28. Juni 2007
Leseansicht
Dokumentarfilmer Marcus Vetter über seinen eBay-Film „Trader’s Dreams“, absurde Auktionen, Süchtige, den Traum von der Selbständigkeit und den chinesischen eBay-Konkurrenten alibaba.com

© Piffl Medien
Mit 200 Millionen Nutzern gehört "Ebay" inzwischen zu den weltweit am meisten genutzten Websites. Den Regisseuren Marcus Vetter und Stefan Tolz war dies Anlass genug einen Dokumentarfilm über die Kult-Handelsplattform zu drehen. Der Film "Trader’s Dreams“ aus dem Jahr 2007 blickt hinter die Kulissen von "Ebay", potraitiert Menschen in Deutschland, Irland, Mexiko und den USA und ihr Verhältnis zu "Ebay, und zeigt, dass der "Ebay"-Kult wahrlich auch Gefahren und viele Schattenseiten beinhaltet. David Sarkar traf Marcus Vetter im Juni 2007 zum Interview.

"Ich habe nie wirklich verrückte Dinge ersteigert und habe eBay auch zu keinem Zeitpunkt als Sucht empfunden."
Voriges Zitat
"Das ist natürlich kompletter Schwachsinn, eine Luftgitarre zu ersteigern, aber solche Absurditäten existieren nun mal."
Voriges Zitat"Es wird in dem Moment problematisch, wenn eBay mit chinesischen Produkten überschwemmt wird, und nur noch als billige Handelsplattform dient."
Beim Userview stellt ihr die Fragen. Wir kündigen euch einen Interview-Partner an - und dann seid ihr dran: Im Formular könnt ihre eure Fragen stellen (ohne Registrierung möglich) und die Fragen anderer Leser bewerten (erfordert Registrierung). Die besten 10 Fragen werden von uns im Interview gestellt und die beste Frage mit einem Preis honoriert. Das geführte Interview erscheint wenige Tage später exklusiv auf Planet Interview.
Wir behalten uns vor, beleidigende, rassistische oder sonstwie menschenverachtende Fragen kommentarlos zu löschen. Doppelte Fragen werden ebenfalls gelöscht.
Herr Vetter, wann haben Sie sich das erste Mal bei eBay eingeloggt?
Vetter: Das muss so vor vier Jahren gewesen sein. In dieser Zeit kamen Stefan Tolz und ich auch auf die Idee einen Film über eBay zu machen. Ich kannte mich damals nicht so besonders mit eBay aus. Es hat mich aber schon sehr beeindruckt, dass eBay mit den Jahren so eine erstaunliche Reichweite bekommen hatte, dass auf einmal weltweit Menschen miteinander handeln konnten. Dieses Phänomen wollten wir in dem Film dann auch behandeln. Ich hatte ja in den Jahren davor schon einige Wirtschaftsfilme, beispielsweise „Wo das Geld wächst- Die EM-TV-Story“, gemacht, weil es mich ganz einfach interessiert warum das Kaufen und Verkaufen so wichtig wurde in unserer Zeit, das Produzieren hingegen immer unwichtiger.
Was war der erste Artikel den Sie bei eBay ersteigert beziehungsweise versteigert haben?
Vetter: Ich glaube ich habe ein Mikrofon ersteigert und noch einiges Film- Equipment. Ich habe nie wirklich verrückte Dinge ersteigert und habe eBay auch zu keinem Zeitpunkt als Sucht empfunden. Es gibt ja Leute, die stöbern wahllos nach günstigen Auktionen und schlagen zu, auch wenn sie den Artikel eigentlich gar nicht brauchen; zu denen habe ich nie gehört. Wir haben uns bei unseren Film auch bewusst gegen diesen Aspekt entschieden. Wir wollten nicht zeigen, was man auf eBay alles verrücktes und absurdes ersteigern kann, sondern haben uns eher auf die Leute spezialisiert, die durch den eBay- Handel ihren Lebensunterhalt bestreiten beziehungsweise bestreiten wollen.
Trotzdem die Frage: Wie erklären Sie sich, dass man über eBay eine Luftgitarre versteigern kann und jemand dafür auch noch echtes Geld bezahlt?
Vetter: Weil unsere heutige Gesellschaft aus solchen Dingen besteht. Wir sind eine sehr satte Gesellschaft und versuchen uns durch solche Verrücktheiten unsere Kicks zu holen. Das ist natürlich kompletter Schwachsinn, eine Luftgitarre zu ersteigern, aber solche Absurditäten existieren nun mal und werden auch immer existieren. Es bleibt mir ja frei bei so etwas mitzumachen oder eben nicht.
Sind Sie während der Recherche zu „Traders’ Dreams“ auf Menschen gestoßen, die messie-artig ihre Wohnung mit eBay-Errungenschaften eindecken?
Vetter: Oh ja, da gab es einige! In England haben wir eine Frau getroffen, die gar nicht mehr wusste, wohin mit ihrem eBay-Zeugs, die war dann auch in psychologischer Behandlung. Wir mussten diese Geschichte dann aber fallen lassen, zugunsten einer schottischen Geschichte, die irgendwo im Niemandsland spielt, wo die ortsansässige Post nur deshalb überlebt, weil auf dieser Isle of Skye eben so viele Leute über eBay kaufen.
Es ist immer wieder zu hören, dass eBay süchtig machen kann, Wissenschaftler sehen hier mit Kaufsucht, Spielsucht und Internetsucht gleich mehrere Abhängigkeiten zusammenkommen. Wie beurteilen Sie das Suchtpotenzial von eBay?
Vetter: Für viele Menschen ist es ja schon zum Ritual geworden, morgens aufzustehen und als erstes nach den aktuellen Auktionen zu sehen. Einige stimmen sogar ihre Verabredungen mit Freunden mit den Auktionen ab, oder verlassen eine Party mit Freunden, um den Zuschlag für die ersehnte Ware zu kriegen. Das ist schon grenzwertig und für mich auch nicht wirklich nachvollziehbar. Aber ich denke, dass man nicht eBay für diese Verhaltensweisen verantwortlich machen kann. Die Menschen sind in diesem Sinne selber für ihr Verhalten verantwortlich, und auch alle erwachsen, denn unter 18 darf man ja gar nicht bei eBay handeln...
Wie stehen Sie, abgesehen vom Suchtaspekt, zum eBay-Konzept?
Vetter: eBay ist als eine Art Flohmarkt eine wunderbare Sache. Dass man dort auf einmal Sachen findet, nach denen man früher jahrelang suchen musste, ist fantastisch. Es wird für mich allerdings in dem Moment problematisch, wenn eBay mit chinesischen Produkten überschwemmt wird, und nur noch als billige Handelsplattform dient. Ich glaube nicht, dass eBay auf diese Art in Zukunft die Menschen glücklicher machen kann. Wenn es nur noch darum geht, 10-Cent-Produkte aus China zu versteigern, und der Wille zur Produktion eigener Waren gar nicht mehr existiert, ist das schon eine traurige Entwicklung.
In „Traders’ Dream“ zeigen Sie u.a. die Vasen-Produktion in Mata Ortiz/ Mexiko, wo fast 400 Töpfer ausschließlich für den Verkauf auf eBay produzieren. Für den eBay-Konzern ist dies ein Beispiel, wie eBay Menschen in der dritten Welt helfen kann – Sie zeigen allerdings auf, dass jene auf eBay angebotenen Vasen von US-amerikanischen Zwischenhändlern mit sehr großer Gewinnspanne verkauft werden.
Vetter: Wenn eBay propagiert, auf diesem Wege Menschen in der dritten Welt helfen zu können ist das sehr hoch gegriffen und entspricht nach meiner Einschätzung nicht den Tatsachen. Natürlich würden die Mexikaner in Mata Ortiz gerne unsere Hightech-Kultur nutzen, aber das geht nicht, weil in diesem Ort vor kurzem erst das Telefonnetz eingeführt wurde und diese Leute auch gar nicht gut genug Englisch sprechen, um sich bei eBay.com zu verständigen. Außerdem gibt es in diesem Ort auch keine Postzentrale, die die Ware fristgerecht liefern könnte.
Nun hat eBay immer wieder propagiert, man könnte sich als eBay –Anbieter den Traum von der Selbstständigkeit erfüllen. Wie sehen Sie die Chancen?
Vetter: Es stimmt nicht, dass jeder Mensch über eBay zum großen Reichtum gelangen kann. Wir porträtieren im Film ja die Familie Thurm aus dem sächsischen Borna bei Leipzig, die wirklich alles versucht um durch eBay aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen. Sie besuchen die eBay-University in Dresden, befolgen alle Ratschläge, die man ihnen gibt, und strengen sich wirklich an - und doch haben sie keinen Erfolg. Um auf eBay erfolgreich zu sein, muss man wie am Fließband funktionieren und den Markt ganz genau kennen. Wenn die Thurms in diesem einen Jahr, in dem wir sie begleitet haben, kein Hartz IV bekommen hätten, wären sie verhungert. Am Ende hat es bei Familie Thurm nach Hunderten von Auktionen nur für eine neue Digitalkamera gereicht.
Sie zeigen, wie die Familie bei eBay ein Weihnachtsfrau-Kostüm versteigern will, mit einem satten Startpreis von 50€. Möchte man da als Beobachter nicht aufspringen und sagen: „Ihr macht das gerade völlig falsch!“?
Vetter: Doch, immer wieder! Wir haben ihnen ja auch manchmal wirklich versucht zu helfen, und mitdiskutiert, wie man das mit den Auktionen jetzt am besten machen könnte. Letztendlich zeigt die Familie Thurm aber auch, wie man zusammen als Familie an etwas ganz fest glauben kann. Und sie strahlen sehr viel Ehrlichkeit aus. Du musst auf eBay ja auch ehrlich sein, wegen dem Bewertungssystem. Das ist auch sehr gut so, aber hintenrum werden natürlich trotzdem geheime Deals abgeschlossen, in dem sich Powerseller gegenseitig gute Bewertungen zuschieben. Da sind auch viele Tricks im Spiel. Herr Thurm allerdings hat diese Schlitzohrigkeit nur verbal. In die Realität könnte er das nicht umsetzen, eben weil er viel zu ehrlich ist. Er hat ja auch dreißig Jahre lang zu hören bekommen, dass der Kapitalismus etwas sehr schlechtes ist.
Das heißt, dass Menschen wie die Familie Thurm, die sich durch eBay eine neue Existenz erhoffen, letztendlich am System scheitern...
Vetter: Ja, so kann man das zusammenfassen. Auch die Arbeitsämter wollen sich durch eBay ihrer Probleme erleichtern und unterstützen die Teilnahme an eBay-Seminaren, weil sie hoffen, dass sie die Klienten so in die Selbstständigkeit bringen können. So funktioniert das aber nicht. Es sind nicht alle Menschen auf der Welt für die Selbstständigkeit geeignet, weil diese Art der Arbeit enorm viel Stress bedeutet. Man muss sehr viel aushalten können. Vom Marketing bis zu Rechtsfragen muss man alles selber managen. Und gerade bei eBay muss man auf die richtigen Formulierungen achten, die Rechtsgrundlagen verstehen, und im Zweifel auch dafür haften, wenn ein gelieferter Gegenstand nicht der Beschreibung entspricht. Es gibt Unternehmertypen, aber der Großteil der Menschen kann das eben nicht. Es können nicht auf einmal alle Menschen zu Händlern werden, weil es eben auch Leute geben muss, die produzieren. Vielleicht werden das auch die Leute vom Arbeitsamt irgendwann verstehen.
Sie haben für Trader’s Dreams auch verschiedene eBay-Veranstaltungen gefilmt – hat man Sie immer willkommen geheißen?
Vetter: Wir konnten am Ende zwar auf einer eBay-Convention in Kalifornien drehen, aber einen richtigen Zugang zum Hauptquartier haben wir nie bekommen. EBay hatte scheinbar große Angst sich dem Film gegenüber zu öffnen. Wir haben auch kein Interview mit dem Gründervater Pierre Omidyar bekommen, der uns von der ursprünglichen eBay-Idee hätte erzählen können.
Ganz anders hat sich da der chinesische Konkurrent alibaba.com verhalten. Wir durften deren Pressechef Porter Erisman bei seiner Arbeit bis ins Hotelzimmer begleiten und bei Meetings mit seinem Chef Jack Ma mit der Kamera dabei sein. So konnten wir höchst interessante Einblicke in das Firmenleben von alibaba.com erhalten.

Florian Opitz über Privatisierung, seinen Film "Der große Ausverkauf", Methoden und Grenzen des Dokumentarfilms und die Diskussion um Michael Moore

Journalist Christoph Schultheis und Journalist Stefan Niggemeier von BILDblog über Hintergründe und Wirkung ihrer täglichen BILD-Kritik, zunehmenden Widerstand und den Reiz für Journalisten, bei BILD zu arbeiten
Wie groß ist denn der Unterschied zwischen alibaba.com und eBay?
Vetter: Die Chinesen haben sicherlich nicht die bessere Firma, aber sie sind einfach noch jünger und risikofreudiger als die Leute bei eBay. Alibaba.com will natürlich genauso die Welt mit ihrem Portal erobern und führt demzufolge auch einen Krieg der Zahlen gegen eBay. Dass die Menschen in dieser Firma, allen voran der Chef Jack Ma, dabei sehr oft wahnsinnig kalt, berechnend und raffgierig wirken hat mich allerdings schon erschreckt.
Können Sie das erläutern?
Vetter: In gewisser Weise verkörpert alibaba.com diesen chinesischen Raubtier-Kapitalismus, so hat Yahoo allein eine Milliarde Dollar für 40% an diesem Portal gezahlt. Jack Ma hat uns beispielsweise erzählt, dass alle Mitarbeiter in seiner Firma einmal einen Handstand machen mussten, um die Welt von einer anderen Seite zu sehen oder dass alibaba.com mindestens drei Jahrhunderte existieren soll.
Inwiefern kann man das Verhalten von alibaba.com auf die chinesische Wirtschaft übertragen?
Vetter: Ich würde schon sagen, dass sich da viele Parallelen finden lassen, dass viele den Kapitalismus, den sie so lange entbehrt haben, jetzt in einer brutalen Art und Weise nachholen. Das ist ja auch deutlich im Film zu sehen, mit welchen aggressiven Mitteln die Mitarbeiter in den Call-Centern von alibaba.com versuchen, neue Kunden zu gewinnen. Da wird mit allen Tricks gearbeitet.
Was halten Sie als Dokumentarfilmer von einem konfrontativen Ansatz eines Michael Moore? Wäre das nicht auch was für „Trader’s Dreams“ gewesen?
Vetter: Ich finde die Filme von Michael Moore visuell und inhaltlich sehr spannend zu verfolgen. Allerdings habe ich bei Moore immer das Problem, dass er sehr einseitig an Probleme herangeht. Bei ihm kommen die Antagonisten immer nur als eine Art Karikatur zu Wort. Natürlich kann man in seinen Filmen eine politische Botschaft platzieren, aber dann sollte man auch der Gegenseite die faire Chance geben, Stellung zu den Vorwürfen zu beziehen. Unser Film hatte da einen ganz anderen Ansatz. Wir wollten einfach sehen, ob die eBay-Botschaften auch in der Wirklichkeit funktionieren, und haben uns eher auf die Nutzer als auf die Macher dieses Phänomens konzentriert. Im Gegensatz zu Michael Moore ging es bei uns ja auch nicht um Waffen oder Massaker, sondern eher um zwischenmenschliche Feinheiten und Probleme.
Wie hat eBay auf den fertigen Film reagiert?
Vetter: eBay hat nach der Sichtung des Films völlig dicht gemacht. Es ging uns aber eigentlich gar nicht darum, eBay anzugreifen. Aber wenn man z.B. auf einer „eBay-Live“-Convention beobachtet, wie die Menschen dort die Firmenphilosophien fast „indoktriniert“ bekommen, fängt man an, eBay auch kritisch zu sehen. Wir wollen dem Zuschauer da aber keine Meinung vorgeben, darum haben wir auch gänzlich auf eine Off-Stimme verzichtet.
EBay verfügt heute über mehr als 200 Millionen Nutzer weltweit. Wie sehen Sie die Zukunft des Konzerns?
Vetter: Ich glaube, dass eBay im Moment nicht mehr weiter wachsen wird und kann. Und ich habe das Gefühl, dass eBay auch von den eigenen Nutzern zunehmend kritischer gesehen wird. Eigentlich könnte man eBay ja nur wünschen, dass sie so groß bleiben, weil an dieser Firma auch viele Existenzen hängen, doch dazu müssten sie ihr verdientes Geld auch in eine Weiterentwicklung investieren, offener und kundenfreundlicher werden. Ich glaube nicht, dass sich die eBay-Nutzer diese Anonymität, der sie manchmal ausgesetzt sind, auf Dauer gefallen lassen. Wenn ein Konkurrent kommt, der offener ist, hat eBay meines Erachtens ein Problem.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=365 | © planet-interview.de | Foto: Piffl Medien
» Homosexuellenfeindliche Liedtexte dürfen wir genauso wenig akzeptieren wie antisemitische oder ausländerfeindliche Lieder.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
Sinéad O'Connor im Interview über ihr Album "How About I Be Me (And You Be You)" und den Arabischen Frühling VÖ: 05. April 2012
Eckart von Hirschhausen spricht über Liebesbeweise, Romantik, Sex, die Ehe und natürlich: das Glück. VÖ: April 2012
Der Graf von Unheilig über Auftritte in Hospizen, Argwohn gegenüber Literatur, sein Live-Verständnis und warum er fast alle Casting-Shows ablehnt VÖ: April 2012
Motsi Mabuse über „Let's Dance“, den Umgang mit ihrer Popularität, afrikanische Eigenschaften, das Klima für Einwanderer in Deutschland und Urlaub ohne Make-Up
Shirley Manson von Garbage über den Stand der Frau in der Popmusik, das Album „Not Your Kind Of People“, ihre Definition von Erfolg und ihren Hass auf Klischee-Liebe
Sönke Wortmann über seinen Film „Das Hochzeitsvideo“, Youtube-Ästhetik und warum er seine Filme nicht kostenlos im Internet sehen möchte