Der britische Komponist Michael Nyman über das Komponieren am Computer

© Perou / Warner Classics
Der Komponist Michael Nyman wurde am 23. März 1944 in London geboren. Er studierte Klavier und Musikgeschichte und begann Mitte der 60er zu komponieren. Eine Zeit lang arbeitete er auch als Musikwissenschaftler und Kritiker, wobei er wahrscheinlich als erster den Begriff "Minimal Music" verwendete. Nyman hat Kammermusik, Orchesterwerke, Opern und Filmmusik komponiert, zu seinen bekanntesten Soundtracks zählen "Das Piano" (Regie: Jane Campion) und "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" von Peter Greenaway, mit dem Nyman mehrfach zusammenarbeitete.

"Ich merke, dass ich musikalische Gedanken entwickle, die mir ohne den Computer wahrscheinlich nicht gekommen wären."
Voriges Zitat"Ich könnte Musik komponieren, die niemand spielen kann."
Voriges Zitat""
Beim Userview stellt ihr die Fragen. Wir kündigen euch einen Interview-Partner an - und dann seid ihr dran: Im Formular könnt ihre eure Fragen stellen (ohne Registrierung möglich) und die Fragen anderer Leser bewerten (erfordert Registrierung). Die besten 10 Fragen werden von uns im Interview gestellt und die beste Frage mit einem Preis honoriert. Das geführte Interview erscheint wenige Tage später exklusiv auf Planet Interview.
Wir behalten uns vor, beleidigende, rassistische oder sonstwie menschenverachtende Fragen kommentarlos zu löschen. Doppelte Fragen werden ebenfalls gelöscht.
Mr. Nyman, wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie ein neues Werk komponieren?
Nyman: Ich komponiere eigentlich schon immer am Klavier. Ich sitze mit Papier und Bleistift am Klavier, spiele, schreibe auf, ändere ... Immer öfter verbinde ich das Klavier heute aber auch mit dem Computer und spiele meine Ideen in den Computer hinein. Inzwischen gelingt mir das auch ganz gut, mein Violinkonzert zum Beispiel ist auch komplett am Computer entstanden.
Wie lange hat es denn gedauert, bis Sie die Musiksoftware einigermaßen verstanden haben?
Nyman: Oh, etwa 10 Jahre. Zuerst habe ich versucht, das Programm Cubase zu lernen, was ich aber irgendwann aufgegeben habe. Nun benutze ich Logic Audio, aber auch bei dem Programm habe ich lange Zeit einen Assistenten gebraucht, der mir half, diese neue Art des Komponierens zu begreifen und entsprechend zu nutzen.
Sie gelten als einer der wichtigsten Komponisten der Minimal Music, die ja insbesondere von repetitiven Elementen lebt. Ist nun die computer-basierte Arbeit für die Minimal Music besonders gut geeignet, da sich mit Funktionen wie Copy und Paste musikalische Phrasen in Sekundenschnelle reproduzieren lassen?
Nyman: Nein, das würde ich so nicht sagen. Copy und Paste ist ja etwas sehr Einfaches, dafür brauche nicht unbedingt einen Computer. Was ich aber am Computer schätze, ist die Möglichkeit, dass ich meine Ideen ganz normal am Klavier spielen kann, diese dann aber sofort auf dem Bildschirm als Noten sichtbar werden. Das ist für einen Komponisten eine große Stütze, denn so mancher musikalische Gedanke kommt dir ja erst während des Spielens und nicht, wenn du nur dasitzt mit Bleistift und Papier. Manchmal starte ich den Computer und fange einfach an zu spielen, ohne vorher eine bestimmte Idee zu haben.
Der Computer erleichtert es Ihnen also, neue Melodien zu erfinden?
Nyman: In gewisser Weise schon, ich merke, dass ich zum Teil musikalische Gedanken entwickle, die mir ohne den Computer wahrscheinlich nicht gekommen wären. Der Aufnahme-Prozess bei diesen Musikprogrammen ist einfach großartig, denn die Mehrspurigkeit gibt mir die Möglichkeit, erst eine Stimme einzuspielen, die ich dann im Hintergrund laufen lasse, um darüber eine weitere Stimme zu komponieren. Früher habe ich das alles am Klavier gemacht, also die eine vorhandene Stimme in der linken Hand gespielt und versucht, in der rechten Hand etwas dazuzukomponieren. Heute kann ich per Computer Melodien zusammenbringen, die weder rhythmisch noch harmonisch irgendeine Beziehung zueinander haben. Ich höre mir dann über das Musikprogramm an, wie die Stimmen zusammen klingen und dann verschiebe oder ändere ich Phrasen, je nachdem, wo es nötig ist.
Verleitet Sie so ein Musikprogramm mit seinen zahlreichen Funktionen nicht auch zu Spielereien?
Nyman: Ja, ich könnte zum Beispiel Musik komponieren, die niemand spielen kann. Als ich vor kurzem meine Musik zum amerikanischen Dokumentarfilm "Manhatta" geschrieben habe, da gab es eine Stimme, die ich recht langsam in den Computer gespielt habe. Nun lässt sich das Tempo am Computer ja sehr einfach variieren und als ich das Tempo von anfangs 80 auf 212 bpm beschleunigte, war ich einfach erstaunt, wie gut das mit den anderen Stimmen zusammen klang. Nur, das konnte eigentlich niemand so schnell spielen, zumindest nicht am Klavier. Daraus ist dann ein Bass-Part geworden und als wir das Stück später einmal in New York aufgeführt haben, meinte der Bassist zu mir, das wäre der faszinierendste Bass-Part, den er je gespielt hätte.

Komponist Philip Glass über das Komponieren, das Schreiben, über Hollywood-Komponisten, die nichts erfinden und über seinen Taxischein

Komponist Steve Reich über Kulturförderung in den USA, die Zukunft des Musiktheaters und Crossover

Der Komponist John Adams über Auftragswerke, Musiktechnologie, seine 'politischen' Opern, unkultivierte US-Politiker und sein Werk "On the Transmigration of Souls"
Komponieren Sie denn heute mehr, wo Sie den Computer als Schreibhilfe verwenden?
Nyman: Nein, ich benutze den Computer ja nicht als Vereinfachungsinstrument. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, dass meine Musik durch die Arbeit am Computer viel komplexer wird. Und ich glaube, wenn ich mich meine Fähigkeiten am Computer noch weiter entwickle, dann werde ich in ein paar Jahren sicher die verblüffendste Musik schreiben können, wie ich sie mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann.
Und schlechte Erfahrungen haben Sie mit dem Computer bisher nicht gemacht?
Nyman: Doch, natürlich stürzt so ein Ding auch manchmal ab, große Teile von Kompositionen sind mir dadurch schon verloren gegangen. Früher ist es mir auch oft passiert, dass ich Teile einer Komposition versehentlich selbst gelöscht habe. Manche Computerfehler können aber auch einfach brillant sein. Es ist beispielsweise schon mal vorgekommen, dass ich eine Melodie in mehreren Teilen hintereinander eingespielt habe, nur dass sie der Computer dann nicht hintereinander sondern teilweise übereinander notiert hat. Aber als ich mir das Resultat anhörte, merkte ich, das klingt fantastisch - und ich selbst wäre gar nicht auf diese Harmonien gekommen, die der Computer rein zufällig produziert hatte.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=584 | © planet-interview.de | Foto: Perou / Warner Classics
» Keith Richards kam in mein Studio, ist dort herumgelaufen und hat sich amüsiert. Er war guter Dinge, aber ihm Anweisungen zu geben wäre unmöglich gewesen. «
Rekord-Wolkenkratzer - Wann hat der Höhenrausch ein Ende? (04. Januar 2010)
Konsum oder Kirche - Wozu brauchen wir Weihnachten? (21. Dezember 2009)
Kann man Wachstum per Gesetz beschleunigen? (14. Dezember 2009)
Wer blockiert den Klimaschutz? (07. Dezember 2009)
Leben wir im Überwachungsstaat? (30. November 2009)Passauer Neue Presse 09.03.
stern.de 09.03.
Nürnberger Nachrichten 08.03.
taz 08.03.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 07.03.
Aam 15. und 16. März zeigt Sat1 den TV-Zweiteiler "Die Grenze", der die Fiktion der Abspaltung Mecklenburg-Vorpommerns von Deutschland durchspielt. Produziert hat den Film Nico Hofmann mit seiner Produktionsfirma TeamWorx. Wir sprachen mit Hofmann über sozialen Brennstoff in der Gesellschaft und sein Produzentenleben. VÖ: März
2010 feiert Peter Maffay 40-jähriges Bühnenjubiläum, passend dazu bekommt er den "Echo" für sein Lebenswerk. Im ausführlichen Interview spricht er über seine jüngste Arbeit mit Orchester, nächtliche Fitnessübungen, sein Verantwortungsgefühl und den Preis des Erfolgs. VÖ: März
Daddy G von Massive Attack spricht im Interview über das Verschwinden des Album-Konzepts, junge Fans und warum die Band heute immer weniger Samples benutzt. VÖ: März
Gisela Mayer über über den Tod ihrer Tochter Nina beim Amoklauf von Winnenden, den Täter Tim Kretschmer und einen Mangel an Empathiefähigkeit in der Gesellschaft
Gitarrist Pat Metheny über sein Orchestrion, den Jazz-Begriff und die Technik als Trampolin
Michael Gwisdek über Orte, die ihn geprägt haben, den Film "Boxhagener Patz" und warum er Beerdigungen meidet