29. September 2006
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Schauspielerin Natalia Wörner über Mutterglück, Erziehung, ihre eigene Schulzeit und wie sie Familie und Beruf unter einen Hut kriegt

© ZDF / Sandra Höver
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Frau Wörner, vor kurzem waren Sie in der TV-Komödie „Der beste Lehrer der Welt“ zu sehen. Drehen Sie gerne Komödien?
Wörner: Ich persönlich liebe Komödien. Ich würde viel lieber mehr Komödien drehen. Ein gut sitzendes Buch ist bei einer Komödie mehr noch wie bei anderen Filmen die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen. Ein Buch, das Inhalte hat. Ein Buch, dass Situationen komödiantisch so zuspitzen kann, dass man den Boden unter den Füssen verliert.
In dem Film ging es um den PISA-Test, der in Deutschland zu einem regelrechten PISA-Schock geführt hat. Wurde Ihrer Meinung nach genug getan, um die Situation zu ändern?
Wörner: Nein! Ich habe das Gefühl, dass nichts passiert ist, seit dem es diese Studie gibt. Das erstaunt mich. Die Resultate stehen da irgendwo traurig in der Gegend rum, aber es wurden keine Konsequenzen gezogen. Da das Bildungssystem Ländersache ist, müssten wir doch einmal analysieren, was macht jedes einzelne Bundesland. Welche Ziele haben die, welche Ergebnisse werden erreicht und was ist eigentlich geschehen in den vergangenen vier Jahren, in denen es die Studie jetzt gibt.
Nun, es gab zu dem Thema eine grosse Debatte...
Wörner: Ich sehe, dass alle jammern und klagen. Das Land der Denker und Dichter. Und jetzt sind wir alle halbe Analphabeten. Man muss doch eine Struktur schaffen und Beschlüsse in die Tat umsetzen, aber scheinbar findet das nicht statt.
In einer Veröffentlichung des Bundesministerium für Bildung und Forschung heißt es, wir brauchen u.a. eine bessere Kinderbetreuung und frühkindliche Erziehung für bessere Ergebnisse in den Schulen. Erziehen die Deutschen ihre Kinder falsch?
Wörner: Ich bin nicht diejenige, die diese Frage beantworten kann. Ich weiß nicht, wie die Deutschen, die Franzosen, die Engländer ihre Kinder erziehen. Ich weiß nur, dass es bestimmte staatliche Hilfestellung gibt, zum Beispiel in Frankreich, die den Alltag für Familien anders gestalten.
Was meinen Sie genau?
Wörner: In Frankreich gibt es, wie wir wissen, Einrichtungen schon für kleine Kinder, so dass die Eltern dort ihre Kinder schon nach wenigen Wochen nach der Geburt unterbringen können und wieder in den Beruf einsteigen dürfen, ohne dabei gesellschaftlich ein schlechtes Gewissen zu haben. Hier ist es ein wahnsinniges Theater überhaupt einen Platz in der Kita zu finden.
Ich bin keine Politikerin, aber ich sehe, dass bei uns viele Institutionen fehlen. Das Leben mit Kindern wird einem in diesem Land nicht unbedingt einfach gemacht. Und es fehlt an Haltung.
An Haltung?
Wörner: Wir müssen nicht wie vor 50 Jahren diskutieren, ob eine Frau arbeiten darf und trotzdem eine gute Mutter sein kann. Jetzt gibt es auch noch „Kollegen“, die darüber Bücher schreiben – das ist lächerlich (Diskussion um Eva Herrmann – Anm. d. Red.). Es hilft der Sache nicht. Es hilft niemandem. Das gilt es zu verändern. Wir müssen die Fehlleistungen suchen, die auch der Staat nicht gebracht hat. Der Staat muss Familien unterstützen und fördern.
Die Aufgaben der Schulen haben sich in den letzten Jahren scheinbar geändert. Was sollen die Schüler Ihrer Meinung nach in den Schulen heute lernen?
Wörner: Natürlich möchte man eine umfassende Bildung haben, eine schulische Entwicklung, die nicht nur reine Wissensabfrage und Leistungsdruck bedeutet. Man möchte, dass die Kinder lernen und wissen, dass die Schulzeit ein Fundament für das Leben darstellt.
In „Der beste Lehrer der Welt“ will der gestresste Lehrer Gustav Kilian (Uwe Ochsenknecht) das Schreiben von Lernstandsprüfungen vermeiden. Was halten Sie davon?
Wörner: Ich halte nichts von den Systemen wie die der Waldorfschulen, wo den Kindern Realität teilweise entzogen wird. Und dann werden die Kinder unvorbereitet mit 18 oder 19 Jahren mit einer Härte konfrontiert und einem Leistungsdruck, der nun mal unserem Alltag entspricht. Das ist nicht die Lösung. Die Lösung liegt in der Mitte.
Der berühmte Mittelweg?
Wörner: Ich glaube, dass man nicht darum herumkommt, Leistung zu erlernen und es lernt einen gewissen Leistungsdruck aushalten zu können. Dem Kind muss aber vor allem durch das spielerische Lernen die kreative Seite gefördert werden. Das ist eigentlich der Wunsch aller Eltern – dass man beides integrieren kann. Ich kenne bisher keine Schule, die diese Form ideal umsetzt.
Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?
Wörner: Ich kenne das als Leidtragende. Ich habe mich immer unwohl gefühlt und habe eine Art schulische Heimat gesucht, die ich aber nie gefunden habe. Ich hatte sehr häufig die Schule gewechselt und war so auf vier verschiedenen Gymnasien, ohne dass es zum Beispiel durch Wohnortwechsel eine wirkliche Notwendigkeit gab.
Sie sagten in einem Interview, dass sie eine „freie Erziehung“ genossen haben. Was bedeutet das für Sie, eine „freie“ Erziehung?
Wörner: Ich bin mit meiner Mutter aufgewachsen. Sie war als Lehrerin berufstätig. Bei uns gab es weniger Strukturen und Regelmäßigkeiten. Es fehlten die üblichen Tages- abläufe – z.B. hatten wir keine festen Essenzeiten und keine festen Zeiten, um zu Bett zu gehen. Das war ein richtiger „Pippi-Langstrumpf-Haushalt“. Als Kind liebt man das. Und gleichermaßen habe ich auch bestimmte Sachen vermisst. Man ist als Kind ja doch konservativer als man als Erwachsener wahrhaben möchte.
Im April 2006 kam ihr Sohn Jacob Lee zur Welt. Wie wollen Sie ihn fördern?
Wörner: Grundsätzlich gesagt, es ist ganz wichtig, die Stärken zu fördern und die Schwächen zu stützen. Das gilt für jeden Bereich. Ob Wissenschaft oder kreative Bereiche.
Ich selbst werde die nächsten Jahre damit verbringen, mein Kind zu beobachten. Ich möchte erkennen, wo sind die Interessen, wo sind die Leidenschaften, wo ist vielleicht sogar ein Talent?
Wie wollen Sie Beruf und Familie vereinen?
Wörner: Das fängt jetzt erst gerade an. Ich bin dabei die ersten Tastversuche zu machen, das zu vereinen. Nun habe ich einen Beruf, der mir Flexibilität gibt, der mir die Möglichkeit gibt, Inseln zu schaffen.
Viele berufstätige Mütter haben ständig ein schlechtes Gewissen für die Zeiten, in denen das Kind von anderen Menschen betreut wird.
Wörner: Wenn ich bald auf Dreharbeiten bin, dann werde ich die Betreuung viel streckenweise an ein Kindermädchen abgeben. Wenn der Vater nicht verfügbar ist, dann werde ich, wie andere Frauen auch, mein Kind also – wenn sie so wollen – in fremde Hände geben. Wenn der Film dann abgedreht ist, habe ich dafür, als Schauspielerin, sehr viel mehr Zeit, die ich intensiv mit meinem Kind verbringen kann.
Da haben Sie als Schauspielerin bestimmte Vorteile...
Wörner: Das stimmt, ich habe keinen nine to five job! Ich habe extreme Arbeitsphasen und dann wieder relativ viel freie Zeit.
Wollen Sie Ihre Arbeit für das Kind einschränken?
Wörner: Ich freue mich jetzt sehr, wieder zu arbeiten. Es wird natürlich anders werden. Es gibt in meinem Beruf keinen Masterplan, keine Sicherheit über die Rollen der nächsten zwei oder drei Jahre. Und da wird es mit Sicherheit auch Situationen mit Konfliktpotential geben.
Was meinen Sie mit Konfliktpotential?
Wörner: Es wird Situationen geben, an denen ich mich entscheiden muss: Dreh ich oder dreh ich nicht! Was mache ich, wenn mein Kind plötzlich krank werden sollte, aber all diese Probleme haben wahrscheinlich alle Mütter (lacht)!
Frau Wörner, was ist Glück?
Wörner: Uiihh.
Sie haben auf diese Frage schon einmal geantwortet, allerdings in engen Zusammenhang zu einem Fernsehfilm. Daher die Frage nach dem Glück generell – gerade jetzt mit dem Kind?
Wörner: Na ja, das ist der Moment. Der Moment ist das Wunder der Wunder. Ein Kind legt dir das derart offensichtlich vor die Füße. Der Moment ist das Glück. Jetzt. Das, was im Moment passiert. Und man muss den Moment genießen und leben und zwar ohne Einschränkungen. Jeder, der ein Kind hat, weiß, was das bedeutet. Man schaut sich ein lachendes Gesicht an und das ist das Glück.
Unsere Schlussfrage: Das Leben ist ein Comic - welche Figur sind Sie?
Wörner: Ich habe mich mit Mogli aus dem Dschungelbuch immer identifiziert. Mogli wächst auf in einer Form von Anarchie und Fremdheit und gleichzeitig mit einer großen Lust am Leben. Da finde ich Parallelen zu mir.
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=333 | © planet-interview.de | Foto: ZDF / Sandra Höver
» Geben Sie mir ein Klavier, einen guten Sänger – dann bin ich glücklich. Vielleicht noch eine gute Flasche Wein dazu.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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