13. April 2006
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Die Dirigentin und Chefin der Hamburgischen Staatsoper Simone Young über Publikum und Musikleben in Hamburg, ihr Festival "Ostertöne", zeitgenössische Musik, Pläne für die Elbphilharmonie und wie sie vor Auftritten "den Kopf leer kriegt"

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Frau Young, Sie sind seit dem 1. September 2005 als Generalmusikdirektorin und Intendantin der Hamburgischen Staatsoper im Amt – wie sieht Ihre Bilanz der ersten 200 Tage aus?
Young: Ich hätte mir keinen besseren Start wünschen können. Die erste Opern-Premiere, Hindemiths „Mathis der Maler“, war für uns alle wirklich ein Wagnis. Mit einer kaum - und wenn, als schwer - bekannten Oper zu beginnen, das war schon ein bißchen gefährlich. Insofern war die tolle Resonanz, die die Aufführung gefunden hat, ein schöner Start. Auch die Inszenierung von Verdis „Simon Boccanegra“ hat fast einstimmig gute Kritiken bekommen –für mich eine sehr wohltuende Sache, weil das eine meiner absoluten Lieblingsopern ist, und weil die Besetzung von mir wirklich handverlesen war. Daß die Leute jetzt sagen „wir entdecken diese Oper neu“ – schöner kann es eigentlich nicht sein.
Und wie haben Sie die ersten sinfonischen Konzerte mit den Philharmonikern erlebt?
Young: Die Konzerte würde ich ebenso als Erfolg bewerten. Damit meine ich jetzt nicht nur die Reaktion vom Publikum oder der Presse, sondern vor allem die Zusammenarbeit mit dem Orchester. Da habe ich das Gefühl, daß ich hier mein musikalisches Zuhause gefunden habe. Sicher, wir sind noch in den Flitterwochen und irgendwann wird es auch den ersten Ehekrach geben...
Gab es in den ersten Monaten bereits schlechte Erfahrungen, die Sie gemacht haben?
Young: Ja, wir haben zum Beispiel diese Wiederaufnahme von „Tri Sestri“ von Peter Eötvös: ein exzellentes Stück, eine gute Inszenierung, eine durchaus hochkarätige Besetzung – aber der Kartenverkauf ist miserabel.
Es wird zwar ständig bemängelt, wir würden nicht genug neue Werke aufführen, und dennoch können wir bei einem Werk, das in Hamburg erst zum zweiten Mal zu sehen ist, nur so wenig Karten verkaufen. Da fragt man sich dann: wenn die Leute nach neuem Musiktheater rufen, meinen sie das ernst oder ist das nur Getue?
Können Sie das Hamburger Publikum denn inzwischen ein wenig einschätzen?
Young: Nein, überhaupt nicht. Und das ist es, was mir manchmal schlaflose Nächte bereitet. Daß ein Stück an einem Abend phänomenal läuft, aber an einem anderen Wochentag, der nicht viel ungünstiger ist, der Saal halbleer ist. Das ist manchmal völlig unberechenbar. Ich denke aber, je mehr ich mich in dieser Stadt und im Musikleben vernetzen werde, desto eher werden mir auch die Gründe für solche Schwankungen klar. Im Moment ist das für mich aber alles noch ein bisschen nebulös.
Haben Sie eine Vision, die Sie mit Ihrer Arbeit in Hamburg verknüpfen?
Young: Mein Ziel als Leiterin einer solchen Institution ist, daß wir stets auf allerhöchstem Niveau arbeiten. Sicher gibt es den einen oder anderen Abend, an dem wir das nicht schaffen, an dem eine Vorstellung oder ein Konzert vielleicht nicht so gelingt, wie wir uns das wünschen würden. Was das Repertoire betrifft, bin ich ziemlich pragmatisch. So ein großes Haus wie die Hamburgische Staatsoper braucht ein ausbalanciertes Programm und da gibt es bei uns gewisse Lücken, wo noch Aufbauarbeit erforderlich ist. Bei Strauss und Wagner beispielsweise sind noch Repertoire-Lücken zu füllen.
Und welchen Stellenwert räumen Sie der zeitgenössischen Oper ein?
Young: Zeitgenössische Musik ist für mich durchaus ein Thema, aber nicht unbedingt Uraufführungen. Um die reißt sich immer jeder, dabei stirbt die Mehrzahl der Stücke nach der Uraufführung. Mich interessiert es viel mehr, deutsche Erstaufführungen von großen, internationalen Werken zu programmieren, die aufgrund ihrer Qualität ein weiteres Leben verdient haben. Deswegen bringen wir in den nächsten zwei Spielzeiten deutsche Erstaufführungen von Werken, die anderswo uraufgeführt worden sind. Es ist wichtig für einen zeitgenössischen Komponisten, daß er die Chance bekommt, in einer weiteren Produktion, mit anderer Besetzung, anderem Regisseur und Dirigenten sein Werk zu bearbeiten. Eine neue Oper ist ja zur Premiere nie fertig, da gibt es immer noch Revisionen und Bearbeitungen. Doch diese Phase erreichen die meisten zeitgenössischen Kompositionen nie, weil sich nach der Uraufführung keiner mehr dafür interessiert. Und genau da sehe ich für uns eine wichtige Aufgabe.
Sie selbst haben anfangs auch Komposition studiert. Wie stehen Sie der zeitgenössischen Komponisten-Szene gegenüber? Skeptisch, kritisch...?
Young: Für mich ist meine Herkunft als ehemalige Kompositionsstudentin in dem Moment eine große Hilfe, wo ich ungespielte Partituren vor mir habe, wo ich reinschaue und sagen kann: das hätte ich auch schreiben können. Dann weiß ich, daß das Stück nicht gut genug ist.
Manche Komponisten sind auch sehr unrealistisch in ihren Werken, viele gehen von filmischen Effekten aus, die in einem Theater nicht zu realisieren sind, zumindest nicht mit den finanziellen Mitteln, die den meisten Theatern zur Verfügung stehen. Für mich ist es wichtig, Komponisten zu fördern, die wirklich eine lyrische Qualität haben.
Ist denn der Großteil der zeitgenössischen Komponisten Ihrer Meinung nach förderungswürdig?
Young: Ich denke, das ist die Minderheit und man muß sehr wählerisch sein. Man muß sich dabei auch ein bisschen auf die eigene Urteilskraft verlassen können.
Im Laufe einer Dirigenten-Karriere begegnet man natürlich Komponisten, bei denen man weiß: mit dem kann ich was machen. Und es gibt die ganz großen wie Henze, Boulez, Rihm, Reimann oder Pärt, bei denen eigentlich klar ist: wenn sie etwas Neues rausbringen, dann wird es sicher gut sein, weil da schon die qualitative Substanz und viel Erfahrung vorhanden ist. Aber interessant ist für mich auch die nächste Generation, meine Generation, weshalb ich zum Beispiel eine enge Verbindung mit dem australischen Komponisten Brett Dean aufgebaut habe.
Und wie lässt sich Neue Musik am besten dem Publikum nahe bringen?
Young: Ich versuche immer, programmatische Verknüpfungspunkte zu finden, und es ist wichtig, das Publikum mitzuziehen. Es ist kein Zufall, daß wir in dieser Spielzeit in der Oper Hindemith machen und auch im Konzert Hindemith. Ich fand es faszinierend, wie die Leute in unseren Konzerten so angetan waren von den Hindemith-Stücken, die man sonst nie hört. Und ich glaube, das lag auch daran, daß viele der Zuhörer vorher „Mathis, der Maler“ gesehen haben. Um solche Verbindungen geht es mir.
Jetzt haben wir als nächstes die Premiere von „A Midsummer Night‘s Dream“ von Britten, und Britten spielen wir auch im Konzert. Man baut Brücken für das Publikum, damit es nicht mit etwas völlig Neuem konfrontiert wird, sondern bereits eine Art musikalisches Vorwissen hat.
Einen erkennbaren Schwerpunkt auf Neue Musik legen Sie nun auch mit Ihrem Festival „Ostertöne“, welches Sie dieses Jahr zum ersten Mal in der Laeiszhalle veranstalten.
Young: Ja, mir war es sehr wichtig, dort Werke aus den letzten 50 Jahren zu präsentieren, meiner Meinung nach qualitativ hochwertige und wichtige Kompositionen - neben dem großen Monument des 19. Jahrhunderts...
...Johannes Brahms. Welche Rolle spielt denn die Musik von Brahms für Sie ganz persönlich?
Young: Er ist vor allem eine der wichtigen Säulen des Gesamtrepertoires. Ich finde Brahms unwahrscheinlich modern für seine Zeit. Zum Beispiel, wie er ständig das Metrum versetzt und den Taktstich immer irgendwie schiebt. Andere Komponisten haben das erst 40 Jahre später als „Neuigkeit“ entdeckt. Auch seine Präferenz für eher dichte und dunkle Klangfarben ist sehr modern und nicht selbstverständlich für seine Zeit.
In fast allen Konzerten der „Ostertöne“ stellen Sie Brahms zeitgenössische Werke gegenüber. Warum genau?
Young: Die meiste Musik von Brahms ist uns sehr bekannt. Und da finde ich es immer wieder interessant, wenn man diesen Werken etwas gegenüberstellt, das uns völlig neu ist. Das ist wie mit einem Bild in einer Gemälde-Galerie: das Gemälde existiert nicht nur als Objekt alleine, es existiert auch in Referenz zu dem, was darum herum hängt. Und zu dem, was man als Betrachter gerade vor fünf Minuten erlebt hat. Das ist das Schöne an Kunst: sie ist ein lebendiges Medium, das sich immer wieder verändert. Wenn man nun zum Beispiel das Brahms-Requiem, das man hier in der Stadt wirklich sehr gut kennt, neben Wolfgang Rihms „Ernster Gesang für Orchester“ stellt – dann wird sowohl Rihm von Brahms etwas abgewinnen, als auch Brahms von Rihm in ein neues Licht gestellt.
Hat sich Ihr Verhältnis zu Brahms jetzt, wo Sie in Hamburg zuhause sind, verändert?
Young: Ich merke nur, daß Brahms hier sehr „belastet“ ist, insofern, daß er hier so viel Geschichte hat. Aber die andere große Brahms-Stadt, mit der ich musikalisch sehr verbunden bin, ist Wien. Witzig ist, beide Städte meinen, Brahms für sich beanspruchen zu können: die Wiener glauben, sie hätten Brahms erfunden, und die Hamburger denken, nur hier wüßte man, wie Brahms zu spielen sei. Einerseits ist diese starke Identifizierung einer Stadt mit einem Komponisten schon eine tolle Sache; meine eigene Heimat wird viel länger brauchen, bis sie in der Musik solche Identifikationsfiguren hat. Andererseits ist man hier bei Brahms sehr voreingenommen: wenn man mit einer neuen Brahms-Interpretation ankommt, wird man erst mal skeptisch angeguckt: „Was meinen Sie damit, warum, wieso...?“ Wobei ich auch merke, daß Hamburg eine Stadt ist, in der die Leute neugierig sind. Sie genießen das Neue zwar mit Vorsicht, aber eben auch mit Neugierde.
Doch spricht zumindest die Presse in Hamburg von einem sehr konservativen Publikum.
Young: Ich weiß nicht, ob das stimmt, das muß man auch erst mal global anschauen. Im Vergleich ist das Hamburger Publikum nicht unbedingt konservativer als anderswo. Es ist ja sowieso ein eher konservatives Publikum, das in klassische Konzerte geht. Aber ich war neulich in Berlin in der Oper und hatte das Gefühl, dass dort weit weniger junge Besucher waren als bei uns.
Sind Sie denn mit dem Altersdurchschnitt beim Hamburger Opernpublikum zufrieden?
Young: Der ist glaube ich nicht anders als der Altersdurchschnitt in der Stadt ganz allgemein, Hamburg ist keine besonders junge Stadt. Die Bevölkerung wird immer älter, generell in Deutschland und in Europa. Damit wird auch das Durchschnittsalter eines Publikums höher. Aber wenn ich die rege Nachfrage bei unseren Jugend-Abonnements bedenke und wie unsere Kartenangebote an den Musikhochschulen und Universitäten angenommen werden, dann sehe ich eine kulturbewußte Stadt, wo sich wahnsinnig viel tut, auch für den Nachwuchs und die neue Generation.
Das kann nur gut sein. Hamburg ist auch keine besonders billige Stadt zum Leben, und wenn man hier als junger Mensch Geld für Kultur ausgibt, ist das auch eine bewußte Entscheidung.
Haben Sie denn Ihre eigenen Kinder bewußt mit klassischer Musik erzogen?
Young: Wir hören zu Hause viel klassische Musik und meine Kinder sind damit aufgewachsen. Meine achtzehnjährige Tochter studiert jetzt in Oxford und hört sowohl Klassik als auch Pop. Aber sie ist zur Premiere von Verdis „Simon Boccanegra“ hergekommen, weil das ihre Lieblingsoper ist und sie unbedingt dabei sein wollte. Aber das sind Kinder, die in diesem Milieu aufgewachsen sind.
Trotzdem ist das ein wichtiges Thema, denn früher gab es zu Hause und in den Schulen viel mehr klassische Musik. Bei den meisten Dingen braucht es ein bißchen Eigenengagement um sie zu genießen. Je früher man damit beginnt, desto leichter ist es später.
Wenn heutzutage das Geld knapp ist, wird in der Schule immer zuerst der Musikunterricht gestrichen. Deshalb müssen die Kulturinstitutionen von sich aus sehr viel mehr tun im Jugendbereich. Wir engagieren uns auch gerne in diesem Bereich und diskutieren jede Woche, manchmal jeden Tag über Publikumsaufbau und über Wege, den jüngeren Menschen Zugang zur klassischen Musik zu geben. Die Balance ist aber schwierig, denn es gibt da auch Grenzen, schließlich sind wir keine Ausbildungsinstitution, auch wenn das Thema sehr wichtig ist.
Mit Ihren After-Work-Konzerten sprechen Sie ebenfalls ein jüngeres Publikum an...
Young: Ja, und auch unsere Lounge-après nach dem Konzert mit Tan Dun ist super gelaufen. Sowieso war es ein Glücksfall, Tan Dun nach Hamburg zu bringen und bei dieser Lounge danach hat der DJ Raphaël Marionneau einen tollen Mix gemacht. Ich kann mich ja leider nicht mehr zu den Jugendlichen zählen, aber die meisten dort waren jünger als ich, und das fand ich schon ein sehr gutes Zeichen. Wir wollen das wiederholen nach dem Britten/Shostakovich-Programm, denn ich halte Shostakovich für den Rock-Musiker der klassischen Musik.
Inwiefern vertragen sich solche Überlegungen und die vielen Aufgaben als Intendantin und Generalmusikdirektorin mit Ihrem Dasein als Künstlerin?
Young: Schwierig! Wenn Sie in meinem Büro herumschauen, sehen Sie stapelweise Mappen herumliegen. Obwohl es schwer ist, das alles zu bewältigen, ist es andererseits auch eine dankbare Arbeit. Als Dirigentin sehe ich sofort das Ergebnis meiner Arbeit als Intendantin oder Generalmusikdirektorin. Irgendwann muß man auch erwachsen genug sein, die Schuld nicht auf andere schieben zu können. Wenn etwas nicht funktioniert, dann muß ich wissen, was zu tun ist. Dazu muß man auch Vertrauen haben und Verantwortung abgeben – das ist für mich sehr schwierig, denn ich bin einfach ein Multitasker.
Ist das generell die Aufgabe eines Musikers in der heutigen Zeit?
Young: Ja, man muß sich viel mehr mit Politik und Werbung beschäftigen. Manchmal freut man sich auf den Tag, an dem man alt genug ist, sich mit solchen Dingen nicht mehr beschäftigen zu müssen und sich nur der schönen Musik und dem feinen Essen widmen kann (lacht). Ja, es ist wirklich so heutzutage. Man muß akzeptieren, daß die Musik auch eine Industrie ist. Aber lesen Sie, was Mahler während der letzten Jahrhundertwende über seine Arbeit in Wien geschrieben hat. Sehr viel hat sich seither nicht geändert. Es ist nur heftiger geworden mit den schnellen Kommunikationsmöglichkeiten. Es häuft sich alles im Minutentakt anstatt im Monatstakt.
Wenn Sie am Pult stehen und dirigieren, sind Sie dann ausschließlich Dirigentin?
Young: Ja, und das ist für mich, glaube ich, die Rettung. Denn wenn man ausschließlich administrative Tätigkeit hätte, wie bekäme man dann je den Kopf frei? Man könnte eigentlich 24 Stunden daran arbeiten und denken. Wenn ich am Abend Vorstellung habe, muß ich jedoch ganz diszipliniert mit mir selber sein. Da hört für mich der Arbeitstag um 15 Uhr auf. Egal was sonst noch passiert, ich muß diese Stunden der Ruhe vor der Vorstellung haben, um den Kopf leer zu bekommen, damit ich am Abend nur an die Musik denke.
Wie bekommen Sie dann den Kopf leer?
Young: Ich habe dafür ein richtiges Ritual. Vorhang zu, Telefon und Internet abschalten. Wenn ich nicht schlafen kann, meditiere ich, mache Atemübungen und das für mindestens eine Stunde. Das klingt sehr nach Luxus, ist aber die einzige Möglichkeit, am Abend fit zu sein. Normalerweise stehe ich um 6 Uhr morgens auf, erledige am Computer zuhause meine Korrespondenz, bin zwischen 8 und 9 im Büro, dann Proben ab 10, nachmittags Besprechungen, Vorsingen oder Interviews...
Gibt es sonst noch etwas, wobei Sie vollkommen abschalten können?
Young: Schwimmen. Ich bin sehr abhängig vom Wasser und könnte stundenlang am Wasser sitzen und die Schattierungen des Wassers beobachten oder schwimmen. Auch Tiefseetauchen habe ich einige Jahre lang gemacht und fand es phantastisch.
Kommen wir noch einmal zurück zu den Ostertönen. Es fällt auf, daß das NDR Sinfonieorchester nicht dabei ist...
Young: Ja, leider paßte es nicht in deren Konzertplan als wir anfingen zu planen. Auch das Philharmonische Staatsorchester war nur deshalb frei, weil zufällig zu diesem Zeitpunkt ein Sonderkonzert geplant war. Deswegen haben wir uns aber sehr bemüht, den NDR Chor dabei zu haben, es wäre nicht repräsentativ für Hamburg, wenn der NDR nicht in irgendeiner Form dabei wäre. Wir hoffen aber, daß das Orchester beim nächsten Mal teilnehmen kann.
Bietet sich das Festival auch dafür an, den runden Tisch mit den Kollegen Christoph von Dohnanyí vom NDR und Andrey Boreyko von den Symphonikern zu initiieren?
Young: Das wäre bestimmt interessant, aber eher unter sechs Augen. Da würde sicher viel Rotwein fließen und ein reger Ideenaustausch stattfinden. Wir sind aber alle drei viel beschäftigte Dirigenten. Bestimmt wäre das für uns drei sehr spannend, aber ob das auch für die Zuhörer so wäre, weiß ich nicht. Sobald ein Publikum dabei ist, sind wir nicht mehr nur Denker sondern „Performer“. Natürlich gibt es aber viele Kontakte zwischen den Dramaturgen, um Überschneidungen bei den Programmen zu vermeiden.
Immerhin verbindet Sie mit dem Bau der Elbphilharmonie eine gemeinsame Vision. Inwiefern beflügelt Sie das persönlich?
Young: Ich finde, dass so ein Neubau eine tolle Sache für eine Stadt ist. Ich habe mehrfach erlebt, wie das eine Stadt belebt. In Sydney war ich ein wenig zu jung, um die Aufregung um den Opernneubau direkt mitzubekommen. Ein solches Projekt hat aber eine große Bedeutung für die Identität einer Stadt. Neulich war ich in Kopenhagen im neuen Opernhaus. Man spürt auch dort sofort eine neue Energie in der Stadt, die einen neuen Fokus bekommt. Den Begriff „Wahrzeichen“ halte ich nicht ganz für richtig. Vielmehr geht es um das Bekenntnis einer Stadt, die die Kunst für wichtig hält und für eine kulturelle Bereicherung sorgt. Sicher werden auch Probleme kommen. In einer Zeit, in der Konzerte zwar gut besucht, aber nicht voll sind, muß man sich sehr bemühen, wenn es dann über 3500 Plätze zu füllen gilt. Aber selbst diese Problematik führt zu Diskussionen, die sich nur positiv auf eine Stadt und ihr kulturelles Leben auswirken können.
Was ist denn aus Ihrer Sicht inhaltlich notwendig, um diese Plätze in fünf bis zehn Jahren besser auslasten zu können?
Young: Wir sind noch im Gespräch mit der Kulturbehörde, was genau unsere Verpflichtungen und Möglichkeiten sein werden. Noch gibt es keine Verträge und solang der Intendant fehlt, finden alle Planungen im Nebel statt. Sicher wird eine sehr klare Programmgestaltung notwendig sein und ein sehr gezieltes Marketing, um dieses Programm publik zu machen. Wir sind ein Landesbetrieb, die Philharmoniker sind das städtische Orchester und haben ein sehr begrenztes Budget für Marketing und Werbung, was deshalb meistens von der Oper mitgemacht wird. Wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollen, müssen wir mehr in Werbung und Marketing investieren , damit unsere interessant gestalteten Programme auch beim Publikum ankommen.
Wie sehen Ihre inhaltlichen Vorstellungen für die Bespielung der Elbphilharmonie aus?
Young: Da bin ich ganz anderer Meinung als der NDR, wo man sagt, daß man die Laeiszhalle nur noch für Musik des Barock oder der Klassik verwenden möchte. Sicher wird der größere Platz in der Elbphilharmonie die Aufführung der sehr groß besetzten Werke des 20. Jahrhunderts eher ermöglichen, was in der Laeiszhalle manchmal einfach nicht denkbar ist. Die Turangalîla-Sinfonie von Messiaen hat den Saal in seiner Pracht gezeigt, gleichzeitig aber auch seine Grenzen deutlich gemacht. Ich möchte aber nicht ausschließen, daß wir Musik bis zur zweiten Wiener Schule oder kleiner besetzte moderne Werke auch in Zukunft in der Laeiszhalle aufführen. Schließlich ist diese auch geschichtlich gesehen unser Zuhause.
Wo wird das Philharmonische Staatsorchester dann seine Heimat finden?
Young: Unsere Heimat bleibt Hamburg, das finde ich wichtig. Wir wollen weder die Laeiszhalle endgültig verlassen noch auf den neuen Saal verzichten. Momentan diskutieren wir die möglichen praktischen Lösungen, um beide Säle zu bespielen. Ob das nun eine geteilte Abonnements-Reihe bedeutet, gewisse Konzerte einmal in der Elbphilharmonie und einmal in der Laeiszhalle gespielt werden oder ein Wochenende hier und eines dort. Solange es keinen Intendanten gibt, ist es schwer, in solchen Dingen Entscheidungen zu fällen.
Stellen wir uns zum Schluß das Musikjahr 2020 vor und träumen ein wenig....
Young: Im Jahr 2020 werde ich fast 60 sein, soweit kann ich nicht denken. Ich habe früher immer Fünfjahrespläne gemacht und mir vorgestellt, was ich bis einem bestimmten Zeitpunkt meines Lebens erreicht haben möchte. Das, wonach man am meisten strebt, erreicht man dann aber sowieso nicht. Dafür sind dann die Überraschungen des Lebens die schönsten Dinge. Hamburg ist für mich dafür das perfekte Beispiel. Als ich aus Sydney wegging, war ich fest entschlossen, mindestens fünf Jahre kein festes Engagement anzunehmen. Ich wollte nur an die Musik denken und mich nicht um Administration oder Politik kümmern, in einem schönen Zuhause wohnen und ab und zu für eine Woche wegfliegen, um als Gastdirigentin aufzutreten. Plötzlich aber war Hamburg im Gespräch, und so kam ich her, habe mit dem Orchester gearbeitet und gespürt, daß das Sinn macht. Wer weiß, was 2020 sein wird?
Wird Hamburg dann die große Musikmetropole sein, von der man heute spricht?
Young: Wenn Hamburg so weiter macht, ja, denn Hamburg ist eine der wenigen Städte Europas, in der ein Aufwärtstrend in Sachen Kunst zu spüren ist. Es gibt so viele Städte, in denen es nur um das Sparen und Kürzen geht. Das ist jedoch ein sehr kurzsichtiges Handeln, und die Menschen werden erst in 10 bis 15 Jahren sehen, was sie damit kaputt gemacht haben. In Hamburg geht der Trend aber in eine andere Richtung, und das ist etwas, worauf die Hamburger richtig stolz sein können.
Glauben Sie, daß es gelingt, in die Top Ten der Musikmetropolen aufzusteigen?
Young: Warum nicht? Sind wir nicht schon da?
Netzeitung, 08.02.2005
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=445 | © planet-interview.de | Foto: in medias PR
» Vielleicht gibt es in der Zukunft einen intelligenten Ipod, mit dem du deine eigenen Songs kreieren kannst, zusammengesetzt aus Teilen von allen Songs, die jemals existiert haben.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
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