08. Januar 2001
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Peter Plate von Rosenstolz über Frankreich, Schubladendenken und seine Abneigung, 'Kult' zu sein

© Maika Gregori
Sängerin AnNa R. und Sänger und Songwriter Peter Plate bilden das 1991 in Berlin-Friedrichshain gegründete Pop-Duo Rosenstolz. Die oft mehrdeutigen Texte des 1967 gebohrenen Peter Plate provozieren und brechen Tabus. Dies jedoch verhalf der Band zunächst zu großem Erfolg in der Homoszene und später zum großen Durchbruch.

"Berlin ist meine Heimat und ich liebe Berlin, weil sich hier alles so verändert, ich liebe einfach den Wandel. "
Voriges Zitat"Liebe ist eigentlich schon ein schönes Wort und man sollte einfach versuchen es doch mal zu verwenden."
Voriges Zitat""
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Als wir für das Interview im Netz recherchiert haben, haben wir enorm viele Interviews gefunden, welche Frage kommt denn am häufigsten?
Plate: [lacht] Ganz eindeutig die, wie wir uns kennen gelernt haben!!
Das weiß ja sowieso jeder! Jetzt wo das neue Jahr gerade begonnen hat, habt Ihr irgendwelche Vorsätze gefasst?
Plate: Nein, Vorsätze direkt nicht, aber Pläne haben wir natürlich schon. Im März kommt die neue Single: "Divendoppel". Das sind Duette mit Nina Hagen und Marc Almond, "Zwei-Raum-Wohnung" von Inga Humpe und zwei französische Versionen unserer Songs. Dann erscheint im Herbst ein neues Studioalbum - eine kleine Überraschung - und dann gehen wir wieder auf Tour. Viele Pläne, aber eigentlich keine direkten Vorsätze.
Wie seid Ihr denn auf die Idee gekommen französische Songs aufzunehmen? Ist das die Liebe zur französischen Sprache, oder gibt es konkrete Pläne in Frankreich eine CD zu veröffentlichen?
Plate: Ganz ursprünglich war das wohl, weil alle Leute die meine Kompositionen gehört haben, immer gesagt haben, das sei ja alles sehr französisch. Und zudem liebe ich einfach französische Musik, Mylène Farmer zum Beispiel. Wir haben mal ein paar Titel nach Frankreich geschickt und die Leute scheinen auch Interesse zu haben, aber in erster Linie machen wir das aus Spaß. Wir haben auch noch keinen Vertrag. Das Problem ist, dass deutsche Künstler es im Ausland immer superschwer haben. Deutsche Musik hat im Ausland generell nicht so ein hohes 'standing' und von daher machen wir das nun auf eigenes Risiko. Wenn es klappt ist es gut, wenn nicht hatten wir trotzdem unseren Spaß. Wir wollen aber sowieso ein ganzes Album auf Französisch machen, ob das nun in Frankreich veröffentlicht wird oder nicht. Es ist einfach ein falscher Ansatz zu sagen, man möchte etwas für den französischen Markt produzieren, nur weil man da auch noch etwas verdienen kann.
Auf Eurer letzten Tour hattet Ihr nur ein einziges Konzert in Österreich, wieso nicht mehr?
Plate: Also, an dieser Stelle möchte ich erst mal alle österreichischen Internet-User ganz herzlich grüßen. Wir würden natürlich liebend gerne mehr Konzerte machen. Es ist aber nun mal mittlerweile so, dass wir auf Tour eine Crew von 18 Leuten dabeihaben für Lichtshow, unsere Bühne etc., das ist in Österreich einfach noch nicht finanzierbar. Dieser eine Auftritt in Wien war dann auch in einem Club, in dem wir deren Lichtanlage und deren Bühne benutzt haben. Ein Konzert rechnet sich erst ab etwa 1000 Zuschauern, in Wien waren es dann immerhin überraschenderweise 600, was uns natürlich richtig gefreut hat.
Dafür habt Ihr in Berlin sogar fünfmal die Columbiahalle vollbekommen, war das nicht ein tolles Gefühl?
Plate: Ja, natürlich, das war enorm. Das war extrem anstrengend, aber wir wollten mit Rosenstolz nun mal nicht vor 10000 Zuschauern auf einmal spielen. Das passt nicht zu uns. Und die Fans haben ja auch nichts mehr davon, wenn sie dich nur noch als kleines Männchen irgendwo ganz weit weg sehen, irre viel Geld bezahlen ohne die Show richtig mitzubekommen. Von daher treten wir lieber öfter auf als einmal so eine Massenveranstaltung durchzuziehen. Nur Open Air-Konzerte wären eine Ausnahme, aber zum Beispiel im Berliner Velodrom aufzutreten, das ist einfach blöd.
In Berlin fühlst Du Dich wohl?
Plate: Auf jeden Fall, Berlin ist meine Heimat und ich liebe Berlin, weil sich hier alles so verändert, ich liebe einfach den Wandel.
Ganz am Anfang von Rosenstolz entstand eine riesengroße Fangemeinde gerade in Homosexuellen-Kreisen. Wie erklärt Ihr Euch das?
Plate: Ich glaube es hat gerade in der Szene so gut funktioniert, weil eben nie Kalkül dahinter steckte. Und es liegt natürlich daran, dass ich schwul bin und uns von daher nur bestimmte Hallen angeboten wurden, niemand anderes wollte uns vorher haben [lacht]. Und jetzt ist es ja nicht so, dass keine Schwulen oder Lesben mehr kommen würden, es hat sich nun einfach vermehrt. Ich finde das gut, denn das Leben ist ja bunt. Aber es ist ja nicht so, dass wir schwule Musik machen, was wäre denn das überhaupt? Es gibt ja auch keine Hetero-Musik.
Aber es gibt zum Beispiel Klassik-CDs mit Werken ausschließlich schwuler Komponisten, Tschaikowsky, Britten...
Plate: ... fragt sich nur, was die davon gehalten hätten. Dieses Schubladendenken finde ich absolut blöd.
Apropos Schubladendenken: Ihr habt ja schon öfter Probleme damit gehabt, dass Eure Musik vor allem von Radiostationen als 'formatuntauglich' bezeichnet wird. Seid Ihr stolz darauf, so einen ganz eigenen Stil zu haben?
Plate: Eigentlich macht mich das eher wütend, weil ich es einfach nicht verstehen kann. Ich finde es schade, dass Rosenstolz kaum im Radio läuft und sich Sender wie Energy oder RTL weigern, uns zu spielen. Zum Beispiel der "Hochzeitssong", verkaufszahlenmäßig - eigentlich hasse ich es, in Zahlen zu reden - war das unser drittgrößter Hit aber radiomäßig unser größter Flop. Der war im Radio praktisch nicht existent...
...vor allem auch aufgrund seines Textes. Glaubst Du, an dieser Sendepolitik wird sich in naher Zukunft etwas ändern?
Plate: Ich bin ein optimistischer Mensch, von daher gebe ich die Hoffnung nicht auf. Aber selbst wenn sich nichts ändert werden wir trotzdem immer weiter solche Texte machen.
In Deutschland seid Ihr vielen Leuten erst durch den Grand Prix mit "Herzensschöner" bekannt geworden. Hat sich dadurch etwas verändert?
Plate: Erst mal hoffe ich, dass sich jeder Mensch weiterentwickelt und von daher gehe ich auch davon aus, dass wir uns weiterentwickelt haben, aber speziell der Grand Prix war natürlich eine wichtige Sache für Rosenstolz, weil wir praktisch über Nacht viel mehr Leuten ein Begriff waren. Die Sendung wurde von etwa10 Millionen Menschen gesehen, das war schon Wahnsinn, auch wenn es sich musikalisch nicht direkt gelohnt hat. Es kamen danach mehr Leute zu den Konzerten, unsere Bühnenshow wurde größer und wir hatten insgesamt mehr Möglichkeiten.
Wenn man beim Grand Prix an Guildo Horn, Stefan Raab oder dieses Jahr Zlatko denkt - in diese Reihe passt Ihr eher nicht, vom Schlager distanziert Ihr Euch ja absolut. Warum eigentlich?
Plate: Ich hasse Schlager! Also, ich liebe Pop-Musik und hasse Schlager. Obwohl die Gratwanderung natürlich ziemlich eng ist. Und es wird immer Leute geben, die denken Rosenstolz ist Schlager, und bitte, die sollen das ruhig denken, da habe ich auch keine Lust mehr drüber zu diskutieren. Aber für mich ist Schlager einfach immer heile Welt, Herz-Schmerz, eine einsame Insel im Meer der Träume, alles irgendwie 08/15. Ich finde das zu dünn, die Produktion und die Texte sind einfach zu billig gemacht.
Einen Auftritt in der Hitparade hattet Ihr ja schon.
Plate: Ja klar, aber die Hitparade war dreißig Jahre lang Synonym für deutsche Musik, nicht unbedingt nur für Schlager und auch Nena war mit "99 Luftballons" dabei. Damit können wir uns auch identifizieren.

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Du bist selbst ein Fan von Dancefloormusik und Produzenten wie William Orbit. Wird Rosenstolz eine ähnliche Richtung einschlagen und sich möglicherweise gewissen Dance-Trends anpassen?
Plate: Nein, das auf keinen Fall. Wenn wir immer auf das gehört hätten, was aus der Industrie gekommen ist, dann wären wir nicht mehr wir selbst. Unsere Stärke liegt vor allem in den Balladen, das waren unsere größten Erfolge. Und auch mit "Amo Vitam" haben wir im Grunde bewiesen, das wir uns an kein Schema halten. Allein die Vorstellung, dass wir uns als Band, die für ihre deutschen Texte bekannt ist, mit einem Song zurückgemeldet haben, der auf Latein gesungen wird - da haben alle die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, und einen Flop prophezeit. Aber letztendlich wurde es unser größter Hit.
Rosenstolz - 10 Jahre alt oder 10 Jahre jung?
Plate: [lacht] Hmm, ich möchte anders antworten. Ich würde sagen: immer noch am Anfang. Denn wir haben immer noch Spaß. Zum Glück haben wir mittlerweile die Möglichkeit, aufzuhören, wenn wir keinen Spaß mehr haben. Aber es macht halt noch Spaß und deshalb könnte ich auch sagen, 10 Jahre jung. Ich freue mich einfach auf die nächsten 10 Jahre!
Viele bezeichnen Rosenstolz als eine Kultband, aber Ihr nehmt von so einer Bezeichnung eher Abstand, warum?
Plate: Ich habe einfach große Probleme mit dem Wort 'Kult'. Das erste Mal, dass dieser Begriff im Zusammenhang mit uns aufgetaucht ist, war ein halbes Jahr nach unserer Gründung. Und jetzt ist sogar Zlatko Kult, dieser Begriff wird einfach absolut inflationär benutzt und ist mit Vorsicht zu genießen. Außerdem ist es glaube ich auch sehr problematisch, wenn man sich selbst als Kult bezeichnet, das wäre ziemlich vermessen. Wenn man wirklich dauerhaft Erfolg haben will, darf man sich auch nicht irgendwo aufschwingen. Als damals der Grand Prix gewesen war, haben wir uns bewusst nicht auf diesen Guildo-Horn-Zug aufgeschmissen. Wir sind nicht auf Samplern und dergleichen vertreten gewesen, wir haben alles abgelehnt, da abzusehen war, dass dieser Hype irgendwann enden würde. Um dauerhaft Erfolg zu haben muss man sich auch mal rar machen und sich nicht dauerhaft präsentieren. Wer gut ist kommt schon wieder.
Momentan arbeitet Ihr auch mit Kim Fischer zusammen, wie kam es dazu?
Plate: Das ist eigentlich ganz simpel. Wir haben Kim Fischer mal auf einer Party getroffen und haben uns auf Anhieb gut verstanden, es hat halt irgendwie menschlich alles hingehauen. Jetzt wird sie demnächst ihre neue Cd veröffentlichen, ein wenig frecher als vorher, und da haben mein Freund und ich ihr zwei Songs geschrieben! Ich finde sie ganz toll und bin gespannt!
Eure Texte gelten ja allgemein als autobiographisch. Nun gab es einige Stimmen, die beim letzten Album "Kassengift" kritisiert haben, alles sei so trist, so einsam, traurig. Da drängt sich ja die Frage auf, geht es Euch wieder besser?
Plate: [lacht] Gute Frage... Im Moment geht es mir sehr gut. Das ist eben das Gute an Rosenstolz, wir müssen nicht daran denken einen Hit zu produzieren, sondern unsere Songs sind jedes mal wie ein Tagebuch der letzten Monate. Es ging uns nicht wirklich schlecht, aber es gab schon einen großen Wandel in unserem Leben.
Gibt es denn auch Sachen, wo Du sagst, die behältst Du für Dich?
Plate: Anfangs wollten wir immer das Wort 'Liebe' vermeiden, bis wir irgendwann festgestellt haben, 'Liebe' ist eigentlich schon ein schönes Wort und man sollte einfach versuchen es doch mal zu verwenden. Oder Herz auf Schmerz zu reimen, das war eigentlich eine Katastrophe, aber manchmal passt es eben. Und es hat sich lustigerweise niemals jemand beschwert. Von Abba gibt es zum Beispiel diesen Song "The day before you came", in dem nur einfach ein Tagesablauf beschrieben wird, lyrisch eine absolute Meisterleistung.
Schlussfrage: das Leben ist ein Comic, welche Comicfigur bist Du?
Plate: Ich wäre wohl Donald Duck, der fällt immer wieder auf die Nase und steht immer wieder auf, egal was ihm so zustößt. Und ich glaube, so bin ich auch, ein unverbesserlicher Optimist.

Anna R. und Peter Plate von Rosenstolz über rote Trainingsanzüge, kommerzielle Musikproduktion, Sternraketen und ihr Album "Macht Liebe"
Süddeutsche, 04.12.2008
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=383 | © planet-interview.de | Foto: Maika Gregori
15:35 Uhr, am 17. Januar 2005 | Anne
Sehr schönes Interview, nur schade, dass AnNa nicht dabei war...
» Ist eine Person realer, wenn man sie von einer HD-Kamera gefilmt sieht, als wenn man sie malt?«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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