Ein einstündiges Interview mit Wladimir Putin von Thomas Roth wurde auf 10 Minuten gekürzt. Die Frage steht im Raum: Hat die ARD nur gekürzt oder auch zensiert?

Eine Welle der Entrüstung geht durch die Blogosphäre, Stein des Anstoßes ist das jüngste Interview, das Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin einem deutschen Medium gegeben hat. Geführt wurde es von Thomas Roth am 29.08. für die ARD, am Abend desselben Tages wurde es in einer 10-minütigen Fassung nach den „Tagesthemen“ gezeigt.
Die ARD stellte das komplette Interview-Material allerdings auch anderen russischen Fernsehsendern zur Verfügung, die zum Teil bis zu 40 Minuten ausstrahlten. Eine 27-minütige Version gibt es auf rutube.ru, mit deutschen Untertiteln läuft es in drei Teilen auf Youtube: Teil1, Teil2 und Teil3.
So wurde es möglich, zu überprüfen, welche Passagen die ARD in ihrer gekürzten Version weggelassen hat.
Getan hat dies der Blogger Jens Berger in seinem Blog Spiegelfechter, wo er in einer Komplettabschrift des Interviews (Quelle hier) die Kürzungen markiert hat. Berger fragt sich „warum aus dem Interview gerade die Stellen herausgefiltert wurden, die der westlichen Position widersprechen.“ Weiter analysiert Berger: „Mit der vorgenommenen Kürzung erhält das Interview einen vollkommen anderen Informationsgehalt. Die ARD hat in diesem Falle die Grenze zwischen journalistischer Verantwortung und Meinungsmanipulation überschritten.“
Die Netzgemeinde antwortete mit Hunderten, z.T. sehr kritischen Kommentaren, insbesondere im Tagesschau-Blog, das dadurch für mehrere Stunden nicht erreichbar war (offiziell wg. „Wartungsarbeiten“). Inzwischen gibt es eine Stellungnahme von Thomas Roth zu den umstrittenen Kürzungen, worin er die von der ARD gesendete Version als „Zusammenfassung“ bzw. „redaktionelle Fassung“ verteidigt, die „mit Zensur nicht das geringste zu tun“ habe.
Doch das Protokoll des Spiegelfechter spricht eine andere Sprache. Schon Putins erste Antwort - die Gegenfrage, wer den Krieg in Ossetien ausgelöst hat – wurde weggekürzt. Es fehlt dann u.a. der Vergleich zum unterlassenen Eingriff der Blauhelmsoldaten im Bosnienkrieg 1995, Putins Schilderung von Verbrechen der georgischen Streitkräfte in Ossetien, der Hinweis, dass heute noch immer US-Streitkräfte in Europa stationiert sind, während die sowjetischen Okkupationskräfte abgezogen wurden, weiterhin der Vergleich zur Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo und Putins Mutmaßung, die USA hätten die Krise in Ossetien mit herbeigeführt – alles Argumente, die Putin vortrug, um das Vorgehen Russlands in Ossetien zu begründen.
Die Stellungnahme von Thomas Roth ist da nur ein schwacher Trost, sie lässt zu viele Fragen offen, die auch der Spiegelfechter formuliert hat: „Warum wurde das Interview in voller Länge nicht ins Internet gestellt? Warum wurde das Interview in voller Länge nicht auf einem Spartensender gezeigt? Warum findet sich nirgends ein von der ARD autorisiertes Script mit dem Interview in voller Länge? Warum erweckte man sowohl im Fernsehen, als auch im Internet, den Eindruck, das gekürzte Interview sei nicht gekürzt, sondern vollständig?“
Diesen Fragen wird sich Thomas Roth allerdings auch stellen, er hat einen Chat auf tagesschau.de angekündigt, am 04.09. um 13Uhr. Zudem hat er die Veröffentlichung eines vollständigen Interview-Transkripts angekündigt. Und man hat sich tatsächlich zur Ausstrahlung des ungekürzten Interviews durchringen können. Allerdings dürften die wenigsten Kritiker von Ort und Uhrzeit der Sendung begeistert sein: das Interview läuft am 02.09. im (Regionalsender) WDR um 6.20 Uhr.
Update 02.09.: Die ARD hat auf tagesschau.de nun eine lange, 28-minütige Fassung des Interviews eingestellt. Die verschriftlichte Version fehlt allerdings nach wie vor.
Update 02.09.: Nun ist zu guter letzt auch eine "Langfassung" des Interviews mit Wladimir Putin auf tagesschau.de eingestellt worden.
Update 04.09.: Thomas Roth hat sich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu Wort gemeldet.
Autor: Jakob Buhre
Bildquelle: WDR
23:55 Uhr, am 03. März 2010 | Nina-online
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