälder, das Schwemmland, Flussmündungen und die Korallenriffe. Wir sind verrückt, wir steuern auf eine Katastrophe zu, wenn wir nicht bald Alarm schlagen. Wir dürfen nicht immer wieder die gleichen Fehler machen. Und deshalb geht es bei der Arbeit, die mein Vater gemacht hat und die ich heute fortführe, vor allem darum, die Menschen zu informieren, damit sie bessere Entscheidungen fällen.
Die Natur ist ein System zur Erhaltung des menschlichen Lebens. Und mit jeder Art, die aus diesem System verschwindet, egal ob Pflanzen- oder Tierart, schwächen wir dieses System. Es wird dann einen Punkt geben, an dem zu viele Arten verschwunden sein werden und an dem das System kollabieren wird.
Wann könnte das Ihrer Meinung nach passieren?
Cousteau: Ich bin kein Prophet, ich will natürlich auch nicht, dass das passiert. Deshalb arbeite ich daran, es zu verhindern. Und wenn es doch passiert, würde das bedeuten, dass ich versagt habe.
Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel: es gibt in der Karibik Pflanzenfresser, viele Arten von Papageifischen essen Pflanzen. Seeigel, Seesterne oder Seewalzen essen Pflanzen. Die Papageifische sind bereits überfischt, davon gibt es nur noch sehr wenige. Ok, das kompensiert die Natur noch und es gibt mehr Seeigel, Seesterne oder Seewalzen, damit das Gleichgeweicht noch besteht. Aber dann kam eine Art Seuche und alle Seeigel starben in der Karibik aus, das ist wirklich so passiert. Und das schafft die Natur dann nicht mehr zu kompensieren, man hat einen großen Zuwachs an Algen, auf Kosten der Korallenriffe, die absterben. Das ist nur ein kleines Beispiel für das, was im Großen mit dem ganzen System passieren kann. Aber das wollen wir ganz bestimmt nicht. Jede Art von Pflanzen und Tieren spielt eine bestimmte Rolle, auch wenn wir das nicht immer nachvollziehen können. Ich mag Mücken nicht, aber die gibt es aus einem guten Grund und wir haben nicht das Recht, Gott zu spielen und zu sagen, "du gehst und du bleibst".
Zum Schluss noch die Frage: was sagen Sie zur Darstellung Ihres Vaters durch Bill Murray in dem Film "Die Tiefseetaucher"?
Cousteau: Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich habe in den USA die Werbung dafür gesehen, die ungewöhnlich lang war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, das ist ein lausiger Film. Und jeder, den ich getroffen habe und im Film war, sagte zu mir: "Ich habe am Anfang gelacht aber dann überhaupt nicht mehr." Ich will mit so einem Film also nicht meine Zeit verschwenden, mein Vater wird dort auf sehr miese Art und Weise portraitiert, mit sehr schlechtem Geschmack. Zum Beispiel stirbt im Film sein Sohn bei einem Hubschrauber-Unfall - das war mein Bruder, der bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam und da verstehe ich keinen Spaß.
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