25. September 2004
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Wim Wenders über eine neue Basis für politische Filme, die 'Hauptstadt des Hungers' Los Angeles und warum sein Film "Land of Plenty" eine Low-Budget-Produktion sein musste

© Reverse Angle Pictures
Wim Wenders wurde 1945 in Düsseldorf geboren. Als einer der einflussreichsten Vertreter des New German Cinema in den Siebziger Jahren, haben seine Filme – darunter American Friend (1978), Paris, Texas (1984), Wings of Desire (1987) or Buena Vista Social Club (1999) – zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Wim Wenders wohnt mit seiner Frau, der Photographin Donata Wenders, in Los Angeles und Berlin. Er ist Präsident der Europäischen Filmakademie und Mitglied des Orden Pour le Mérite.

"Ich besitze in den USA keinen Fernseher und kann mich da gar nicht dran gewöhnen, wie schlecht das ist und wie unbrauchbar. Ich finde das Fernsehen dort wirklich menschenverachtend."
Voriges Zitat
"Los Angeles zeigt seine Fassade gern nach außen, aber zum Teil steckt gar nichts dahinter. Hinter dem Glamour verbirgt sich die Hauptstadt des Hungers."
Voriges Zitat"Mut allein reicht nicht zum Filme machen. Der ist wichtig, aber es gehört auch dazu, dass man was zu erzählen hat."
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Herr Wenders, Ihr Film "Land of Plenty" war sowohl in Venedig als auch bei der internationalen Presse ein großer Erfolg. Was meinen Sie, wie wird das amerikanische Publikum auf Ihren Film reagieren?
Wenders: Das wird ganz bestimmt schwieriger. In Toronto ist er bei der kanadischen Presse und den Zuschauern zwar riesig angekommen, aber Kanada ist ja nicht Amerika. Und da weiß ich noch nicht so richtig… Die amerikanischen Verleihe haben noch ein bisschen Angst vor dem Film.
Im Moment gibt es ja sehr viele Filme, die die politische Situation der Vereinigten Staaten thematisieren. Hatten Sie selbst Angst, dass Ihr Film zwischen den ganzen anderen Filmen rund um den 11. September untergehen wird?
Wenders: Nein, da habe ich gar keine Angst. Ich weiß ja, was für einen differenzierten und liebevollen Film ich gemacht habe. Und ich weiß auch, wie viele Emotionen darin stecken. Wenn die Leute das dann hinterher in eine Schublade tun, wo es nicht reingehört, kann man nichts dran ändern.
Was halten Sie denn von Michael Moores "Fahrenheit 9/11"?
Wenders: Den habe in Amerika gesehen mit einem großen amerikanischen Publikum. Da kam er gut an, weil dieser polemische Ton ja auch den Zeitnerv trifft. Da zur Zeit viel mit Propaganda-Polemik gearbeitet wird, ist so ein Film vielleicht die einzige Art, sich Gehör zu verschaffen - zumindest bei einem so großen Publikum.
Es ist nicht meine Art Filme zu machen. Und als Film ist er für mich auch belanglos, aber als Stimme bin ich froh, dass es den Mann gibt und dass der all die Zuschauer gefunden hat.
Welche aktuellen Filme zum Thema amerikanische Politik schätzen Sie denn?
Wenders: "The Fog of War" läuft zum Beispiel. Der gehört auch so ein bisschen in diese Reihe von Filmen, die sich zu diesem Klima äußern. Dann gibt's noch einen, den habe ich jetzt noch nicht gesehen, aber von dem haben mir jetzt viele Freunde erzählt: "Corporation". Es tut sich was im Kino, da ist eine neue Realitätsbezogenheit, die ich ganz toll finde.
Könnte man denn sagen, dass eine neue Basis für den "politischen Film" oder politisch motivierten Film entstanden ist?
Wenders: Da ist ja auf jeden Fall eine neue Basis für einen politisch aktiven Film drin. Und das finde ich ganz wichtig in einer Zeit, in der andere Medien, zum Beispiel das Fernsehen in Amerika, diese Funktion gar nicht mehr wahrnimmt. Hier in Europa ist das ja noch nicht unbedingt so, wenn ich Italien mal ausklammere.
Ich weiß noch, als Kind, da gab es kein Fernsehen. Aber dafür hatten wir die "Volkstönende Wochenschau" im Kino, wo man einmal in der Woche die Welt erlebt hat. Und es kommt mir so vor, als ob das Kino jetzt im 21. Jahrhundert diese Funktion plötzlich wieder erkennt und sieht, dass es Türen und Fenster in die Welt öffnen kann, weil die Medien und Herr Murdoch die Türen alle zumachen.
Mit den Medien in den USA gehen Sie ja ziemlich hart ins Gericht…
Wenders: Ja, da habe ich auch nie ein Geheimnis draus gemacht. Ich besitze in den USA keinen Fernseher und kann mich da gar nicht dran gewöhnen, wie schlecht das ist und wie unbrauchbar. Ich finde das Fernsehen dort wirklich menschenverachtend.
Die Medien haben in den USA - neben der Wirtschaft - einen starken Einfluss auf die Politik. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Demokratie dort nur noch eine Scheindemokratie ist. Geht die Entwicklung in Deutschland möglicherweise auch in diese Richtung?
Wenders: Ich glaube nicht. Ich bin gerade an dem Tag in Deutschland gelandet, als die NPD plötzlich im sächsischen Landtag war. Trotzdem habe ich eigentlich im selben Atemzug gedacht. "Ja, kann passieren." Es gab ja im Westen schon rechte Parteien im Landtag, die nur bewiesen haben, wie chaotisch und unbrauchbar sie sind. Man wird auch jetzt sehen, das denen nix und aber nix gelingt. Das ist eigentlich auf eine merkwürdige Weise ein Beweis dafür, wie gut die Demokratie hier funktioniert - gerade im Vergleich zu Amerika, wo antidemokratische Tendenzen so großen Einfluss haben.
Was erwarten Sie sich von den Wahlen in den Staaten?
Wenders: Naja, das eine ist das, was ich hoffe; das andere ist das, was man denkt. Ich hoffe natürlich, dass der Kerry eine Chance hat. Falls es aber beim Bush bleibt, werden die Amerikaner sich das nicht so gefallen lassen wie jetzt die vergangenen dreieinhalb Jahre. Da wird es dann jede Menge Filme, Texte, Musik und Bücher geben, die ein anderes Amerika vertreten.
Ist dieser Aufstand der Künstler denn ehrlich gemeint?
Wenders: Geschäftlich gemeint kann er nicht sein, denn Einigen hat es ja richtig geschadet, dass sie sich zu Wort gemeldet haben. Sean Penn hat ordentlich einen auf die Hucke bekommen, und ist auch aus Filmen rausgeflogen.
Ihr Film "Land of Plenty" ist ja auch ein Beitrag dazu. Hatten Sie die Geschichte des Films eigentlich schon lange im Kopf? Sie hatten ja nur ganz wenig - und ziemlich überraschend - Zeit für den Film…
Wenders: Die Geschichte war überhaupt nicht da. Da kam plötzlich dieses Fenster, in dem ich etwas anderes machen konnte und da habe ich mir gesagt, das muss etwas sein, was mir auf der Seele brennt und was wirklich wichtig ist. Und das war für mich damals im Sommer 2003 die politische Situation in den USA. Ich musste mich einfach zu dieser Enge, diesem Gefühl der Verlorenheit der Amerikaner, auch der Weltverlorenheit, äußern. Ich lebe ja in L.A. und irgendwie hatte ich das Gefühl, ich kann jetzt hier nicht bleiben. Entweder ich äußere mich oder ich muss hier weg - das geht mir jedenfalls auf den Docht.
Warum haben Sie eigentlich Los Angeles als Ort zum Leben in den USA gewählt?
Wenders: Ich fahre gern Auto, höre dabei Musik und hänge meinen Gedanken nach. Dass L.A. so eine Autostadt ist, kommt mir also ganz gelegen. Auf der anderen Seite ist es auch eine Stadt, in der ich anonymer sein kann als sonst irgendwo. Dort sind so viele wichtige Leute und Stars, dass man jemanden wie mich völlig in Ruhe lässt. So richtig schön anonym untergehen kann ich sonst kaum. Und dann interessiert mich die Stadt auch, weil sie so gegensätzlich ist. Die Stadt zeigt ihre Fassade gern nach außen, aber zum Teil steckt gar nichts dahinter. Hinter dem Glamour verbirgt sich die Hauptstadt des Hungers, ein Brennpunkt in Amerika.
Wegen all diesen Gründen habe ich die letzten acht Jahre dort gelebt. Jetzt bin ich allerdings nach New York umgezogen. Denn L.A. war auch zu weit weg von Berlin. Es fiel mir schwer zu sagen, ich lebe in Berlin und in L.A. - das sind ja zwei unvereinbare Planeten.
Sie sagen, dass Los Angeles die Hauptstadt des Hungers ist. Das wäre doch auch ein gutes Thema für einen Dokumentarfilm. Warum haben Sie keine Dokumentation gedreht?
Wenders: Weil ich wusste, dass ich das, was ich erzählen wollte, besser mit einer Geschichte erzählen kann. Ich habe ein bisschen gezögert. Denn wenn man dann durch Downtown LA fährt, und die Armut dort und auch in anderen Städten Amerikas sieht, dann denkt man schon, dass das jemand machen muss, und zwar mit aller Kraft. Und das wird auch bestimmt jemand machen. Jemand wird sich dem Thema widmen - nicht nur der physischen Armut, sondern auch der kulturellen, spirituellen und politischen Armut, die da herrscht. Aber meine Stärke ist es eher, das mit einer Geschichte und mit Charakteren zu erzählen.
Die Charaktere sind in "Land of Plenty" zwei völlig gegensätzliche. Die Figur der Lana ist für Nicht-Amerikaner ziemlich gut nachvollziehbar, aber wie haben Sie sich in Paul hineinversetzen können? Kennen Sie jemanden, der so ist wie der Paul im Film?
Wenders: Ich kenne eine ganze Menge Leute, die Elemente von diesem Paul haben. Ich hatte mal einen Nachbarn, der nur in seinem LKW gelebt und die Straße bewacht hat. Und der Michael Meredith, mit dem ich zusammen das Buch geschrieben habe, der hat einen Onkel, bei dem er aufgewachsen ist. Dieser Onkel war Vietnam-Veteran, also ein sogenannter Agent Orange, der sehr unter den Spätfolgen gelitten hat. Damit hatte er eine Informationsquelle ganz nah bei sich in der Familie.
Ich kenne aber auch andere, die so dieses Don-Quijote-hafte haben, was der Paul ja nun hat. Irgendwo macht es diese Figuren auch liebenswert und man denkt: "Mensch, voll des besten Willens, aber leider in die falsche Richtung losgerannt oder verführt in die falsche Richtung loszurennen."
Der Filmtitel "Land of Plenty" stammt von dem gleichnamigen Song von Leonard Cohen. Was hat er bei Ihnen bewirkt?
Wenders: Das ist ein wunderschönes Lied, was der Leonard Cohen schon vor drei Jahren geschrieben hat. Es ist auf seiner CD "Ten New Songs", die ich viel und gern gehört habe. Allerdings ist mir erst beim Drehen aufgefallen, dass dieser Song alles beinhaltet, wovon ich erzählen wollte. Der Song handelt von so einer geistigen Armut und davon, dass in dem Land des Überflusses die Wahrheit hoffentlich nicht ganz verkommt. Erst nach unserem Dreh habe ich mich dann mit Leonard Cohen in Verbindung gesetzt und ihm von meinem Film erzählt. Er hat das Drehbuch gelesen und später auch den Rohschnitt angeschaut. Und dann hat er uns nicht nur den Song und damit den Filmtitel geschenkt, sondern hat uns darüber hinaus auch noch ein weiteres Lied geschrieben - das läuft jetzt im Abspann des Films.
Ein Großteil der Filmmusik stammt aber von dem Musiker Thomas Hanreich alias Thom. Hatten Sie den von Anfang im Kopf?
Wenders: Nein, den habe ich erst hinterher entdeckt. Während ich den Film gemacht habe, hatte ich eigentlich "Radiohead" im Kopf. Die waren auch interessiert, aber leider hat es wegen deren Tourplänen und anderen Terminen nicht geklappt.
Ich bin aber sehr froh, dass uns statt dessen der Thom den Score gemacht hat. Er hat musikalisch meine tollsten Wünsche übertroffen. Und er war auch vom Gefühl her genau richtig für den Film. Ich habe ja in Amerika gedreht, als Europäer und nicht mit amerikanischen Augen. Und diesen Zwiespalt hat Thom, der ja auch aus Deutschland kommt, mit seiner Musik noch ein bisschen mehr betont.
Der Münchener ist ja noch ein ganz Junger…
Wenders: Ja, er hat im letzten Sommer seine erste CD "Gods and Monsters" herausgebracht. Die habe ich zufällig gehört und es hat mich sehr beeindruckt, dass da einer so symphonisch arbeitet und so sicher mit Atmosphären und Emotionen umgehen kann. Er hat für diesen Film wirklich einen großartigen Score geschrieben und ein paar ganz tolle Lieder . Und ich habe diesen Film auch sonst vor allem mit jungen Leuten gemacht: Der Franz, der Kameramann, hat mit "Land of Plenty" seinen ersten Spielfilm gemacht. Und auch der Moritz, der ihn geschnitten hat, war erst 22.

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Sie unterrichten auch als Professor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Was ist das Wichtigste, was Sie den Filmemachern von morgen beibringen wollen?
Wenders: Eigentlich will ich ihnen nichts beibringen. Ich will nur versuchen mit ihnen gemeinsam auszuloten und zu erforschen, in welcher Landschaft man heute Filme machen kann - mit all den neuen Möglichkeiten. Und da ist "Land of Plenty" auch so eine Ermutigung, ein Forschungsfilm. Der ist ja digital gedreht, mit Mitteln, mit denen man in Hollywood nicht mal einen Nachmittagskaffee bezahlen kann.
Welche Vorteile hatten Sie denn durch den Dreh mit der digitalen Kamera?
Wenders: Es ist im Kino so, dass man umso weniger erzählen kann, je mehr Geld man hat. Und wir hatten bei diesem Film so wenig Geld, dass wir richtig viel erzählen konnten. Wir haben mit diesem jungen Team einen Film gedreht, den alle wollten und hinter dem alle gestanden haben. Denn sobald man richtig Geld investiert, geht das alles nicht mehr. "Land of Plenty" hätten wir mit einem Etat von 5 Millionen so nicht machen können. Allein die Finanzierung hätte schon drei Jahre gedauert. Und dann hätten trotzdem noch tausend Leute reingeredet. Den Film haben wir jetzt in drei Wochen geschrieben und in 16 Tagen gedreht - und da hat niemand reingeredet. Es hat auch niemand korrigiert oder irgendwie Veto gebrüllt. Der ist so, wie er ist, noch vor ein paar Jahren wäre so ein Film undenkbar gewesen.
Auf Film hätte man so was überhaupt nicht drehen können. Aber den meisten Leuten wird es sowieso wurscht sein oder sie werden es gar nicht merken, dass mit Kameras gedreht worden ist, die man um die Ecke kaufen kann.
Sehen Sie im digitalen Film Ihre Zukunft?
Wenders: Für mich ist das digitale Kino noch Neuland. Das mache ich deswegen mit den Hamburger Kunststudenten, weil es auch für mich viel zu entdecken gibt. Die meisten von denen sind ja damit groß geworden: die haben alle ihr "Final Cut" auf dem Computer, gehen alle mit digitalen Fotos, Tonaufzeichnungen und Kameras um. Nur was man damit alles erzählen kann, das gilt es noch zu herauszufinden.
Sind denn die jungen Filmemacher auch mutiger geworden?
Wenders: Da fällt mir eigentlich nur das Zitat vom Schiller ein: "Mut zeiget auch der Mameluck". Mut allein reicht nicht zum Filme machen. Der ist wichtig, aber es gehört auch dazu, dass man was zu erzählen hat. Und da sehe ich schon viele gute Leute hier. Ich sehe auch viele gute erste Filme und ich glaube, dass sich das deutsche Kino in den letzten Jahren international durchaus auch Respekt verschafft hat. Es war ja eine Weile so, das es deutsches Kino gab, aber niemand in der Welt es bemerkt hat. Nun sind viele Filme auch in die Welt gereist. "Goodbye Lenin" ist zum Beispiel auch in den USA sehr gut gelaufen und auch "Out of Africa" ist bemerkt worden.
Wie sieht Ihr nächstes Filmprojekt aus?
Wenders: Meinen nächster Film "Don't come knocking" habe ich gerade in Amerika abgedreht. Der ist mit Sam Shepard, Jessica Lange, Tim Roth und Sarah Polley - eigentlich eine schöne Besetzung. Alles richtig tolle Schauspieler. Aber wenn ich "Don't come knocking" fertig habe, möchte ich auf jeden Fall einen Film in Deutschland oder zumindest in deutscher Sprache in Angriff nehmen. Aber ich weiß noch nichts genaues, bisher gibt es da nur viele Ideen und Wünsche...

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Spiegel Online, 14.11.2008
Berliner Zeitung, 15.11.2008
alert, --.--.1992
Online-Version: http://www.planet-interview.de/index.php?id=541 | © planet-interview.de | Foto: Reverse Angle Pictures
» Natürlich kann ich nicht sagen: „Super, ich schlage Frauen“, das würde ich niemals sagen – und ich verurteile so etwas.«
Welt Online 01.04.
Berliner Zeitung 31.03.
Der Tagesspiegel 31.03.
jetzt.de 29.03.
Die Zeit 29.03.
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