18. Juli 2006
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Daniel Lorca von Nada Surf über den Hit „Popular“, Liebeskummer-Texte, ein bizzares Nada Surf-Drehbuch und was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen

© Emiliy Wilson, Carles Rodriguez / City S
Die US-amerikanische alternative Rockband Nada Surf gründete sich 1992 in New York. 1996 veröffentlichten Matthew Caws, Daniel Lorca und Ira Elliot ihr erstes Album "High/Low". Nach anfänglichen Problemen mit ihrer Plattenfirma stellten sich erste Erfolge ein. Mit dem 2002 erschienen Album "Let go" machten sie sich auch in Deutschland einen Namen und werden seither als Heroen der Indieszene gefeiert.

"Wenn du 20 bist, wurde dein Herz wahrscheinlich schon ein paar Mal gebrochen. Wenn du 30 bist, noch öfter. "
Voriges Zitat"Unsere Alben sind wie Kapitel in einem Buch."
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Daniel, lass uns bei „Popular“ anfangen, eurem Riesen-Hit vom ersten Album „High/Low“. Spielt ihr den Song noch auf Konzerten?
Lorca: Ja, warum nicht?
Vielleicht weil ihr ihn nicht mehr hören könnt?
Lorca: Nein, das ist okay.
Gibt es eine Geschichte hinter dem Song? Ist damals jemand von seiner Freundin verlassen worden?
Lorca: Nein, keiner von uns ist je von seiner Freundin verlassen worden (lacht). Okay, im Ernst: Der Song ist sehr böse. Er handelt davon, wie skrupellose Erwachsene Teenagern erzählen, wie die Menschen sind und wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollen. Sie geben ihnen schlechte Ratschläge und stellen es so dar, als wäre das was sie sagen der Heilige Grahl. „Popular“ ist natürlich komplett sarkastisch. Und die meisten Sätze darin stammen nicht von uns, sondern aus einem Lehrbuch. Worin Teenagern erklärt wird, wie sie dies und jenes machen sollen. Was wirklich total lächerlich ist.
Aber ihr habt daraus ein Lied gemacht.
Lorca: Ursprünglich war „Popular“ eher Performance-Art: Wir haben nur den Refrain gesungen, für die Strophen kam jemand aus dem Publikum auf die Bühne und hat aus dem Buch vorgelesen. Als wir es dann aufgenommen haben, sollte eine Freundin von uns den Text lesen, aber sie war nervös wegen der ganzen Aufnahme-Situation, hat zu viel getrunken und konnte es am Ende nicht mehr tun. Also ist Matthew eingesprungen. Eigentlich sollte der Text ohnehin nur im Hintergrund laufen und gar nicht zu verstehen sein. Aber Bryce Goggin – ein sehr guter Freund von uns und toller Produzent, der auch die ersten Alben von Pavement gemacht hat – hat es so grandios gemixt, dass man Matthews Stimme sehr gut hören konnte. Sie war klar und deutlich. Bryce fand es großartig und hat uns empfohlen, das so zu lassen. Was wir dann auch getan haben.
Ein Student in Wien hat seine Magisterarbeit über eure Songtexte geschrieben hat. Weißt du etwas darüber?
Lorca: Ja, ich kenne die Arbeit, ich habe auch Teile davon gelesen. Es ist eine obskure Geschichte, die zwar sehr ins Detail geht, aber in meinen Augen völlig verrückt ist. Der Typ hat alle Nada Surf-Texte analysiert. Aber keiner außer dem, der die Texte geschrieben hat, weiß, worum es in den Songs letzten Endes wirklich geht. Jeder andere kann sich nur seine eigene Vorstellung davon machen. Also ist auch diese Arbeit nur die Interpretation eines Einzelnen. Es ist interessant zu lesen, es ist lustig und ich könnte das auch meinen Eltern zeigen. In der Art: „Könnt ihr euch vorstellen, dass jemand über so ein Thema tatsächlich seinen Abschluss gemacht hat?“ Das ist doch Wahnsinn! (lacht) Aber der Typ ist nett und das Ganze ist in keiner Weise beängstigend. Im Gegensatz zu einer anderen Geschichte, bei der ich wirklich Schiss gekriegt hab. Es gibt eine Art Drehbuch, das darauf basiert, dass die Erzählerin eine Woche mit Nada Surf auf Tour ist. Das war wirklich erschreckend, das Unheimlichste, was ich je gelesen habe. Und ich hab nur ein paar Seiten davon gelesen.
War das Mädchen wirklich mit euch auf Tour?
Lorca: Ja, sie war mehrere Male mit uns unterwegs, im Bus und bei den Shows. Sie ist ein riesiger Fan von uns. Aber dieses Ding hat mir echt Angst gemacht.
Warum?
Lorca: Weil es die Realität mit absolut verrückter Fiktion mixt. Die zugleich aber wahr sein könnte. Stell dir vor, du kennst einen Filmregisseur und ihr steht euch ziemlich nahe, er weiß also wirklich viel über dich und dein Leben. Dann macht er einen Film, wo es total offensichtlich ist, dass es um dich geht. Er nimmt deinen Namen, er nimmt deinen Job, er nimmt eine Schauspielerin, die genau so aussieht wie du. Der einzige Unterschied ist, dass diese Person sich ihren Lebensunterhalt damit verdient, dass sie kleine Kinder umbringt. Oder dass sie einen Kinderhändler-Ring unterhält. Da fragst du dich doch: Was um alles in der Welt soll das? Der Fiktion-Part, wir nehmen mal an, dass das der Teil mit den Kindern ist, ist dann einfach sehr schlecht gewählt. Entweder beschreibt man die Realität oder nicht. Warum sollte man beides mischen? Denn für Außenstehende ist es sehr schwer zu sagen, was nun wahr ist und was ausgedacht. Vor allem für Leute, die dich zwar kennen, aber nicht so gut, dass sie das einschätzen könnten. Wenn die den Film sehen würden, würden sie dich für einen total durchgedrehten Menschen halten. Wohingegen du das in Wirklichkeit hoffentlich nicht bist.
Zurück zur Musik. Auf „The Weight Is A Gift“, eurem aktuellen Album, sind die Texte positiver als früher. Geht es euch heute besser?
Lorca: Ich würde nicht sagen, dass die Texte positiver sind. Sie sind einfach positiv. Unsere Alben sind wie Kapitel in einem Buch. Wir haben das erste Kapitel geschrieben und als wir das zweite Album aufnahmen, waren wir nicht mehr an demselben interessiert wie vorher. Wir wollten nicht das erste Kapitel noch mal schreiben – das hatten wir ja schon getan. Also war es Zeit weiter zu gehen und was anderes zu machen. Was uns hoffentlich gelungen ist. Zwischen den Alben „Let Go“ und „The Weight Is A Gift“ gibt es keine direkte Verbindung, aber doch eine enge Beziehung. Sie ähneln sich in ihrer Erzählart, gehören irgendwie zusammen. Zwischen unseren ersten beiden CDs, also „The Proximity Effect“ und „High/Low“, besteht dagegen ein riesiger Unterschied. Das war fast so, als hätte man in dem Buch völlig neue Charaktere erfunden.
Unglückliche Liebe ist eines der großen Themen in euren Songs. Habt ihr bzw. Matthew, der ja die meisten Texte schreibt, oft Liebeskummer?
Lorca: Er und wir alle sind wie jeder andere auch. Wenn du 20 bist, wurde dein Herz wahrscheinlich schon ein paar Mal gebrochen. Wenn du 30 bist, noch öfter. Das gehört zum Leben. Und alle unsere Songs sind über unser Leben. Alle Menschen brechen ständig dein Herz. Aber entscheidend ist nicht, ob es dir passiert. Entscheidend ist, ob du danach dein Herz verschließt, so dass es nie wieder gebrochen werden kann. Wenn man jemanden total liebt, kann man sich nicht vorstellen, je von dem anderen getrennt zu sein und ohne ihn weiterleben zu können, nach dem Motto: „Wenn wir uns trennen, werde ich sterben“. Und was passiert? Nichts. Wenn man sich trennt, lebt man trotzdem weiter. Man zieht sich wieder hoch und flickt sich zusammen. So funktioniert es halt.
Welche Musik hörst du in solchen Situationen?
Lorca: Das ist das Wunderschöne an Musik: Wenn du sehr traurig bist, kannst du sehr traurige Musik hören und fühlst dich danach besser. Ich höre dann zum Beispiel Nick Drake, Low, Elliot Smith, Leonhard Cohen. Aber auch rockigere Sachen eignen sich gut, zum Beispiel Sunny Day Real Estate oder alles von Blond Redhead. Die haben viele sehr traurige Songs. Vor allem ihr letztes Album „Misery Is A Butterfly“ ist unglaublich. So herzzerreißend, einfach großartig!
Schreibt Matthew alle Songs?
Lorca: Nein, nicht alle. Oft hat er auch nur eine Idee, die wir dann gemeinsam zu Ende entwickeln. Manche Songs dauern ewig. Zum Beispiel „Bad Best Friend“. Ira hat den Song gehasst. Matthew hatte eine genaue Vorstellung von den Drum-Parts, Ira fand die doof, Matthew wollte das Lied aber nicht ohne spielen. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich immer der Retter war. Wahrscheinlich fallen mir einfach nur Beispiele ein, bei denen Matthew und Ira sich gegenüber standen und nicht einigen konnten und ich eben derjenige war, der eine Lösung gefunden hat. In dem Fall hier jedenfalls hörten wir auf zu proben, die beiden sind heimgegangen, ich bin in den Supermarkt und hab mir einen Sixpack Bier geholt. Dann bin ich zurück in den Proberaum, hab die ganze Nacht gearbeitet und eine Million Bass-Läufe ausprobiert. Schließlich hab ich einen gefunden, der gepasst hat. Als Matthew am nächsten Morgen zurück kam, war ich total aufgeregt, hab ihm gesagt: 'Hey, ich glaub ich hab's!' Und so war's dann auch. Iras Part blieb genau gleich, aber durch die neue Bass-Linie hat es gepasst.
Wer entscheidet, wie ein Song am Ende aussieht?
Lorca: Unterschiedlich. Manchmal ist es ja auch so, dass Songs, die Matthew zu Hause auf seinem Bett schreibt, nicht zwingend mit der Band funktionieren müssen. Ein Beispiel ist „Blizzard of 77“. Wir waren im Logo in Hamburg und hatten schon zwei oder drei Zugaben gespielt, aber die Leute wollten uns einfach nicht gehen lassen. Der Song war damals noch gar nicht aufgenommen. Und dann passierte Folgendes: Unser Rowdie hatte schon begonnen, all unsere Sachen auseinander zu bauen, aber das Publikum hörte nicht auf, Zugabe zu rufen. Also kamen wir nochmal auf die Bühne, Matthew stöpselte seine Gitarre ein und wir sangen „Blizzard of 77“ – akustisch. Das war echt gut, einfach nur Gitarre und Gesang. Ein paar Abende später haben wir's nochmal gemacht, wieder als Zugabe und irgendwann wurde es zur Routine. Danach waren wir ziemlich angeschmiert, denn wir konnten den Song nicht mehr anders spielen. Wir haben es mal versucht, haben Bass und Drums drauf gepackt, aber es klang irgendwie falsch. Das Stück war schon fertig, so wie wir es bei den Konzerten gespielt hatten. Also nahmen wir es am Ende so auf.
Gibt es eigentlich einen Song, der eine besondere Bedeutung für euch hat?
Lorca: Ja. Alle Songs. Sonst wären sie nicht auf den Alben.
Dann habt ihr sicher auch kein Lieblingsalbum.
Lorca: Doch, natürlich haben wir ein Lieblingsalbum.
Das aktuelle?
Lorca: Nein, nicht das aktuelle. Das nächste!
Hast du eine Lieblingszeile in einem eurer Songs? In der Art: „Always chose love because hate will get you anytime“.
Lorca: Ich denke, unser aller Lieblingszeile von jedem Album ist der jeweilige Titel des Albums. Wie jetzt „The Weight Is A Gift“. Gewicht ist im übertragenen Sinne zu verstehen. Wenn dich was bedrückt, etwas, das dir wirklich sehr am Herzen liegt, entwickelst du dich weiter. Herausforderungen lassen dich reifen und wachsen. Wenn du dann aus so einer Situation raus kommst, hast du hoffentlich etwas dabei gelernt oder Energie gesammelt. Kräfte, von denen du vorher gar nicht wusstest, dass du sie besitzt. Die Last ist ein Geschenk, weil du durch sie raus gefunden hast, was du aushalten kannst.
Ihr seid jetzt alle um die 40. Geht ihr noch so oft auf Tour wie früher?
Lorca: Wenn wir früher in Europa getourt sind, war das immer für drei Monate. Das ist heute nicht mehr drin. Nicht, wenn wir das hier noch lange machen wollen. Wenn du jung bist, kümmert sich jeder um dich. Aber irgendwann während deiner Teenager-Zeit übernimmst du selbst Verantwortung, für dich und dein Leben – auch wenn manche das rausschieben, bis sie 40 sind.
Du machst das nicht?
Lorca: Nein. Ich stand schon mit 18 auf eigenen Beinen. Von dem Moment an, wo ich 18 wurde, hab ich keinen Penny mehr von meinen Eltern bekommen. Ich war komplett unabhängig und hab irgendwann angefangen, mich nicht nur um mich, sondern auch um andere zu kümmern. Freunde zum Beispiel. Wenn die dir wirklich nah sind, übernimmst du auch Verantwortung für die. Und wenn sie in der größten Scheiße sitzen – du hilfst ihnen. Dasselbe passiert mit deiner Familie, egal ob nach oben oder unten, ob du Kinder hast oder dich um Eltern oder Großeltern kümmerst. Das passiert automatisch, einfach weil du mehr Kniffe kennst und weißt, wie man gewisse Dinge geregelt kriegt. Vorher konntest du das noch nicht, dann hast du es ein paar Mal gemacht, wirst besser darin und irgendwann funktioniert es.
Verantwortung kommt mit dem Alter. Aber nicht in der Art: 'Hallo, hier bin ich, ich bin erfahrener als du, weil ich älter bin. Also sag ich dir, wie's geht!' So funktioniert es nicht. Es ist einfach eine völlig natürliche Entwicklung. Um die aber wirklich leben zu können, können wir nicht so lange weg sein. Beziehungen werden enger und stärker über die Jahre. Es ist das eine, mit 20 eine Freundin zu haben. Aber was völlig anderes, wenn du später eine hast, von der du wirklich denkst: 'Wow, von all den Frauen, die ich bisher getroffen habe, bin ich mit der einen zusammen, die mich wirklich kickt.' Deshalb musst du dich dann auch um die Beziehung kümmern und kannst nicht einfach für drei Monate abhauen und dann mal wieder zehn Tage da sein und von der Frau erwarten, dass sie mit dir zusammen ist. Wir alle versuchen so gut es geht, uns um unsere Familien zu kümmern. Und ich glaube, es läuft ganz gut. Am Anfang war es ein bisschen beängstigend, weil wir dachten, wir würden deshalb nicht mehr so viel auf Tour gehen können. Aber das ist zum Glück nicht passiert. Wir spielen sogar fast so viele Konzerte wie früher, nur sind wir nicht mehr so lange am Stück von zu Hause weg. Dadurch hat sich unsere Lebensqualität enorm verbessert.
Wie viele Tage im Jahr seid ihr denn unterwegs?
Lorca: Für „Let Go“ waren wir verdammte zwanzig Monate auf Tour. Nicht hintereinander natürlich, aber wenn du drei Monate weg bist, dann zwei Wochen zu Hause und dann wieder drei Monate unterwegs – wie lange warst du auf Tour? Mal zehn Tage hier oder eine Woche da macht keinen Unterschied. Nicht mal ein ganzer Monat reicht aus, um dich wieder in dein normales Leben zurückzubringen. Es ist eher wie eine Pause von deinem jetzigen normalen Leben. Das darin besteht, eben nicht zu Hause zu sein. Aber das versuchen wir ja gerade zu ändern.
Ist euer Publikum in Europa anders als in Amerika, jünger, älter?
Lorca: Ich bin wirklich der Letzte, den man nach so was fragen sollte. Denn ich verallgemeinere nicht, im allgemeinen (grinst). Was ich aber schon sagen kann, ist, dass wir bekannter in Washington State sind als in Florida. Ansonsten sind unsere größten Shows in Amerika so groß wie unsere größten in Europa. Unsere besten Fans in Amerika sind wie unsere besten Fans in Europa. Und die wirklich schlimmen Fans sind genauso schlimm wie die schlimmen in Amerika. Oder sagen wir besser in Iowa.
Lebt ihr eigentlich von eurer Musik?
Lorca: Wir haben keine anderen Jobs. Aber die Band ist ja schon ein riesiger Job, sie ist alles! Sie beinhaltet Grafik, Computer-Kram, Produktion, Vorproduktion, Logistik. Wir sind Reisebüromitarbeiter und Dichter. Es ist so umfassend! Und wir können davon leben. Wir haben zwar nicht mega viel Geld, so dass wir uns alle Häuser kaufen könnten. Aber wir haben genug, um nicht noch woanders arbeiten zu müssen. Bevor „Let Go“ rauskam, war das noch anders. Wegen den ganzen Problemen mit Elektro, unserem vorherigen Label, konnten wir „The Proximity Effect“ nicht veröffentlichen. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis wir das Album zurückbekamen. In der Zeit hat zum Beispiel Matthew in einer Plattenfirma gearbeitet, ich hab programmiert.
Ohne Nada Surf – gäbe es eine Band, in der du gern spielen würdest?
Lorca: Nein. Wenn ich nicht bei Nada Surf wäre, hätte ich jetzt wahrscheinlich schon mein Restaurant eröffnet – auf einer wunderschönen einsamen Insel. Ich hätte in den vergangenen zehn Jahren so viel mit Programmieren verdient, dass ich genug Geld hätte, das zu machen. Weißt du, ich liebe Musik und ich würde auch immer Musik machen, aber auf Tour sein und überhaupt in einer Band zu spielen ist eigentlich ziemlich anstrengend. Das ist es nicht für uns, aber nur weil wir sehr viel Glück haben. Wir drei verstehen uns so gut, wir lieben einander und unterstützen uns. Aber das gibt es selten. Ich würde noch nicht mal versuchen wollen, mit jemand anderem in einer Band zu spielen! Es gibt Millionen anderer Dinge, bei denen mehr Geld rausspringt und die einfacher sind. Die Antwort ist also ein klares Nein.
Wie sieht euer Plan für die Zukunft aus?
Lorca: Wir werden nicht unser ganzes Leben lang touren, weil wir da einfach keine Lust drauf haben. Aber es gibt ja noch viele andere Dinge, die mit Musik zu tun haben. Zum Beispiel wollen wir auf jeden Fall ein Label gründen. Eigentlich haben wir das schon gemacht, nur haben wir überhaupt keine Zeit dafür. Aber eines Tages werden wir die Zeit haben. Und dann Alben von Bands, die wir gut finden, rausbringen. Aber dafür braucht man jede Menge Zeit. Wenn man es gut machen will, muss man es selbst tun. Aber man kann nicht auf Tour sein und sich gleichzeitig darum kümmern. Wenn wir also irgendwann den Fokus ein bisschen von Nada Surf wegnehmen werden, werden wir uns anderen Aspekten von Musik zuwenden.
Ein anderer großer Wunsch von uns ist es, andere Bands zu produzieren und großartige Alben mit ihnen aufzunehmen. Ich meinte mal zu Matthew: 'Lass uns nach Paris ziehen, ein hübsches Appartement mieten mit zwei großen Zimmern, ein weiteres Zimmer mit einem kleinen Home-Studio und dann leben wir einfach ein paar Jahre in Paris und nehmen alle drei Monate ein Album auf und gehen irgendwann zurück.' Matthew war total angetan von der Idee.
Wieso ausgerechnet Paris?
Lorca: Paris ist eine wunderschöne Stadt. Und es gibt sehr viel Musik in Frankreich. Frankreich ist eines der Länder in Europa, wo noch mit am meisten CDs verkauft werden. Du könntest in Spanien keine CD verkaufen. Die Leute würden sie nicht mal dann nehmen, wenn du sie ihnen schenkst. In Frankreich ist das anders. Die Franzosen interessieren sich extrem für Musik, es gibt eine sehr lebendige Musik-Szene und viele gute einheimische Bands. Und wir, also Nada Surf, sind in Frankreich zum Beispiel bekannter als in Italien. Wenn wir nach Rom ziehen würden, gäbe es bestimmt nicht viele Leute, die uns bitten würden, ihr Album aufzunehmen. In Frankreich schon.
Und in Deutschland?
Lorca: Deutschland befindet sich in der Mitte. Aber da ich kein Deutsch kann, wäre das schwierig. Französisch sprechen wir dagegen beide. Deshalb wäre es für uns total leicht, nach Frankreich zu ziehen. Ich hab das mit der Sprache vorhin nicht erwähnt, weil es für mich so selbstverständlich ist.
Noch ein Satz zu eurem Band-Namen. Ich hab so viele unterschiedliche Übersetzungen gelesen. Was bedeutet Nada Surf denn nun wirklich?
Lorca: Welche hat dir am besten gefallen?
Ehrlich gesagt, hab ich die meisten überhaupt nicht verstanden.
Lorca: Es bedeutet: surfing on nothing. Wenn nichts da ist, was dich trägt und du aber trotzdem nicht sinkst oder fällst, dann surfst du auf der Leere, auf dem Nichts. Du schaffst es, du kommst darüber hinweg und alles wird gut.
Ein schöner Fast-Schluss-Satz. Aber was noch fehlt, ist unsere Schluss-Frage: Das Leben ist ein Comic, welche Figur bist du?
Lorca: Ich schätze, ich bin „Daniel el Travieso“. Im Englischen heißt er „Dennis the Menace“ und es müsste auch einen deutschen geben („Dennis, die Nervensäge“). Er ist der Junge, der immer in Schwierigkeiten ist. Und er veräppelt andere. So bin ich heute zwar nicht mehr, aber ich war so als kleiner Junge.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=392 | © planet-interview.de | Foto: Emiliy Wilson, Carles Rodriguez / City S
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Welt Online 01.04.
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