07. Februar 2007
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Die Sängerin Madeleine Peyroux über die Gitarre, den Blues, das Musizieren auf der Straße und die Mentalität der Franzosen

© Universal Jazz
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Frau Peyroux, ich habe ein paar Stichpunkte auf meinem Zettel, es wäre schön, wenn Sie zu jedem erzählen könnten, was Ihnen spontan einfällt.
Zuerst: Die Gitarre.
Peyroux: Die Gitarre ist das, was aus mir am ehesten eine Musikerin macht. Ein Instrument spielen zu können und damit meine Stimme zu unterstützen, das wollte ich unbedingt lernen. Ein Instrument zu können, auch wenn du es nicht immer spielst, macht aus dir auch einen besseren Sänger.
Ich habe gelernt, Gitarre zu spielen, als ich ein kleines Kind war, auch deswegen bedeutet mir das sehr viel.
Publikum.
Peyroux: Musik braucht ein Publikum, um lebendig zu sein. Für mich ist Musik immer eine Live-Darbietung.
Der Blues.
Peyroux: Also, über den Blues so schnell etwas zu sagen... der Blues steht im Zentrum des Jazz, eine Form der amerikanischen Volksmusik, die unsere Gesellschaft verändert.
Wie verändert sie die Gesellschaft?
Peyroux: Sie erzählt Bände darüber, was die Leute wirklich durchmachen in ihrem Leben, der Blues erzählt Geschichten von Leuten, die sonst keine Stimme haben. Und es ist Teil der populären Musik in den USA im 20.Jahrhundert, ein wichtiger Teil in der Entwicklung der amerikanischen Musik.
Spielt die Hautfarbe dabei eine Rolle?
Peyroux: Ich denke nicht, dass ein Bluesman heute sagen würde, dass er wegen einer bestimmten Hautfarbe ein besserer Künstler ist. Deine Hautfarbe beeinflusst dich als Mensch, weniger als Künstler. Für mich als Mensch zum Beispiel zählt: dass ich eine Frau bin, die aus der unteren Mittelschicht in den USA stammt. Das ist Teil meiner Identität und so werde ich von anderen gesehen.
Kunst ist aber nicht dazu da, um zu trennen, sondern um Leute in einer Gemeinschaft zusammenzuführen. Mit Kunst trennt man nicht Leute von anderen Leuten, sondern man bringt sie durch eine Botschaft zusammen.
Kann jeder den Blues singen?
Peyroux: Also, ich denke, jeder, der den Blues singen will, kann ihn auch singen.
Brauchen Sie eine besondere Stimmung dazu?
Peyroux: Nein, ich brauche gar nichts dazu.
Der beste Ort für Sie, zu musizieren?
Peyroux: Da, wo andere Leute sind.
Macht es für Sie einen Unterschied, ob das auf der Strasse ist, oder in einem Konzertsaal?
Peyroux: Nein.
Gibt es Dinge, die Sie als Straßenmusikerin tun, aber nicht auf der Bühne?
Peyroux: Den Hut rumreichen.
Und Ihre Darbietung ist die Gleiche?
Peyroux: Keine Performance ist jemals die gleiche. Berlin ist anders als Brüssel, Brüssel anders als Paris, Paris anders als Mailand...
Ich las in Interviews, das Musizieren auf der Strasse würde Ihnen mehr bedeuten...
Peyroux: Ich habe es auf der Strasse gelernt, Musik zu spielen. Das war meine Schule. Deswegen gibt mir das mehr, weil das der Ort ist, wo ich herkomme.
Und auch heute gehen Sie manchmal zurück an diesen Ort.
Peyroux: Manchmal ja. Musik auf der Strasse zu spielen ist eine Möglichkeit, andere Leute zu erreichen, ein anderes Publikum zu haben. Eine Gemeinschaft von Leuten um dich zu haben, das ist wunderbar.
Songs, die Sie nicht singen.
Peyroux: Da gibt es viele. Ich singe nur Songs, die bei mir auch wirklich funktionieren. Weil das eine sehr persönliche Sache ist, da muss es der richtige Song sein, es muss individuell sein.
Wie finden Sie heraus, ob ein Song passt?
Peyroux: Durch Üben. Und wenn es nicht geht, legst du den Song beiseite.
Und der Inhalt eines Songs...
Peyroux: Der spielt immer eine große Rolle. Aber es ist nicht immer total offensichtlich, wie man den richtigen Song findet, das ist eigentlich auch das Härteste an diesem Job.
Wie lange brauchen Sie dann für ein neues Album?
Peyroux: Drei Monate. Die meiste Zeit verbringe ich damit, Songs zu suchen und am wenigsten Zeit brauche ich für die Aufnahme.
Spielt es auch eine Rolle, wer die Songs vor Ihnen gesungen hat?
Peyroux: Einen Song, der schon von vielen anderen gesungen wurde, würde ich nur dann singen, wenn es in dem Song etwas gibt, was ich unbedingt singen will. Auf meiner CD „Half the Perfect World“ gibt es mindestens drei, vier Songs, die sehr bekannt sind: „Smile“ von Charlie Chaplin, „The Summer Wind“ hat Frank Sinatra gesungen, „Everybody’s Talking“ wurde von Fred Neil geschrieben und von so vielen anderen Leuten aufgenommen, Harry Nilsson zum Beispiel. Sogar der Tom Waits Song „Looking for the Heart of Saturday Night“ wurde von vielen anderen Sängern aufgenommen. Trotzdem sind das Songs, die ich unbedingt singen wollte.
Es gibt viele andere Songs, die ich nicht singe, die ich aber wirklich liebe... deswegen dauert auch dieser Prozess so lange, Repertoire zu finden. Weil du dir über alles Gedanken machen musst: Wer hat diesen Song schon gesungen, und warum willst du es selbst tun? Manchmal kann es im Leben auch so gehen, dass du einfach weißt, dass es richtig ist, eine bestimmte Sache zu tun. Und das muss aus diesem geheimnisvollen Teil von dir selbst herauskommen.
Singen auf Französisch: Sie haben auf jedem Ihrer Alben einen französischen Song.
Peyroux: Es gibt eine andere Tradition bei französischen Liedern, die Lieder sind sehr dramatisch. Und die Poesie in der französischen Musik ist eine andere, weil die Sprache so anders ist. Sie hat einen anderen Klang. Wenn du französische Gedichte sprichst, ist das sehr monoton, es gibt wenige Auf und Abs. Und es ist ironisch, französische Songs für ein nicht-französisch-sprechendes Publikum zu singen und zu beobachten, wie die Leute reagieren, auf die Gefühle in den Songs, obwohl sie den Text nicht verstehen.
Wie würden Sie die Mentalität der Franzosen beschreiben?
Peyroux: Ich habe die Hälfte meines Lebens in Frankreich gelebt. Ich bin dort aufgewachsen, und ich bin aus Amerika dorthin zurückgekommen. Und ich denke, meiner Zeit in Frankreich habe ich zu verdanken, dass ich Musikerin geworden bin. Die philosophische Einstellung in Bezug auf Gesellschaft, die ich in Frankreich kennen gelernt habe, hat mir geholfen, Künstler zu sein.
Frankreich ist kultivierter?
Peyroux: Die Menschen haben mehr Zeit für Kultur.
Und in den USA...
Peyroux: ... gibt es keine Zeit, für nichts. Das ist der Unterschied. Die Leute arbeiten.
Und die Franzosen...
Peyroux: ...essen lange zu Mittag. Sie genießen es, über Philosophie zu reden, über Politik, über Kultur nachzudenken. Die Kultur in Frankreich hat eine Langlebigkeit, wie sie die Amerikaner nicht erlebt haben. Ich denke, die Amerikaner lernen immer noch, zu schätzen, was sie kulturell haben, weil das alles noch so jung ist.
Wo leben Sie zur Zeit?
Peyroux: In New York. Mein Leben besteht aber vor allem daraus, unterwegs zu sein.
Auf meinem Zettel steht noch „Whiskey“ und „Zigaretten“. Von einigen Journalisten wurde geschrieben, Ihre Stimme würde nach Whiskey und Zigaretten klingen. Können Sie das kommentieren?
Peyroux: Nein (lacht). Wenn jemand Whiskey mag, und Zigaretten, dann ist das ok, ich mache mir aber nichts daraus. Ich kann auch Wein trinken.
Nun steckt aber auch die Frage dahinter, ob Dinge wie Alkohol und Zigaretten die Stimme beeinflussen.
Peyroux: Whiskey und Zigaretten sind nicht gut für deine Stimme. Und deine Stimme ist dein Körper. Um ein Künstler zu sein, musst du Chancen wahrnehmen wollen. Als Teenager will jeder Alkohol und Zigaretten ausprobieren. Ich denke aber nicht, dass das der Weg ist, Künstler zu werden, Whiskey und Zigaretten sind nur eine Erfahrung von vielen im Leben...
Können Sie Dinge nennen, die Ihre Stimme beeinflussen?
Peyroux: Dein Leben beeinflusst deine Stimme. Die Stimme ist der Teil des menschlichen Körpers, der alles ausdrückt, was du fühlst, ob du es willst, oder nicht. Das ist geschieht teilweise sehr subtil. Wenn du dir die Stimme eines Menschen anhörst kannst du alles hören, was er gerade denkt.
Können Sie manche Dinge besser mit Gesang ausdrücken, als bloß mit Sprache?
Peyroux: Ja, sicher. Weil Musik ist eine Universal-Sprache, du musst nicht all die Besonderheiten einer Sprache kennen, um zu verstehen, was los ist.
Stille.
Peyroux: Stille ist ein Teil von Musik. Stille kann auch expressiv sein, es gibt ganz verschiedene Arten von Stille.
Je mehr Stille du hast, desto reicher bist du als Mensch. Stille ist wichtig für Spiritualität. Aber sie ist auch teuer, weil sie schwer zu finden ist. Du musst Stille auch in dir selbst finden, du musst Stille kreieren.
Gibt es einen bestimmten Ort, wo Sie Ruhe finden?
Peyroux: Nein. Ich bin eine Nomadin, ich kann nicht immer wieder an einem bestimmten Ort zurückgehen. Ich muss weiterreisen. Also muss ich die Stille in mir finden, in meiner Seele, in meinem Herzen. Oder ich finde sie in Worten in einem Buch, in einem Gedanken, in einer Philosophie - oder in einem Song.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=235 | © planet-interview.de | Foto: Universal Jazz
» Ich bekomme heute die gleichen Fragen gestellt, wie vor 20-30 Jahren. Mein Buch „Sex für Dummies“, verkauft sich deshalb so gut, weil die Leute eben doch nicht alles wissen.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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